Martin Permantier 5 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Wie entsteht Entwicklung?

Die meisten Entwicklungsmodelle beschreiben, welche Formen menschliche Entwicklung annehmen kann. Die Emergetik richtet ihren Blick auf eine andere Frage:

Wie entsteht eine neue Weise, der Welt zu begegnen?

Viele Ansätze beschreiben, wie Menschen denken, fühlen oder handeln. Andere untersuchen, wie Teams zusammenarbeiten oder wie Organisationen sich verändern. Die Emergetik versteht Entwicklung als Erweiterung unseres Resonanzempfindens. Sie untersucht, wie unter Spannung neue Unterschiede wahrnehmbar werden und wie daraus neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns entstehen. Sie betrachtet Entwicklung nicht als linearen Fortschritt und auch nicht als bloßes Lernen neuer Fähigkeiten. Sie fragt danach, wie sich unser Resonanzempfinden unter Spannung verändert und wie daraus neue Möglichkeiten des Wahrnehmens, Denkens und Handelns entstehen.

Das Modell der Haltungen beschreibt die unterschiedlichen Formen, die dabei entstehen können. Die Emergetik untersucht den Weg dorthin.

GrafikenIdeen.014.jpeg

Die Emergetik betrachtet Entwicklung aus der Leitunterscheidung zwischen automatischer Resonanz und wahrgenommener Resonanz. Solange unsere Resonanz automatisch verläuft, erleben wir unsere Wahrnehmung als selbstverständlich. Erst wenn Resonanz selbst wahrnehmbar wird, entsteht die Möglichkeit, ihr bewusst zu begegnen. Mit jeder Haltungserweiterung wächst dieser Raum zwischen Berührtwerden und Antworten.

Die Emergetik geht davon aus, dass sich dieselbe Grundbewegung auf unterschiedlichen Ebenen beobachten lässt – im einzelnen Menschen, in Teams, Organisationen und Kulturen. Mit wachsender sozialer Komplexität verändern sich die Erscheinungsformen, nicht jedoch das Grundmuster der Entwicklung.

Selbstentwicklung – wenn sich unsere Wahrnehmung erweitert

Persönliche Entwicklung beginnt häufig nicht mit einer neuen Erkenntnis, sondern mit einer Irritation. Etwas fühlt sich nicht mehr stimmig an. Unsere bisherige Weise, die Welt zu verstehen, trägt eine Situation nicht mehr vollständig.

Statt Spannungen sofort zu beseitigen oder zu unterdrücken, können wir beginnen, sie bewusster wahrzunehmen. Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein Raum. In diesem Raum entdecken wir neue Unterschiede, neue Zusammenhänge und manchmal auch neue Fragen. Dadurch verändert sich nicht nur unser Verhalten. Es verändert sich die Weise, wie wir uns selbst erleben.

Wir müssen uns nicht mehr ausschließlich mit unseren Gedanken, Gefühlen oder Rollen identifizieren. Wir beginnen wahrzunehmen, wie sie entstehen und wie wir ihnen begegnen. Entwicklung zeigt sich dann nicht darin, dass wir weniger Spannungen erleben. Sie zeigt sich darin, dass wir sie differenzierter wahrnehmen und bewusster beantworten können.

Teamentwicklung – wenn Spannungen gemeinsam getragen werden

Auch Teams entwickeln sich nicht dadurch, dass möglichst wenige Konflikte entstehen.

Im Gegenteil. Spannungen gehören zu jeder Zusammenarbeit. Unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Sichtweisen treffen aufeinander. Solange ein Team versucht, diese Unterschiede möglichst schnell zu beseitigen, bleibt seine Entwicklung häufig begrenzt. Erst wenn Spannungen gemeinsam betrachtet werden können, entsteht etwas Neues.

Das Team beginnt nicht nur über Aufgaben zu sprechen, sondern auch darüber, wie unterschiedliche Wahrnehmungen entstehen und welche Dynamiken zwischen den Beteiligten wirksam werden. Vertrauen wächst dann nicht trotz der Spannungen, sondern gerade dadurch, dass sie gemeinsam getragen werden können. Entwicklung zeigt sich darin, dass ein Team weniger Schuldige sucht und mehr verstehen möchte.

Organisationsentwicklung – wenn Gewissheiten ihre Tragfähigkeit verlieren

Auch Organisationen entwickeln sich selten, weil sie sich Veränderung vorgenommen haben. Häufig beginnt Entwicklung dort, wo vertraute Strukturen ihre Tragfähigkeit verlieren. Bisher erfolgreiche Vorgehensweisen funktionieren nicht mehr selbstverständlich. Neue Herausforderungen lassen sich mit den bisherigen Antworten nicht mehr ausreichend bewältigen. Die erste Reaktion besteht oft darin, noch konsequenter an Bekanntem festzuhalten.

Erst wenn eine Organisation beginnt, ihre eigenen Denkweisen, Entscheidungslogiken und Formen der Zusammenarbeit zu hinterfragen, entstehen neue Möglichkeiten. Entwicklung bedeutet dann nicht nur, Prozesse anzupassen. Sie verändert die Weise, wie eine Organisation ihre Umwelt wahrnimmt und auf sie antwortet. Organisationen entwickeln sich, wenn sie lernen, Unsicherheit nicht nur auszuhalten, sondern als Ausgangspunkt neuer Möglichkeiten zu verstehen.

Kulturentwicklung – wenn Selbstverständlichkeiten sichtbar werden

Jede Kultur bringt hervor, was selbstverständlich erscheint. Sie prägt, was gesagt werden kann, was als richtig gilt und welche Möglichkeiten überhaupt wahrgenommen werden. Gerade deshalb bleiben kulturelle Muster oft unsichtbar.

Entwicklung beginnt dort, wo eine Kultur ihre eigenen Selbstverständlichkeiten bemerkt. Was bisher alternativlos erschien, wird plötzlich zu einer Möglichkeit unter vielen. Nicht weil sich die Welt verändert hat. Sondern weil sich die gemeinsame Wahrnehmung erweitert.

Kulturelle Entwicklung bedeutet deshalb weniger, neue Werte einzuführen. Sie bedeutet, die eigenen Annahmen bewusster wahrnehmen und immer wieder neu überprüfen zu können.

Die Emergetik betrachtet Entwicklung als einen gemeinsamen Prozess

Ob wir auf uns selbst, auf Teams, Organisationen oder ganze Kulturen schauen, immer wieder begegnen wir derselben Grundbewegung. Eine bisher tragfähige Weise, der Welt zu begegnen, gerät unter Spannung. Neue Unterschiede werden wahrnehmbar.

Der bisherige Blick erweitert sich und daraus entstehen neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns. Vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen dem Modell der Haltungen und der Emergetik deshalb heute so beschreiben:

Das Modell der Haltungen beschreibt die unterschiedlichen Weisen, wie Menschen, Teams und Organisationen der Welt begegnen.

Die Emergetik ergänzt bestehende Entwicklungsmodelle deshalb um eine prozessorientierte Perspektive. Sie beschreibt Entwicklung nicht nur als Veränderung von Kompetenzen oder Weltbildern, sondern als Erweiterung des Resonanzempfindens. Dadurch wird sichtbar, wie unter Spannung neue Weisen entstehen, der Welt zu begegnen – bei einzelnen Menschen ebenso wie in Teams, Organisationen und Kulturen.