Martin Permantier 15 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Integriertheit – wie gut bewohnen wir unsere Haltung?

Warum persönliche Reife nicht dasselbe ist wie Haltungsentwicklung
 

Wenn wir über persönliche Entwicklung sprechen, denken wir häufig an eine Bewegung von einfacheren zu komplexeren Formen des Denkens, Fühlens und Handelns. Wir lernen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, Widersprüche auszuhalten und uns selbst und andere differenzierter wahrzunehmen.

In der Ich-Entwicklung wird diese Bewegung als Entwicklung unterschiedlicher Phasen oder Haltungen beschrieben. Doch dabei entsteht eine interessante Frage: Ist ein Mensch in einer späteren Haltung automatisch reifer, verantwortlicher oder beziehungsfähiger als jemand in einer früheren Haltung?

Integriertheit

Die Antwort ist keineswegs selbstverständlich.

Ein Mensch kann ausgesprochen komplex denken und gleichzeitig große Schwierigkeiten haben, mit eigenen Gefühlen umzugehen. Er kann die Perspektiven anderer verstehen und dennoch wenig Mitgefühl zeigen. Er kann systemische Zusammenhänge erkennen und gleichzeitig seine Beziehungen durch Kontrolle, Abwertung oder Rückzug belasten. Umgekehrt kann jemand, dessen Wirklichkeitskonstruktion weniger komplex ist, ausgesprochen verlässlich, emotional ausgeglichen, fürsorglich und verantwortungsvoll handeln.

Diese Beobachtung führt zu einer wichtigen Unterscheidung: Haltungsentwicklung und Integriertheit einer Haltung sind nicht dasselbe.
 

Jede Haltung besitzt ihre eigene Form der Integriertheit

Im Modell der sechs Haltungen beschreiben wir, wie Menschen unterschiedliche Formen der Sinngebung entwickeln. Jede Haltung ermöglicht bestimmte Weisen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns. Sie eröffnet einen eigenen Resonanzraum, in dem wir uns orientieren, Erfahrungen einordnen und auf Herausforderungen antworten und jede Haltung bringt dabei charakteristische Spannungen hervor. Diese entstehen nicht zufällig, sondern hängen mit den grundlegenden Unterscheidungen zusammen, mit denen wir unsere Wirklichkeit konstruieren.

In der selbstorientiert-impulsiven Haltung steht beispielsweise die Unterscheidung zwischen stark und schwach im Vordergrund. In der gemeinschaftsbestimmt-traditionellen Haltung geht es um gut und böse, in der rationalistisch-funktionalen um richtig und falsch.

Diese Unterscheidungen helfen uns, unsere Welt zu ordnen. Gleichzeitig erzeugen sie Spannungen, mit denen wir umgehen müssen.

Wie gut uns das gelingt, hängt nicht allein davon ab, welche Haltung wir entwickelt haben. Es hängt auch davon ab, wie integriert diese Haltung ist.

Integriertheit bezeichnet die Fähigkeit, die prägenden Spannungen einer Haltung wahrzunehmen, auszuhalten und innerhalb ihres Resonanzfeldes konstruktiv zu beantworten, ohne dauerhaft in Abwehr, Erstarrung, Übersteigerung oder destruktive Muster zu geraten.

Dabei bedeutet Integriertheit nicht, dass die Spannungen verschwinden. Im Gegenteil: Eine integrierte Haltung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass wir mit ihren unvermeidlichen Spannungen tragfähig umgehen können.

 

Das lässt sich an den sechs Haltungen verdeutlichen.

1. Selbstorientiert-impulsiv
Kraft besitzen, ohne ständig kämpfen zu müssen

Leitunterscheidung: stark – schwach

In der selbstorientiert-impulsiven Haltung steht die Durchsetzung eigener Bedürfnisse im Vordergrund. Die Welt wird häufig danach unterschieden, wer stark ist, wer sich behauptet und wer sich unterordnen muss.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Wunsch nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung und den Begrenzungen, die andere Menschen oder die Umwelt setzen.

Ein wenig integrierter Mensch erlebt Widerstand schnell als persönliche Bedrohung. Er reagiert impulsiv mit Angriff, Rückzug oder Machtdemonstration. Niederlagen sind schwer auszuhalten. Das Gefühl, schwach zu erscheinen, kann starke Abwehr auslösen.

Ein hoch integrierter Mensch derselben Haltung kann dagegen seine Bedürfnisse klar vertreten, ohne bei jeder Begrenzung eskalieren zu müssen. Er verfügt über Durchsetzungskraft, kann Frustrationen aushalten und akzeptiert, dass auch andere Menschen Grenzen setzen.

Stellen wir uns zwei Menschen vor, die in einer Verhandlung auf deutlichen Widerstand stoßen. Der eine reagiert sofort aggressiv und versucht, sein Gegenüber einzuschüchtern. Der andere bleibt entschlossen, verhandelt hartnäckig und kann eine Niederlage akzeptieren, ohne sein Selbstwertgefühl grundsätzlich infrage zu stellen.

Beide können sich vorwiegend innerhalb einer selbstorientierten Sinngebung bewegen. Doch ihre Integriertheit unterscheidet sich erheblich.

Integriertheit bedeutet hier: Kraft besitzen, ohne ständig kämpfen zu müssen.

2. Gemeinschaftsbestimmt-traditionell

Zugehörigkeit leben, ohne jede Abweichung bestrafen zu müssen

Leitunterscheidung: gut – böse

In der gemeinschaftsbestimmt-traditionellen Haltung gewinnen Zugehörigkeit, Loyalität, gemeinsame Werte und verbindliche Regeln an Bedeutung. Die Gemeinschaft bietet Sicherheit und Orientierung.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und den individuellen Bedürfnissen, Unterschieden und Abweichungen, die innerhalb einer Gemeinschaft unvermeidlich auftreten.

Ein wenig integrierter Mensch ist stark von Anerkennung und Gruppenzugehörigkeit abhängig. Er erlebt Regelverletzungen als moralische Bedrohung, reagiert mit Beschämung oder Ausgrenzung und unterdrückt eigene Bedürfnisse, um dazuzugehören.

Ein hoch integrierter Mensch lebt dagegen die gemeinsamen Werte glaubwürdig. Er ist verlässlich, loyal und verantwortungsbewusst. Er kann Konflikte innerhalb der Gemeinschaft bearbeiten, Fehler eingestehen und Unterschiede aushalten, solange die grundlegenden Werte nicht infrage gestellt werden.

Denken wir an zwei Menschen in einem Verein. Beide identifizieren sich stark mit seinen Traditionen. Der eine reagiert auf jede Abweichung mit Empörung und versucht, die betreffende Person auszugrenzen. Der andere sucht das Gespräch, erinnert an gemeinsame Werte und versucht, einen Konflikt so zu bearbeiten, dass die Gemeinschaft erhalten bleibt.

Auch hier ist nicht notwendigerweise eine spätere Haltung erforderlich, um tragfähiger mit den Spannungen der eigenen Haltung umzugehen.

Integriertheit bedeutet hier: Zugehörigkeit leben, ohne jede Abweichung bestrafen zu müssen.
 

3. Rationalistisch-funktional

Klarheit schaffen, ohne alles kontrollieren zu müssen

Leitunterscheidung: richtig – falsch

In der rationalistisch-funktionalen Haltung gewinnen sachliche Richtigkeit, logisches Denken, Planung und Wirksamkeit an Bedeutung.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Anspruch, Dinge richtig und zuverlässig zu gestalten, und der unvermeidlichen Erfahrung von Fehlern, Unsicherheit und begrenzter Kontrollierbarkeit.

Ein wenig integrierter Mensch versucht, Unsicherheit durch immer mehr Kontrolle zu reduzieren. Fehler werden als persönliches Versagen erlebt. Kritik führt zu Rechtfertigung, und emotionale oder zwischenmenschliche Spannungen werden bevorzugt als sachliche Probleme behandelt.

Ein hoch integrierter Mensch kann dagegen klar und strukturiert denken, ohne jeden Aspekt kontrollieren zu müssen. Er erkennt Fehler an, lernt aus ihnen und akzeptiert die Grenzen des eigenen Wissens. Unterschiedliche Lösungswege können geprüft werden, ohne dass der Anspruch auf sachliche Nachvollziehbarkeit verloren geht.

Nehmen wir zwei Führungskräfte, die mit einem gescheiterten Projekt konfrontiert werden. Die eine sucht nach Schuldigen, verschärft die Kontrollen und fordert noch präzisere Berichte. Die andere analysiert die Ursachen, übernimmt Verantwortung für eigene Fehleinschätzungen und entwickelt mit dem Team Verbesserungen.

Beide orientieren sich an sachlicher Richtigkeit und funktionalen Lösungen. Aber sie unterscheiden sich erheblich darin, wie sie mit den Spannungen dieser Haltung umgehen.

Integriertheit bedeutet hier: Klarheit und Ordnung schaffen, ohne alles kontrollieren zu müssen.

4. Eigenbestimmt-souverän
Selbstbestimmt leben, ohne von der eigenen Unabhängigkeit abhängig zu werden

Leitunterscheidung: günstig – ungünstig

In der eigenbestimmt-souveränen Haltung gewinnt die persönliche Gestaltung des Lebens an Bedeutung. Menschen orientieren sich zunehmend an eigenen Zielen, Bedürfnissen und Vorstellungen eines gelingenden Lebens.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Selbstverwirklichung und der Erfahrung, dass wir zugleich auf andere Menschen angewiesen sind und Verantwortung für unsere Entscheidungen tragen.

Ein wenig integrierter Mensch verwechselt Selbstbestimmung mit Unabhängigkeit. Beziehungen werden stark nach ihrem persönlichen Nutzen bewertet. Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit sind schwer zuzulassen. Einschränkungen werden als Bedrohung der eigenen Freiheit erlebt.

Ein hoch integrierter Mensch kann sein Leben selbstverantwortlich gestalten und zugleich anerkennen, dass Autonomie nicht bedeutet, unabhängig von anderen zu sein. Er kennt seine Bedürfnisse und Grenzen, kann Entscheidungen treffen und deren Folgen tragen. Er ist unabhängig genug, um freiwillig verbindliche Beziehungen einzugehen.

Denken wir an zwei selbstständige Unternehmerinnen. Beide möchten ihre Arbeit und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Die eine erlebt jede Verpflichtung als Einschränkung und zieht sich zurück, sobald andere Ansprüche stellen. Die andere gestaltet ihre Freiheit bewusst, geht verbindliche Kooperationen ein und kann auch eigene Abhängigkeiten anerkennen.

Ihre grundlegende Orientierung an Selbstbestimmung ist ähnlich. Ihre Integriertheit unterscheidet sich deutlich.

Integriertheit bedeutet hier: selbstbestimmt leben, ohne von der eigenen Unabhängigkeit abhängig zu werden.
 

5. Relativierend-individualistisch

Vielstimmigkeit zulassen, ohne in Beliebigkeit zu geraten

Leitunterscheidung: stimmig – unstimmig

In der relativierend-individualistischen Haltung werden unterschiedliche Perspektiven, individuelle Wirklichkeitskonstruktionen und die Kontextabhängigkeit unserer Erfahrungen zunehmend bewusst.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen und der Notwendigkeit, dennoch Orientierung zu finden, Entscheidungen zu treffen und verbindlich zu handeln.

Ein wenig integrierter Mensch kann sich im endlosen Relativieren verlieren. Weil jede Perspektive ihre Berechtigung besitzt, werden Entscheidungen schwierig. Konflikte werden vermieden, um niemanden auszuschließen. Authentizität kann mit fehlender Verbindlichkeit verwechselt werden.

Ein hoch integrierter Mensch erkennt und würdigt unterschiedliche Perspektiven, ohne deshalb auf Entscheidungen verzichten zu müssen. Er kann Ambivalenzen aushalten und dennoch Position beziehen. Er weiß, dass Entscheidungen vorläufig und perspektivisch bleiben, übernimmt aber Verantwortung für sie.

Stellen wir uns zwei Moderatorinnen vor, die einen Konflikt in einem Team begleiten. Die eine bemüht sich so sehr darum, allen Perspektiven gerecht zu werden, dass am Ende keine Entscheidung möglich ist. Die andere nimmt die unterschiedlichen Sichtweisen ebenso ernst, hilft aber dabei, die verbleibenden Spannungen auszuhalten und eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.

Beide verfügen über ein differenziertes Verständnis von Perspektivenvielfalt. Doch nur eine kann damit auch unter Entscheidungsdruck tragfähig umgehen.

Integriertheit bedeutet hier: Vielstimmigkeit zulassen, ohne in Beliebigkeit zu geraten.

6. Systemisch-autonom

Zusammenhänge erkennen, ohne alles integrieren zu müssen

Leitunterscheidung: integriert – unintegriert

In der systemisch-autonomen Haltung werden die Wechselwirkungen unterschiedlicher Perspektiven, Spannungen und Entwicklungsprozesse zunehmend wahrnehmbar. Menschen erkennen, dass Wirklichkeit nicht nur aus unterschiedlichen Sichtweisen besteht, sondern in Beziehungen und Prozessen fortwährend hervorgebracht wird.

Die prägende Spannung entsteht zwischen dem Wunsch, Zusammenhänge zu verstehen und unterschiedliche Perspektiven zu integrieren, und der Erfahrung, dass Entwicklung nicht vollständig kontrollierbar ist und manche Widersprüche unauflösbar bleiben.

Ein wenig integrierter Mensch kann versuchen, alles systemisch zu erklären. Er reflektiert unaufhörlich, ordnet Erfahrungen in größere Zusammenhänge ein und nimmt möglicherweise die Rolle desjenigen ein, der die Muster der anderen durchschaut. Die eigene emotionale Beteiligung gerät dabei leicht aus dem Blick.

Ein hoch integrierter Mensch erkennt ebenfalls komplexe Zusammenhänge, kann aber zugleich das Nichtverfügbare anerkennen. Er muss nicht jede Spannung verstehen oder auflösen. Er kann zwischen Reflexion und unmittelbarem Erleben wechseln und Entwicklung ermöglichen, ohne sie kontrollieren zu wollen.

Denken wir an zwei Coaches, die mit einer emotional aufgewühlten Klientin arbeiten. Der eine beginnt sofort, die unterschiedlichen inneren Anteile, Beziehungsmuster und systemischen Dynamiken zu erklären. Der andere nimmt diese Zusammenhänge ebenfalls wahr, bleibt aber zunächst bei der Erfahrung der Klientin. Er kann berührt sein, schweigen und die Spannung offenhalten, ohne sie sofort einordnen zu müssen.

Beide können systemisch-autonom denken. Doch der Umgang mit der eigenen Reflexionsfähigkeit unterscheidet sich.

Integriertheit bedeutet hier: Zusammenhänge erkennen, ohne alles verstehen und integrieren zu müssen.

Gerade bei dieser Haltung wird deutlich, warum wir zwischen der Leitunterscheidung einer Haltung und ihrer Integriertheit unterscheiden sollten.

Dass ein Mensch die Welt unter der Perspektive von integriert und unintegriert betrachtet, bedeutet noch lange nicht, dass seine eigene Haltung integriert ist.

Integration ist nicht gleich Transformation

Die sechs Beispiele zeigen, dass jede Haltung ihre eigene Form von Reife entwickeln kann.

Ein Mensch kann innerhalb seiner Haltung immer tragfähiger mit Spannungen umgehen, ohne dass er bereits eine neue Haltung entwickelt.

Ein rationalistisch-funktionaler Mensch kann beispielsweise lernen, Fehler gelassener zu betrachten, Kritik anzunehmen und die Grenzen seiner Kontrolle zu akzeptieren. Er bleibt dabei möglicherweise weiterhin auf sachliche Richtigkeit und funktionale Lösungen ausgerichtet.

Erst wenn sich die grundlegende Form seiner Sinngebung verändert, sprechen wir von einer Haltungserweiterung.

Hier hilft die Unterscheidung zwischen prägender und transformierender Spannung.

Die prägende Spannung entsteht innerhalb des bestehenden Resonanzfeldes. Sie fordert uns heraus, die Möglichkeiten unserer Haltung auszuschöpfen und einen tragfähigen Umgang mit ihren Widersprüchen zu entwickeln.

Die transformierende Spannung entsteht dort, wo die bisherige Form der Sinngebung nicht mehr ausreicht. Was bislang innerhalb der vertrauten Haltung erklärt und beantwortet werden konnte, lässt sich nicht mehr auf diese Weise integrieren.

Dann kann sich ein neues Resonanzfeld öffnen, in dem andere Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns entstehen.

Die prägende Spannung ist somit ein wesentlicher Bezugspunkt für die Integriertheit einer Haltung. Die transformierende Spannung eröffnet Möglichkeiten ihrer Erweiterung. Allerdings sollte daraus kein mechanischer Entwicklungsablauf entstehen. Nicht jede Spannung führt zu Transformation. Und auch eine wenig integrierte Haltung kann an ihre Formgrenze gelangen.

Integration verändert die Qualität unseres Umgangs mit Spannungen. Transformation verändert die Form, in der Spannungen überhaupt entstehen und Bedeutung erhalten.

Integriertheit und die Integration früherer Haltungen

Eine weitere Unterscheidung ist notwendig. Wir können die gegenwärtige Gewohnheitshaltung gut integriert leben und gleichzeitig Schwierigkeiten mit früheren Formen unserer Sinngebung haben.

Ein Mensch mit einer eigenbestimmt-souveränen Haltung kann beispielsweise seine Autonomie sehr verantwortungsvoll gestalten und dennoch große Schwierigkeiten haben, gemeinschaftsbestimmte Bedürfnisse nach Zugehörigkeit oder Loyalität anzuerkennen.

Ein systemisch-autonomer Mensch kann komplexe Zusammenhänge hervorragend verstehen und zugleich bei einer persönlichen Kränkung in frühere selbstorientierte Reaktionsmuster zurückfallen. Deshalb können wir zwischen der Integriertheit der aktuellen Haltung und der Integration früherer Haltungen unterscheiden.
 

Integriertheit beschreibt, wie tragfähig wir mit den Spannungen unserer gegenwärtigen Haltung umgehen.
 

Integration früherer Haltungen beschreibt, wie gut uns die früher entwickelten Formen des Wahrnehmens, Fühlens und Handelns weiterhin zugänglich sind und wie angemessen wir sie in unser gegenwärtiges Leben einbeziehen können.

Dabei sollten wir uns frühere Haltungen nicht wie voneinander getrennte innere Persönlichkeiten vorstellen. Sie sind eher historisch entstandene Formen der Sinngebung, deren Muster unter bestimmten Bedingungen erneut wirksam werden können. Diese beiden Integrationsbewegungen können unterschiedlich weit entwickelt sein.

 

Eine spätere Haltung macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen

Damit gelangen wir zu einer weiteren wichtigen Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Haltungsentwicklung und ethischer Reife?

Die Entwicklungspsychologie beschreibt seit Langem Veränderungen in der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, Widersprüche zu erkennen und das eigene Denken zu reflektieren. Jane Loevinger berücksichtigte in ihrem Modell der Ich-Entwicklung neben dem kognitiven Stil auch Charakterentwicklung, interpersonellen Stil und bewusste Anliegen. Lawrence Kohlberg untersuchte die Entwicklung moralischer Urteilsstrukturen.

Dennoch bleibt eine grundlegende Differenz bestehen: Die Fähigkeit, komplex zu denken oder moralisch differenziert zu urteilen, garantiert noch kein entsprechend verantwortungsvolles Handeln.

Ein Mensch kann systemisch-autonom denken und andere manipulieren. Er kann unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen durchschauen und dieses Wissen zu seinem eigenen Vorteil einsetzen. Er kann Entwicklung erklären, ohne selbst in seinen Beziehungen besonders entwicklungsförderlich zu handeln.

Umgekehrt kann ein Mensch in einer gemeinschaftsbestimmten oder rationalistisch-funktionalen Haltung ein hohes Maß an Verlässlichkeit, Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein zeigen.

Deshalb erscheint es sinnvoll, neben der Strukturweite und dem Integrationsgrad auch die ethisch-relationale Qualität eigenständig zu betrachten.

Sie zeigt sich darin, wie wir anderen tatsächlich begegnen. Wie gehen wir mit Verletzlichkeit, Macht, Abhängigkeit und unterschiedlichen Bedürfnissen um? Wie übernehmen wir Verantwortung? Wie schaffen wir Besprechbarkeit? Wie ermöglichen wir Mitstimmigkeit?

Die Antworten auf diese Fragen lassen sich nicht allein aus der entwickelten Haltung ableiten.

Integriertheit begünstigt möglicherweise verantwortungsvolles Handeln, aber sie garantiert es nicht.

 

Ein mehrdimensionales Verständnis von Entwicklung

Aus emergetischer Perspektive könnte es deshalb sinnvoll sein, menschliche Entwicklung in mehreren miteinander verbundenen Dimensionen zu betrachten.

Zustandsweite beschreibt, welche Formen des Erlebens uns in einem bestimmten Moment zugänglich sind. Durch Meditation, Atemarbeit oder andere außergewöhnliche Bewusstseinszustände können sich diese Möglichkeiten zeitweise erheblich verändern.

Strukturweite beschreibt, wie differenziert und komplex wir Wirklichkeit dauerhaft organisieren können. Hier liegt der Schwerpunkt der Haltungsentwicklung.

Integriertheit beschreibt die Tragfähigkeit unserer gegenwärtigen Haltung im Umgang mit ihren prägenden Spannungen.

Integration früherer Haltungen beschreibt, in welchem Maße frühere Wahrnehmungs- und Antwortmöglichkeiten weiterhin verfügbar sind, ohne unser gegenwärtiges Handeln unwillkürlich zu bestimmen.

Ethisch-relationale Qualität beschreibt, wie verantwortlich, achtsam und beziehungsfähig wir mit uns selbst und anderen umgehen.

Diese Dimensionen sind nicht unabhängig voneinander, entwickeln sich aber auch nicht notwendig gleichzeitig.

Außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen führen nicht automatisch zu einer neuen Haltung. Eine erweiterte Haltung garantiert keine hohe Integriertheit. Und eine hohe strukturelle Komplexität bedeutet nicht zwangsläufig eine hohe ethisch-relationale Qualität.

Entwicklung wäre damit kein einfacher Aufstieg auf einer Leiter, sondern ein vielschichtiges Geschehen, in dem unterschiedliche Fähigkeiten und Formen des Erlebens entstehen, stabilisiert, integriert und immer wieder verändert werden.

 

Wie gut bewohnen wir unsere Haltung?

Vielleicht lässt sich die Bedeutung der Integriertheit mit einem Bild verdeutlichen.

Unsere Haltung gleicht einem Raum, in dem wir unsere Wirklichkeit erleben und gestalten. Jede Haltung eröffnet andere Möglichkeiten. Sie lässt uns bestimmte Zusammenhänge erkennen und andere übersehen. Sie bringt charakteristische Spannungen hervor und bietet zugleich Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen.

Haltungsentwicklung verändert die Beschaffenheit dieses Raums.

Integriertheit beschreibt dagegen, wie gut wir ihn bewohnen können.

Wir können uns innerhalb eines Raums sicher bewegen oder ständig an seine Grenzen stoßen. Wir können seine Möglichkeiten nutzen oder uns in bestimmten Ecken festfahren. Wir können Spannungen aushalten oder versuchen, alles zu vermeiden, was unsere gewohnte Ordnung infrage stellt.

Eine größere Wohnung bedeutet schließlich nicht automatisch, dass wir besser darin leben können.

Ähnlich verhält es sich mit der Haltungsentwicklung. Eine spätere Haltung eröffnet neue Möglichkeiten des Wahrnehmens und Handelns. Aber ob wir diese Möglichkeiten tatsächlich nutzen können, hängt davon ab, wie integriert wir mit den Spannungen umgehen, die innerhalb dieser Haltung entstehen und damit verändert sich vielleicht auch unser Verständnis persönlicher Reife.

Nicht nur die Frage, welche Haltung wir entwickelt haben, ist bedeutsam. Ebenso wichtig ist die Frage, wie wir sie leben.

Entwicklung bedeutet nicht nur, neue Räume unserer Wirklichkeit zu erschließen. Sie bedeutet auch, die Räume, die uns bereits zugänglich sind, immer bewusster, tragfähiger und verantwortungsvoller bewohnen zu können.

Die Emergetik lädt deshalb dazu ein, Haltungsentwicklung und Integriertheit gemeinsam zu betrachten, ohne beides miteinander zu verwechseln.

Denn eine spätere Haltung eröffnet nicht automatisch ein besseres Leben.

Die Haltung beschreibt unseren Möglichkeitsraum. Die Integriertheit beschreibt, wie tragfähig wir ihn bewohnen und unsere Antwort auf andere zeigt, was daraus im gemeinsamen Leben entsteht.