Susanne M. Zaninelli 3 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Dialektik aus emergetischer Perspektive

"Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Das Zitat aus Goethes Faust verdeutlicht Mephistos paradoxe Rolle als destruktive Kraft, die ungewollt Gutes hervorbringt. Obwohl er Chaos und Zerstörung anstrebt, entwickelt sich Faust ungewollt vom egoistischen Suchenden zum verantwortungsvollen Menschen. Fausts Entwicklung gipfelt in der Erkenntnis, dass wahre Erfüllung nicht im Streben nach persönlicher Größe, sondern im Dienst am Gemeinwohl liegt. Gerade Mephistos Versuchungen wirkten, als kontrastierender Gegenpol, paradoxerweise als Katalysator seines Reifungsprozesses.

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In den letzten Jahren beobachten wir, wie sich in vielen Ländern rechtsextreme und populistische Bewegungen ausbreiten. Sie greifen demokratische Institutionen an, schüren Ängste vor Migration und Sozialneid und fördern Nationalismus, Ausgrenzung und Intoleranz. Auch die Gefahr, dass die USA internationale Bündnisse, demokratische Standards, Klimapolitik und die bestehende Weltordnung destabilisiert, wirkt bedrohlich. Es fühlt sich für mich manchmal so an, als würden wir unaufhaltsam in eine destruktive Richtung abdriften und demokratischen Errungenschaften ernsthaft auf dem Spiel stehen.
Doch Geschichte verläuft nicht einfach linear.

Wenn wir im Sinne Hegels die Dialektik betrachten, dann eröffnen gerade bedrohliche Kräfte auch Raum für Austausch und Reflexion. Das klingt zunächst paradox, aber das Gute, das aus diesen destruktiven Bewegungen erwachsen kann, zeigt sich darin, dass wir als Gesellschaft dazu herausgefordert sind, uns unserer Haltungen bewusst zu werden und uns zu erneuern. Der erstarkende regressive Rechtsextremismus und die Irritation durch die Politik von USA haben zugleich eine Mobilisierung progressiver Kräfte ausgelöst. Themen wie Menschenrechte, internationale Zusammenarbeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und regenerative Energien stehen dadurch verstärkt im Fokus. Gerade die Sorge vor fossilen Abhängigkeiten, unberechenbarer Machtpolitik und der Destabilisierung internationaler Bündnisse könnte dazu führen, dass erneuerbare Energien, regionale Versorgungssicherheit und resiliente demokratische Strukturen neuen Aufschwung erhalten. Bewegungen, die früher vielleicht eingeschlafen, träge oder zersplittert waren, gewinnen neuen Schwung.


Ich frage mich in diesem Zusammenhang, wie der Konflikt zwischen regressivem Rechtsextremismus, autoritären Politikstilen und progressiven Kräften zu einer dialektisch neuen gesellschaftlichen Synthese führen könnte.  Vielleicht wäre es hilfreich, nicht nur gegen regressive Vertreter zu kämpfen und ihnen mit derselben Abwertung, Polarisierung und Ausgrenzung zu begegnen, die sie selbst fördern, sondern sich auch die Frage zu stellen:

  • Welche Bedürfnisse und Ängste treiben diese Bewegungen an? 
  • Was passiert, wenn wir die Bedürfnisse und Ängste beider Seiten würdigend anerkennen und uns damit dem Dialog öffnen? 
  • Könnte daraus eine Synthese entstehen, die sowohl Ängste dieser Menschen als auch Menschlichkeit und Vielfalt integriert? 

In diesem Sinne erinnert mich Mephistos Zitat aus Goethes Faust immer wieder daran, dass selbst destruktive Kräfte paradoxerweise dazu beitragen können, das Gute zu fördern. Vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie wir uns nicht nur gegen diese Kräfte stellen, sondern zugleich Raum für Dialog schaffen. Durch Auseinandersetzung und Reflexion eröffnen sich möglicherweise Chancen für eine resilientere Gesellschaft, für eine Synthese, die die Bedürfnisse beider Seiten integrierend würdigt und durch Meta-Ziele neue Wege für die Zukunft gestaltet. Es kann auch sein, dass wir durch eine Phase der Polarisierungen gehen, die sehr leidvoll sein könnte, bevor sie sich in eine neue Synthese begibt.

Gerade in Zeiten von paradigmatischen Veränderungen beginnt Entwicklung dort, wo Widersprüche offen zutage treten, Sicherheiten brüchig werden und wir gezwungen sind, neue Antworten, eine neue Sprache, sprich Haltung zu finden. Die eigentliche Frage ist für mich deshalb nicht nur, wogegen wir sind, sondern welche Gesellschaft wir aus diesen Konflikten heraus gemeinsam entwickeln wollen.