Martin Permantier 4 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Entwicklung differenzierter begleiten

Warum dieselbe Intervention dem einen Menschen hilft und dem anderen nicht

Es gehört zu den rätselhaftesten Erfahrungen in Beratung, Coaching, Therapie und Führung: Zwei Menschen stehen vor einer sehr ähnlichen Herausforderung. Beide erhalten dieselbe Rückmeldung, dieselbe Unterstützung oder besuchen sogar dasselbe Seminar. Einige Monate später hat sich das Leben des einen deutlich verändert, während der andere scheinbar wieder dort steht, wo er begonnen hat.

Oft suchen wir die Erklärung im Verhalten. Der eine sei motivierter gewesen, der andere weniger offen. Vielleicht habe der eine mehr Disziplin gezeigt oder die andere die Methoden konsequenter angewendet.

Manchmal mag das stimmen. Gleichzeitig erklärt es nur einen Teil dessen, was wir beobachten können.

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Die Emergetik richtet den Blick deshalb auf eine andere Frage: Aus welcher Haltung heraus entsteht das Verhalten überhaupt?

Zwei Menschen können sich äußerlich nahezu identisch verhalten und dennoch aus völlig unterschiedlichen inneren Sinnlogiken handeln. Eine Führungskraft hört aufmerksam zu, weil sie ihre Mitarbeitenden wirklich verstehen möchte. Eine andere hört ebenso aufmerksam zu, weil sie gelernt hat, dass gutes Zuhören zum modernen Führungsstil gehört. Eine Person übernimmt Verantwortung aus einem tiefen Gefühl innerer Verbundenheit. Eine andere tut dasselbe, weil sie Angst hat, Erwartungen nicht zu erfüllen. Das Verhalten sieht ähnlich aus. Die Resonanzfelder, aus denen es entsteht, unterscheiden sich grundlegend.

Umgekehrt gilt das Gleiche. Zwei Menschen können sich völlig unterschiedlich verhalten und dennoch aus einer ähnlichen Haltung heraus handeln. Während sich der eine in Konflikten laut durchsetzt, zieht sich der andere zurück. Beide versuchen möglicherweise, mit derselben inneren Spannung umzugehen: der Angst, nicht gesehen oder nicht anerkannt zu werden. Verhalten ist deshalb mehrdeutig. Es erzählt nie die ganze Geschichte.

Genau hier eröffnet die Emergetik eine andere Perspektive auf Entwicklung. Sie betrachtet Verhalten nicht als Ausgangspunkt, sondern als Ausdruck einer bestimmten Weise, der Welt zu begegnen. Hinter jedem Handeln steht eine Haltung, die bestimmt, welche Unterschiede wir wahrnehmen, welche Bedeutungen wir bilden und welche Handlungsmöglichkeiten für uns überhaupt vorstellbar sind.

Dadurch verändert sich auch der Blick auf Entwicklung. Es genügt nicht zu fragen, welches Verhalten verändert werden soll. Entscheidend wird die Frage, welche Haltung dieses Verhalten hervorbringt und welche Spannungen diese Haltung gerade zu bewältigen versucht.

Ein Mensch, der sich ständig absichert, braucht möglicherweise nicht mehr Selbstvertrauen. Vielleicht lebt er in einer Weise des Weltbezugs, in der Sicherheit wichtiger erscheint als Eigenständigkeit. Eine Mitarbeiterin, die jede Entscheidung mit ihrem Team abstimmt, handelt möglicherweise nicht deshalb so, weil ihr Entscheidungsfreude fehlt, sondern weil Zugehörigkeit für sie einen höheren Stellenwert besitzt als Eigenständigkeit. Ein Kollege, der jede Diskussion mit Zahlen und Fakten dominiert, versucht vielleicht weniger zu überzeugen als Unsicherheit zu vermeiden.

Aus emergetischer Sicht wird Verhalten dadurch verständlicher. Es erscheint nicht länger als richtige oder falsche Strategie, sondern als die gegenwärtig beste Antwort auf die Weise, wie ein Mensch seine Welt erlebt.

Das verändert auch die Begleitung von Entwicklung. Wer nur Verhalten verändern möchte, arbeitet häufig gegen die innere Logik eines Menschen. Wer dagegen beginnt, die zugrunde liegende Haltung zu verstehen, kann Entwicklung dort begleiten, wo sie tatsächlich entsteht. Nicht durch bessere Ratschläge oder wirksamere Methoden, sondern durch Erfahrungen, die an den bisherigen Resonanzraum anschließen und ihn langsam erweitern.

Die entscheidende Frage verschiebt sich damit von „Wie bringe ich diesen Menschen dazu, sich anders zu verhalten?“ zu „Unter welchen Bedingungen kann eine neue Erfahrung für diesen Menschen überhaupt entwicklungswirksam werden?“

Damit verändert sich auch die Rolle der Begleitenden. Coaching, Therapie, Pädagogik oder Führung bestehen dann weniger darin, Lösungen zu vermitteln oder Kompetenzen aufzubauen. Sie schaffen Resonanzräume, in denen neue Erfahrungen anschlussfähig werden können. Entwicklung lässt sich nicht erzeugen, wohl aber begünstigen.

Dadurch wird Begleitung individueller und zugleich weniger normativ. Unterschiedliche Haltungen werden nicht als Defizite verstanden, sondern als unterschiedliche Weisen, Spannungen zu regulieren und der Welt zu begegnen. Entwicklung bedeutet deshalb nicht, Menschen an ein bestimmtes Ideal anzupassen. Sie bedeutet, ihren Resonanzraum so zu erweitern, dass neue Möglichkeiten des Wahrnehmens, Denkens und Handelns entstehen können.

Verhalten verändert sich dadurch häufig ganz von selbst. Nicht weil Menschen lernen, sich anders zu verhalten, sondern weil sie beginnen, dieselbe Situation anders wahrzunehmen. Mit der Erweiterung ihres Resonanzempfindens entstehen neue Bedeutungen, neue Handlungsmöglichkeiten und schließlich auch neues Verhalten. Nachhaltige Entwicklung beginnt deshalb nicht beim Verhalten. Sie beginnt bei der Weise, wie wir der Welt begegnen.

Vielleicht lässt sich der Nutzen der Emergetik deshalb so zusammenfassen:

Sie begleitet Menschen nicht zuerst über ihr Verhalten oder ihre Kompetenzen. Sie begleitet die Bedingungen, unter denen sich ihr Resonanzempfinden erweitert und neue Haltungen überhaupt entstehen können.