Martin Permantier 4 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Veränderung realistischer gestalten

Warum sich Entwicklung nicht planen lässt und trotzdem gestaltbar ist

Wer schon einmal eine größere Veränderung begleitet hat, kennt das Phänomen. Es gibt Projektpläne, Meilensteine, Verantwortlichkeiten und Zielbilder. Alles wirkt gut vorbereitet. Und trotzdem entwickelt sich die Wirklichkeit selten so, wie sie geplant wurde.

Neue Fragen tauchen auf, unerwartete Widerstände entstehen, gute Ideen entfalten keine Wirkung, während kleine Begegnungen oder scheinbar nebensächliche Ereignisse plötzlich eine Dynamik auslösen, die niemand vorhergesehen hat.

Entwicklung hält sich erstaunlich selten an den Plan.

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Die Emergetik betrachtet das nicht als Scheitern guter Planung, sondern als Hinweis darauf, wie Entwicklung grundsätzlich entsteht. Sie fragt deshalb nicht zuerst: Wie können wir Veränderung steuern? Sondern: Unter welchen Bedingungen können sich neue Möglichkeiten überhaupt entfalten?

Viele Veränderungsprozesse beruhen auf einer einfachen Vorstellung. Zuerst wird ein Ziel definiert, anschließend werden Maßnahmen geplant und schließlich umgesetzt. Diese Logik eignet sich hervorragend, wenn bekannte Probleme mit bekannten Lösungen beantwortet werden können. Sie stößt jedoch dort an ihre Grenzen, wo Neues entsteht.

Denn das Neue lässt sich nicht vollständig vorausdenken. Es entsteht erst im Prozess.

Aus emergetischer Sicht entwickelt sich eine Organisation nicht dadurch, dass sie einen besseren Plan besitzt. Sie entwickelt sich dort, wo ihre bisherigen Weisen, die Welt wahrzunehmen und auf sie zu antworten, ihre Tragfähigkeit verlieren. Neue Marktbedingungen, gesellschaftliche Veränderungen, technologische Entwicklungen oder veränderte Erwartungen der Mitarbeitenden erzeugen Spannungen, die mit den bisherigen Denk- und Entscheidungslogiken allein nicht mehr beantwortet werden können.

Die erste Reaktion besteht häufig darin, noch konsequenter an Bekanntem festzuhalten. Prozesse werden detaillierter geregelt, Kontrollen verstärkt oder neue Methoden eingeführt. Kurzfristig kann das Sicherheit schaffen. Langfristig beantwortet dieselbe Logik jedoch immer wieder dieselben Fragen.

Entwicklung beginnt erst dort, wo eine Organisation ihre eigenen Selbstverständlichkeiten bemerkt.

Plötzlich wird sichtbar, dass nicht nur einzelne Prozesse verbessert werden müssen, sondern dass sich die Art verändert, wie Probleme überhaupt wahrgenommen werden. Neue Unterschiede werden erkennbar. Andere Fragen erscheinen sinnvoll. Möglichkeiten, die vorher außerhalb des gemeinsamen Horizonts lagen, werden denkbar.

Genau darin unterscheidet sich Entwicklung von Optimierung. Optimierung verbessert bestehende Formen. Entwicklung verändert die Formen selbst.

Das bedeutet nicht, dass Planung überflüssig wird. Im Gegenteil. Ziele, Strategien und klare Vereinbarungen bleiben wichtige Orientierungspunkte. Sie verlieren jedoch den Anspruch, den Weg vollständig vorgeben zu können.

An ihre Stelle tritt eine andere Form der Gestaltung.

Führung richtet ihre Aufmerksamkeit nicht mehr ausschließlich auf Ergebnisse, sondern ebenso auf die Bedingungen, unter denen Neues entstehen kann. Sie beobachtet Spannungen nicht nur als Störungen, sondern auch als Hinweise darauf, wo bisherige Denkweisen ihre Grenzen erreichen. Sie schafft Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen können, ohne vorschnell auf eine einzige Lösung reduziert zu werden.

Dadurch verändert sich auch die Rolle von Unsicherheit.

In vielen Organisationen gilt Unsicherheit als Zeichen mangelnder Planung oder fehlender Kontrolle. Die Emergetik versteht sie zunächst als natürlichen Bestandteil jedes Entwicklungsprozesses. Wo Neues entsteht, gibt es noch keine vollständige Sicherheit. Gerade deshalb braucht Entwicklung nicht weniger Orientierung, sondern eine Orientierung, die offen genug bleibt, um auf das reagieren zu können, was sich erst im Prozess zeigt.

Veränderung realistischer zu gestalten bedeutet deshalb nicht, weniger zu planen. Es bedeutet, Planung und Offenheit miteinander zu verbinden. Ziele geben eine Richtung vor. Entwicklung entscheidet sich jedoch unterwegs.

Organisationen, Teams und auch einzelne Menschen gewinnen dadurch eine neue Form der Handlungsfähigkeit. Sie müssen Unsicherheit nicht mehr ausschließlich vermeiden. Sie lernen, sie als Teil eines lebendigen Entwicklungsprozesses wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten.

Der  Beitrag der Emergetik lässt sich deshalb so zusammenfassen:

Entwicklung lässt sich nicht herstellen und nicht vollständig planen. Sie wird dort wahrscheinlicher, wo Spannungen wahrgenommen, unterschiedliche Perspektiven zugelassen und Bedingungen geschaffen werden, unter denen neue Weisen entstehen können, der Welt zu begegnen.