Susanne M. Zaninelli 5 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Warum manche Erfahrungen unser Leben verändern und andere nicht

Was bedeutet es, wenn ein Mensch immer wieder verlässlich Zuwendung, Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt und trotzdem misstrauisch bleibt, jede Nähe infrage stellt oder auf die nächste Enttäuschung wartet? Die Erfahrung ist da. Weshalb verändert sie ihn nicht?  

 

Ein Mensch kann jahrelang Wertschätzung erfahren und sich trotzdem wertlos fühlen. Man kann immer wieder Unterstützung erleben und dennoch überzeugt sein, alles allein schaffen zu müssen. Erst wenn die neue Erfahrung an das anschließen kann, was bisher fühlbar, verstehbar und innerlich überhaupt möglich war, beginnt sie unser bisheriges Resonanzempfinden zu erweitern. Sie wird anschlussfähig.

 

Anschlussfähig wird eine Erfahrung dann, wenn sie weder vollständig abgewehrt noch vollständig in die alten Deutungen eingepasst wird, sondern diese langsam erweitert.

 

Eine neue Erfahrung verändert uns nicht schon deshalb, weil sie geschieht.
Eine Erfahrung verändert uns erst dann, wenn sie an das anschließen kann, was wir bisher fühlen, verstehen und aushalten konnten, ohne sofort als Gefahr abgewehrt oder in alte Deutungsmuster als Gefahr erlebt und umgedeutet oder eingeordnet zu werden. Gleichzeitig muss sie etwas Neues hinzufügen. Erst dann beginnt sich sein oder ihr Resonanzraum zu erweitern und erlangt damit Anschlussfähigkeit.

 

Deshalb verändert nicht jede Erfahrung einen Menschen, nicht jede Liebe führt zu Vertrauen und nicht jede Krise zu Entwicklung.

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Nachreifung wird erst möglich, wenn neue Erfahrungen anschlussfähig werden

 

Eine liebevolle Beziehung kann beispielsweise lange vorhanden sein, ohne als verlässlich erlebt zu werden, weil sie noch nicht zu den bisherigen inneren Erwartungen, körperlichen Reaktionen und vertrauten Beziehungsmustern passt. Erst wenn das Neue an diese bestehenden Muster anschließen kann, ohne in ihnen zu verschwinden, sondern sie zu erweitern, wird aus einer äußeren Erfahrung eine innere Entwicklungsmöglichkeit.

 

Nachreifung bedeutet also nicht, dass ein Mensch endlich bekommt, was ihm früher gefehlt hat. Sie bedeutet, dass sich sein Resonanzempfinden so erweitert, dass er etwas wahrnehmen, annehmen und beantworten kann, was ihm zwar vorher begegnete, aber innerlich nicht zugänglich war. Aus Misstrauen kann langsam Vertrauen werden, aus Rückzug kann vorsichtig Nähe entstehen und aus dem Gefühl, ausgeliefert zu sein, kann die Erfahrung wachsen, Einfluss nehmen zu können. Nicht weil die Vergangenheit verschwindet, sondern weil sich die Gegenwart anders mit ihr verbindet.

 

Damit verändert sich auch unser Blick auf HALTUNG.

Haltung ist keine feste Eigenschaft eines Menschen

 

In jeder Situation bildet sich eine jeweils spezifische Haltung aus dem Zusammenspiel dessen, was ein Mensch biografisch mitbringt, was sein Körper gerade signalisiert, welche Bedeutungen sein psychisches System bildet und welche Möglichkeiten oder Begrenzungen in seinem sozialen, kulturellen und materiellen Kontext vorhanden sind. Derselbe Mensch kann deshalb in einer vertrauten Beziehung offen und zugewandt reagieren, in einem autoritären Arbeitsumfeld vorsichtig und angepasst sein und in einer existenziell bedrohlichen Situation ganz andere Formen des Wahrnehmens und Handelns entwickeln.

 

Haltungserweiterung bedeutet also nicht, dass eine alte Haltung einfach verschwindet oder durch eine spätere ersetzt wird. Sie zeigt sich darin, dass ein Mensch in einer Situation mehr Unterschiede wahrnehmen, mehr Bedeutungen bilden und auf mehr als eine Weise reagieren kann. Der Resonanzempfinden wird größer, weil neue Erfahrungen anschlussfähig geworden sind und zwischen mehreren Handlungsweisen wählen kann.

 

Freiheit ist demnach keine feste Eigenschaft, die Menschen unabhängig von ihren Lebensbedingungen besitzen. Ein Kind, das in Sicherheit aufwächst, genug zu essen hat, zur Schule gehen kann und vielseitige Beziehungen erlebt, entwickelt andere Möglichkeiten als ein Kind, dessen Alltag von Hunger, Gewalt, Krieg, Vertreibung oder extremer Armut bestimmt wird. Solche Bedingungen beeinflussen nicht nur die äußerlich vorhandenen Chancen, sondern auch, welche Zukunft innerlich überhaupt vorstellbar erscheint.

Deshalb liegt hier auch die Grenze des meritokratischen Denkens

 

Es erkennt zwar an, dass Menschen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen leben, hält aber dennoch daran fest, dass sich jeder Mensch mit genügend Anstrengung aus nahezu jeder Lage befreien könne. Nun schaffen es einzelne Menschen tatsächlich immer wieder einmal, sich aus menschenunwürdigen Verhältnissen herauszuarbeiten. Diese außergewöhnlichen Lebenswege zeigen jedoch lediglich, dass unter bestimmten Bedingungen etwas möglich war. Sie beweisen nicht, dass diese Möglichkeit allen Menschen in derselben Weise zur Verfügung steht.

 

Leistung bleibt unhinterfragt bedeutsam, aus emergetischer Sicht jedoch entsteht sie nie losgelöst von den körperlichen, psychischen, sozialen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sich Haltungen bilden, verändern und erweitern konnten.

 

Auch die Fähigkeit, Chancen zu erkennen, Hilfe anzunehmen, Rückschläge zu verarbeiten und an einer Möglichkeit festzuhalten, ist keine voraussetzungslose innere Leistung, sondern selbst Ergebnis von Entwicklung.

Entwicklung entsteht dort, wo sich Mensch und Welt fortlaufend gegenseitig beeinflussen

 

EMERGETIK vermeidet damit sowohl die Vorstellung, der Mensch sei vollständig Opfer seiner Umstände, als auch die Vorstellung, er könne sich jederzeit allein durch Willenskraft neu erfinden. Entwicklung entsteht dort, wo sich Mensch und Welt fortlaufend gegenseitig beeinflussen. In diesem Prozess bilden sich Haltungen immer wieder neu.

 

Manche Erfahrungen verändern unser Leben also nicht deshalb, weil sie außergewöhnlich sind. Sie verändern uns, wenn sie an das anschließen können, was bisher für uns wahrnehmbar, fühlbar und verstehbar war, und diesen Resonanzraum zugleich erweitern.

 

Entwicklung entsteht dort, wo Erfahrungen nicht nur geschehen, sondern innerlich möglich werden.