Martin Permantier 7 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Verwendungskatastrophen sind Haltungserweiterungsverhinderer

Wir glauben oft, wenn wir etwas richtig gut können, sollten wir es einfach noch konsequenter tun. Doch genau hier beginnt die Verwendungskatastrophe. Jede Haltung hat eine eigene Logik und ihre spezifische Stärke. Doch wenn wir diese Logik überdehnen, kippt sie. Aus Klarheit wird Starrheit, aus Zugehörigkeit wird Anpassung, aus Analyse wird Distanz. Entwicklung entsteht nicht durch Perfektionierung, sondern durch die Spannung zur nächsten Haltung.

Wir zeigen dir sechs typische Verwendungskatastrophen und was sie über Entwicklung verraten. Sie sind Teil des emergetischen Ansatz, den ich zusammen mit Susanne M. Zaninelli, Christoph Jan Kramer und der Community haltung-erweitern.de entwickelt habe.

Verwendungskatastrophen

Der emergetische Blick auf die selbstorientiert-impulsive Haltung

Wenn Durchsetzung zur Sackgasse wird

In der selbstorientiert-impulsiven Haltung liegt eine enorme Kraft. Menschen sagen klar, was sie wollen, setzen Grenzen und bringen Energie ins Handeln. Doch wenn diese Logik überdehnt wird, entsteht die Verwendungskatastrophe: Ich setze mich immer durch, egal was es kostet. Konflikte eskalieren, Beziehungen brechen und die Welt wird zunehmend zum Widerstand. Was hier abgewehrt wird, ist die soziale Dimension, wie Rücksicht, Regeln und Zugehörigkeit. Die Durchsetzungskraft ist nicht das Problem, sondern dass sie absolut gesetzt wird. Die Person erlebt andere Menschen dann vor allem als Hindernis oder als Konkurrenz. Der Wendepunkt entsteht, wenn ich erkenne, dass ich nicht alles allein durchsetzen kann. Entwicklung beginnt dort, wo ich anfange, mich auf andere einzulassen.

Der emergetische Blick auf die gemeinschaftsbestimmt-konformistische Haltung

Wenn Anpassung unsichtbar macht

Die gemeinschaftsbestimmt-konformistische Haltung ermöglicht Zugehörigkeit. Menschen verstehen Erwartungen, sind verlässlich und sorgen für Stabilität. Doch auch hier gibt es eine Grenze. Wird diese Haltung überdehnt, entsteht die Verwendungskatastrophe der Überanpassung. Ich funktioniere, erfülle Erwartungen, aber verliere zunehmend den Kontakt zu mir selbst. Ich bin zwar dabei, aber nicht mehr wirklich da. Abgewehrt wird hier die eigene Perspektive, das eigenständige Denken und die Möglichkeit zur Abweichung. Die Zugehörigkeit ist nicht das Problem, sondern die Überanpassung an sozialen Erwartungen. Entwicklung beginnt an dem Punkt, an dem ich merke, dass ich mehr bin als meine Rolle und beginne, selbst zu denken. Die Tür ist die Vernunft und die Fähigkeit, zwischen Erwartungen und eigener Perspektive unterscheiden zu können.

Der emergetische Blick auf die rationalistisch-funktionale Haltung

Wenn Analyse uns vom Leben trennt

Die rationalistisch-funktionale Haltung bringt Klarheit. Sie ermöglicht es, Zusammenhänge zu verstehen, Systeme zu durchdringen und Prozesse zu optimieren. Doch wenn diese Stärke übertrieben wird, entsteht eine subtile Form der Entkopplung. Alles wird analysiert, aber immer weniger wird doch nicht wirklich erlebt. Beziehungen werden funktional, Gefühle gelten als Störung. Die Verwendungskatastrophe zeigt sich als Distanz zur eigenen Erfahrung. Abgewehrt wird hier der Selbstbezug, das Einbeziehen der eigenen Subjektivität. Das Problem ist nicht Analyse, sondern die Entkopplung vom eigenen Erleben. Wir verbergen uns vor uns selbst, verstecken uns in Teilpersönlichkeiten, ohne deren Widersprüchlichkeiten zu fühlen. Nur das Außen zählt. Alles, was nach innen verweist wird noch vermieden oder funktional erklärt. Entwicklung beginnt dort, wo ich erkenne, dass ich nicht nur Beobachter bin, sondern Teil des Geschehens. Es gibt keine Realität, die wir nur von außen betrachten. Wir wirken mit unserer Deutung an der Wirklichkeit mit. Das hilft zu erkennen, dass mehrere Meinungen richtig sein können. Entwicklung entsteht dann, wenn der Wunsch auftaucht, nicht nur zu funktionieren, sondern als selbstbestimmter Mensch mit eigenen Sichtweisen und eigenen Entscheidungen leben zu wollen.

Der emergetische Blick auf die eigenbestimmt-souveräne Haltung

Wenn Authentizität zur Grenze wird

Die eigenbestimmt-souveräne Haltung steht für Selbstbezug, Klarheit und Authentizität. Menschen in dieser Haltung wissen, wofür sie stehen, und übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Doch genau in dem Versuch, authentisch zu sein, zeigt sich eine neue Spannung. Denn je ehrlicher wir auf uns selbst schauen, desto deutlicher wird: Wir sind nicht eindeutig. In uns tauchen widersprüchliche Impulse auf, unterschiedliche Bedürfnisse, Gefühle und Sichtweisen, die nicht mehr in ein konsistentes Selbstbild passen. Authentizität führt damit nicht zu Klarheit, sondern zunächst zu Irritation.

Die Verwendungskatastrophe entsteht, wenn wir diese Widersprüche nicht halten können. Dann wird Authentizität verengt zu einer festen Erzählung: „So bin ich. Den Rest mache ich weg“ Der lebendige Prozess des Selbstbezugs erstarrt zu einer Identität, die Stabilität verspricht und genau dadurch die eigene Komplexität ausblendet. Abgewehrt wird die Einsicht, dass das Selbst kein fester Kern ist, sondern ein Gefüge aus unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Anteilen. Das Problem ist nicht Authentizität, sondern die Verfestigung zu einer starren Selbstgeschichte. Entwicklung beginnt dort, wo wir diese innere Vielstimmigkeit nicht mehr auflösen muss, sondern sie wahrnehmen und halten kann.

Der emergetische Blick auf die relativierend-individualistische Haltung

Wenn alles relativ wird

Die relativierend-individualistische Haltung ermöglicht es, Komplexität zu erfassen. Menschen können immer mehr unterschiedliche Perspektiven erkennen und einnehmen, Ambivalenzen aushalten und Widersprüche integrieren. Doch auch diese Fähigkeit hat eine Grenze. Wenn alles relativ wird, entsteht die Verwendungskatastrophe der Orientierungslosigkeit Entscheidungsschwebe.

Alles ist irgendwie gültig, aber nichts mehr entscheidbar. Wertungen werden vermieden, um der Vielheit gerecht zu bleiben, weil wir niemandem Unrecht tun wollen. Wir bleiben innerlich in der Vielheit hängen. Dadurch entsteht eine Form von Entscheidungsschwebe, weil sich jede Festlegung einseitig oder ungerecht anfühlt. Das Problem sind also nicht die vielen Perspektiven, sondern dass wir uns nicht mehr festlegen können, weil wir jeder Sichtweise gerecht werden wollen.

Die Spannung entsteht zwischen der Vielzahl möglicher Perspektiven und dem Bedürfnis nach Unterscheidbarkeit. Entwicklung beginnt dort, wo wir wieder beginnen, Unterschiede zu machen, als neue Form von Klarheit und nicht als Vereinfachung.

Dabei verändert sich auch die Qualität meiner Wahrnehmung. Wir entdecken ein neues Resonanzfeld: die Angestimmtheit. Wir beginnen zu spüren, dass wir nicht nie neutral auf die Welt blicken, sondern immer schon in Beziehung zu ihr stehen. Gedanken, Gefühle und Bedeutungen zeigen sich nicht zufällig, sondern als Ausdruck einer ständigen wechselseitigen Abstimmung mit unserer Mitwelt. In dieser Angestimmtheit entsteht eine neue Form von Orientierung durch die Fähigkeit, feine Unterschiede in komplexen Zusammenhängen wahrzunehmen und zu halten. Gleichzeitig wächst die Fähigkeit, trotz Vielheit wieder zu unterscheiden, Prioritäten zu setzen und zu entscheiden, ohne die anderen Perspektiven innerlich abwerten zu müssen.

Der emergetische Blick auf die systemisch-autonome Haltung

Was alle Verwendungskatastrophen gemeinsam haben

Verwendungskatastrophen entstehen nicht durch Fehler, sondern durch die Überdehnung von Stärken. Jede Haltung ist sinnvoll und notwendig, bis sie einseitig absolut gesetzt wird. Die Spannung, die daraus entsteht, ist noch nicht  Problem, sondern der Übergang zur nächsten Entwicklungsmöglichkeit.

Genau hier setzt die Emergetik an. Sie versteht diese Spannungen nicht als etwas, das gelöst werden muss, sondern als Ausdruck eines Prozesses, in dem sich neue Formen von Wahrnehmung, Denken und Handeln bilden können. Entwicklung wird damit nicht gemacht, sondern zeigt sich im Umgang mit dem, was bereits da ist. In der systemisch-autonomen Haltung verändert sich der Blick erneut. Wir beginnen, diese Übergänge selbst wahrzunehmen: als Muster, als Dynamiken, als Resonanzprozesse. Wir erkennen, dass jede Haltung ihre eigene Logik hervorbringt und gleichzeitig die Bedingungen für ihre Überschreitung erzeugt. Frühere Haltungen verschwinden dabei nicht, sondern bleiben als integrierte Möglichkeiten erhalten.

Entwicklung beginnt nicht dort, wo wir etwas besser machen, sondern dort, wo wir beginnen, die Grenzen unserer eigenen Logik zu sehen und die darin liegende Spannung als Teil eines größeren Zusammenhangs zu verstehen. Vielleicht liegt genau darin der entscheidende emergetische Perspektivwechsel, dass Entwicklung nicht durch Optimierung entsteht, sondern durch ein anderes Sehen in einer erweiterten Haltung.