Martin Permantier 5 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Entwicklung als lebendigen Prozess verstehen

Warum Entwicklung mehr ist als Optimierung

Ich erinnere mich an einen Workshop, in dem ein Teilnehmer nach zwei intensiven Tagen aufstand und sagte: „Ich glaube, ich bin heute kein Stück weitergekommen.“ Der ganze Raum wurde still. Bis sich jemand meldete und lachend meinte: „Dann herzlichen Glückwunsch. Wahrscheinlich war es ein gutes Seminar.“ Alle mussten lachen, auch der Teilnehmer selbst. Am nächsten Morgen kam er zu mir und sagte: „Jetzt weiß ich, was gestern passiert ist. Ich habe keine neuen Antworten gefunden. Aber ich kann meine alten Antworten nicht mehr ganz glauben.“

Genau so fühlt sich Entwicklung häufig an. Sie beginnt erstaunlich selten mit dem Gefühl, besser geworden zu sein. Viel häufiger beginnt sie damit, dass das Vertraute seine Selbstverständlichkeit verliert. Etwas gerät in Bewegung. Alte Erklärungen tragen nicht mehr vollständig, während neue noch keine klare Gestalt angenommen haben.

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Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Entwicklung sprechen?

Häufig verbinden wir damit ein vertrautes Bild. Entwicklung bedeutet, besser zu werden, kompetenter, erfolgreicher, effizienter, belastbarer. Wir erweitern unser Wissen, erwerben neue Fähigkeiten und verbessern unsere Leistungen. Entwicklung erscheint dann wie eine stetige Bewegung nach oben. Dieses Verständnis hat viel ermöglicht. Gleichzeitig beschreibt es nur einen Teil dessen, was Menschen tatsächlich erleben.

Denn manche der prägendsten Entwicklungen unseres Lebens beginnen nicht mit einem Erfolg, sondern mit einer Irritation. Sie entstehen dort, wo unsere bisherigen Antworten ihren Halt verlieren. Wir erleben Spannungen, die sich weder durch mehr Wissen noch durch größere Anstrengung auflösen lassen. Rückblickend nennen wir solche Phasen oft Wendepunkte. Während wir sie erleben, fühlen sie sich meist eher nach Unsicherheit an.

Die Emergetik versteht genau diese Momente als Beginn von Entwicklung.

Sie geht davon aus, dass Entwicklung nicht in erster Linie bedeutet, innerhalb einer bestehenden Sichtweise immer geschickter zu werden. Entwicklung geschieht dort, wo sich unsere Weise verändert, der Welt zu begegnen.

Mit jeder Haltung entsteht ein bestimmter Resonanzraum. Er beeinflusst, welche Unterschiede wir wahrnehmen, welche Bedeutungen wir bilden und welche Handlungsmöglichkeiten für uns überhaupt sichtbar werden. Solange dieser Resonanzraum tragfähig bleibt, hilft er uns, die Herausforderungen unseres Lebens zu bewältigen.

Mit der Zeit entstehen jedoch Erfahrungen, die sich innerhalb dieser bisherigen Sinnlogik nicht mehr vollständig einordnen lassen. Die Welt antwortet anders, als wir es erwarten. Beziehungen verändern sich. Neue Anforderungen entstehen. Das, was uns lange Orientierung gegeben hat, reicht nicht mehr aus. Unsere Haltung ist dadurch nicht falsch geworden. Sie stößt lediglich an ihre gegenwärtige Grenze.

Entwicklung beginnt deshalb nicht mit einer besseren Lösung. Sie beginnt mit einer erweiterten Wahrnehmung.

Plötzlich werden Unterschiede sichtbar, die zuvor unsichtbar waren. Neue Perspektiven tauchen auf. Zusammenhänge erscheinen in einem anderen Licht. Aus dieser veränderten Wahrnehmung entstehen neue Bedeutungen. Daraus entwickeln sich neue Handlungsmöglichkeiten. Erst danach verändert sich unser Verhalten.

Die Reihenfolge ist entscheidend.

Viele Entwicklungsansätze konzentrieren sich vor allem auf das Verhalten oder auf Kompetenzen. Die Emergetik richtet den Blick auf den Prozess, der diesem Verhalten vorausgeht. Verhalten verändert sich nachhaltig meist erst dann, wenn sich unser Resonanzempfinden erweitert hat.

Damit verschiebt sich auch das Verständnis von Entwicklung selbst. Die entscheidende Veränderung betrifft nicht zuerst den Menschen. Sie betrifft die Beziehung zwischen Mensch und Welt.

Mit jeder Haltung verändert sich nicht nur unser Blick auf die Welt. Auch die Welt erscheint uns anders. Situationen, die früher bedrohlich wirkten, eröffnen plötzlich Möglichkeiten. Menschen, die wir früher als schwierig erlebt haben, werden verständlicher. Fragen, die wir nie gestellt hätten, werden bedeutsam. Die Welt verändert sich nicht objektiv. Sie verändert sich in der Weise, wie sie uns begegnet und wie wir ihr begegnen.

Entwicklung geschieht deshalb weder ausschließlich im Menschen noch ausschließlich in seiner Umwelt. Sie entsteht im Dazwischen, in der lebendigen Resonanz zwischen Körper, psychischem Erleben und sozialem Miteinander. Mit jeder Haltung verändert sich dieses Resonanzgeschehen. Es entstehen neue Möglichkeiten, Unterschiede wahrzunehmen, Sinn zu bilden und verantwortlich zu handeln.

Entwicklung verläuft deshalb auch nicht wie eine gerade Linie. Sie gleicht eher einem lebendigen Prozess, in dem sich Stabilität und Veränderung, Sicherheit und Unsicherheit, Bewahren und Erneuern immer wieder neu aufeinander beziehen. Jede Haltung eröffnet neue Möglichkeiten und bringt zugleich neue Spannungen hervor. Entwicklung endet deshalb nie. Mit jeder Erweiterung unseres Resonanzempfindens wird auch die Welt vielfältiger, widersprüchlicher und lebendiger.

Vielleicht verändert sich dadurch sogar die wichtigste Frage, die wir an Entwicklung stellen.

Sie lautet nicht mehr: Wie werde ich besser?
Eher: Wie verändert sich die Weise, in der ich der Welt begegne und die Welt mir begegnet?

So lässt sich die emergetische Perspektive zusammenfassen:

Entwicklung bedeutet nicht in erster Linie, einen Menschen zu verändern. Entwicklung bedeutet, die Beziehung zwischen Mensch und Welt zu erweitern. Mit jeder Haltung entsteht ein neuer Resonanzraum und damit eine neue Weise, sich selbst, anderen Menschen und der Welt zu begegnen.