Emergetische Haltungserweiterung
Unter welchen Bedingungen wird eine Erfahrung entwicklungswirksam?
Manchmal frage ich mich, warum wir Menschen so kompliziert sind.
Jemand sagt uns hundertmal, dass wir gute Arbeit leisten, und beim hundertundersten Mal denken wir plötzlich: Vielleicht stimmt das ja tatsächlich. Oder wir hören seit Jahren denselben Rat von Freunden, Eltern oder Kolleginnen und eines Tages erzählt uns ein fast fremder Mensch genau dasselbe. Plötzlich verändert dieser eine Satz unser Leben. Man möchte sich fast entschuldigen:„Danke für den Hinweis. Schade, dass ich euch alle zwanzig Jahre lang ignoriert habe.“
Offenbar verändert uns eine Erfahrung nicht einfach deshalb, weil sie geschieht. Während viele Entwicklungsansätze danach fragen, welche Erfahrungen Menschen für ihre Entwicklung brauchen, richtet sie den Blick auf eine vorgelagerte Frage:

Unter welchen Bedingungen kann eine Erfahrung überhaupt entwicklungswirksam werden?
Diese Perspektive verändert den Blick auf Entwicklung grundlegend. Denn dieselbe Erfahrung kann für einen Menschen völlig selbstverständlich sein, für einen anderen bedeutungslos bleiben und für einen dritten das Leben verändern. Zwei Menschen erleben dieselbe Situation und gehen doch mit einer völlig anderen Geschichte nach Hause. Die Erfahrung allein erklärt diese Unterschiede nicht.
Aus emergetischer Sicht wird eine Erfahrung erst dann entwicklungswirksam, wenn sie an unsere bisherige Weise anschließen kann, die Welt wahrzunehmen, und diese zugleich erweitert.
Genau darin liegt ein kleines Paradox. Eine Erfahrung muss vertraut genug sein, damit wir sie überhaupt annehmen können. Gleichzeitig muss sie neu genug sein, damit sie unseren bisherigen Resonanzraum erweitert. Bleibt sie vollständig außerhalb unseres bisherigen Erlebens, erscheint sie uns fremd, bedrohlich oder schlicht unglaubwürdig. Passt sie dagegen vollständig zu dem, was wir ohnehin schon glauben, bestätigt sie lediglich unsere bisherige Sichtweise. Sie stabilisiert unsere Haltung, ohne sie zu verändern. Es braucht den kleine Schritt raus aus der Komfortzone und den Mustern.
Entwicklung geschieht deshalb häufig genau an der Grenze zwischen Vertrautem und Neuem.
Dort entstehen jene spannenden Spannungen, von denen die Emergetik spricht. Unsere bisherige Weise, der Welt zu begegnen, beginnt ihre Halt zu verlieren. Etwas passt nicht mehr vollständig zusammen. Wir spüren Irritation, ohne bereits zu wissen, warum. Alte Erklärungen reichen nicht mehr aus, neue stehen noch nicht zur Verfügung. Rückblickend erzählen wir oft von einem entscheidenden Wendepunkt. Während wir ihn erleben, fühlt er sich meist eher wie Orientierungslosigkeit an.
Ob eine Erfahrung entwicklungswirksam wird, entscheidet sich dabei nicht allein im Denken. Unser Körper reagiert bereits, bevor wir verstehen, was geschieht. Erinnerungen werden wach, Gefühle entstehen, Bedeutungen bilden sich. Gleichzeitig antworten andere Menschen auf unser Erleben. Sie spiegeln uns, irritieren uns, geben Halt oder verstärken unsere Unsicherheit. Auch unsere kulturellen Prägungen und materiellen Lebensbedingungen beeinflussen, welche Möglichkeiten für uns überhaupt denkbar oder fühlbar werden.
Entwicklung entsteht deshalb niemals nur im Inneren eines Menschen. Sie entsteht im Zusammenspiel zwischen Körper, psychischem Erleben und sozialem Kontext. Eine Erfahrung verändert uns nicht unmittelbar. Sie verändert das Resonanzgeschehen, in dem wir ihr begegnen.
Deshalb kann ein Mensch jahrelang Wertschätzung erfahren und sich dennoch wertlos fühlen. Ein anderer erlebt immer wieder Unterstützung und bleibt überzeugt, alles allein schaffen zu müssen. Eine liebevolle Beziehung kann lange bestehen, ohne als verlässlich erlebt zu werden. Nicht weil die Erfahrung fehlt, sondern weil sie noch keinen Anschluss an den bisherigen Resonanzraum findet.
Nachreifung beginnt dort, wo sich diese Anschlussfähigkeit langsam entwickelt. Etwas wird möglich, das vorher zwar vorhanden war, innerlich aber nicht zugänglich erschien. Aus Misstrauen kann Vertrauen werden. Aus Rückzug vorsichtige Nähe. Aus Ohnmacht die Erfahrung, Einfluss nehmen zu können. Die Vergangenheit verschwindet dadurch nicht. Sie verbindet sich anders mit der Gegenwart.
Mit jeder Haltungserweiterung wächst deshalb nicht nur unser Wissen. Unser Resonanzempfinden wird differenzierter. Wir nehmen mehr Unterschiede wahr, können neue Bedeutungen bilden und entdecken Handlungsmöglichkeiten, die zuvor außerhalb unseres Horizonts lagen. Entwicklung zeigt sich nicht zuerst darin, dass wir andere Antworten geben. Sie zeigt sich darin, dass wir andere Fragen überhaupt wahrnehmen können.
Diese Sichtweise verändert auch den Blick auf Beratung, Coaching, Therapie, Pädagogik und Führung. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: Welche Intervention ist die richtige? Sie lautet: Unter welchen Bedingungen kann das, was einem Menschen begegnet, überhaupt anschlussfähig und damit entwicklungswirksam werden?
Vielleicht lässt sich der emergetische Gedanke deshalb so zusammenfassen:
Erfahrungen verändern Menschen nicht automatisch. Sie werden entwicklungswirksam, wenn sie an den bisherigen Resonanzraum anschließen und ihn zugleich erweitern. Entwicklung entsteht dort, wo Vertrautes und Neues einander so begegnen, dass eine andere Weise möglich wird, sich selbst, andere Menschen und die Welt wahrzunehmen.