Grundlagen der Emergetik
Wenn Worte fehlen, beginnt die Suche
Warum die Emergetik manchmal neue Begriffe braucht
Eine Einladung in die Begriffswelt der Emergetik www.emergetik.de/begriffswelt
Es gibt einen Moment in Workshops, den ich inzwischen gut kenne. Ich benutze ein Wort, das die Teilnehmenden noch nie gehört haben, und für einen Augenblick entsteht diese besondere Form der Stille, in der man ziemlich genau spüren kann, dass im Raum gerade unterschiedliche innere Prozesse ablaufen. Manche schauen neugierig, andere leicht skeptisch, und irgendwann fragt fast immer jemand: „Hast du das Wort selbst erfunden?“ Dann antworte ich: „Ja.“ Die einen freuen sich darüber, als hätten wir gerade gemeinsam eine neue Tierart entdeckt. Andere schauen mich an, als hätte ich beschlossen, den Rest des Workshops auf Beratersprech fortzusetzen.
Beides kann ich gut verstehen, denn neue Wörter können anregend sein und zugleich befremden. Gerade in der Welt von Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung gibt es bereits eine beachtliche Sammlung von Begriffen, bei denen man sich gelegentlich fragen kann, ob sie tatsächlich eine neue Erkenntnis ermöglichen oder eine längst bekannte Sache lediglich bedeutungsvoller klingen lassen. Deshalb braucht es gute Gründe, ein neues Wort in die Welt zu setzen.
Für die Emergetik liegt einer dieser Gründe darin, dass wir manchmal etwas wahrnehmen, erleben oder beschreiben wollen, für das unsere vorhandene Sprache noch keine passende Unterscheidung bereithält. Wir spüren, dass da etwas ist, finden jedoch kein Wort, das genau auf diese Erfahrung zeigt. In solchen Momenten beginnt eine Suche, die selbst bereits etwas Emergetisches hat: Wir nähern uns einer Bedeutung, probieren Begriffe aus, verwerfen sie wieder, verbinden Bekanntes neu und warten darauf, dass sich irgendwann eine sprachliche Form bildet, bei der wir spüren: Ja, das könnte es sein. Bei der Entwicklung der Begriffswelt zur Emergetik ist es uns of so gegangen, mit dem Nachteil, alle Folien immer wieder überarbeiten zu müssen. Doch oft merken wir erst in der Praxis, ob ein neues Wort anschlussfähig ist.

Wörter bringen ihre Vergangenheit mit
Vertraute Wörter haben den großen Vorteil, dass wir sie sofort verstehen. Gleichzeitig liegt genau darin eine Schwierigkeit, denn häufig glauben wir zu verstehen, während wir in Wirklichkeit sehr unterschiedliche Vorstellungen mit demselben Begriff verbinden.
Nehmen wir ein Wort wie Entwicklung. Jeder kennt es, und doch können damit Wachstum, Fortschritt, Reifung, Verbesserung, Karriere oder die Vorstellung verbunden sein, dass es irgendwie immer höher, weiter und besser gehen müsse. Man kann es auch so verstehen, dass wir uns aus Verstrickungen entwickeln und etwas frei legen. Ein einziges Wort bringt einen ganzen Hofstaat von Bedeutungen mit sich, der aus unserer Biografie, unserer Kultur und unseren bisherigen Erfahrungen entstanden ist.
Diese Vorgeschichte ermöglicht Verständigung, sie kann unseren Blick jedoch auch in vertraute Bahnen lenken. Wir hören das Wort und springen augenblicklich zu einer Bedeutung, die längst in uns angelegt ist. Viele Wörter erfahren auch Umdeutungen und sind plötzlich neu moralisch besetzt und werden zu tabus.
Ein frisches Wort besitzt diesen Hofstaat von Assoziationen noch kaum. Es ist zunächst ungewohnt genug, um unseren sprachlichen Autopiloten für einen Moment auszuschalten, und genau dieser kleine Musterbruch kann produktiv werden, weil wir innehalten und uns fragen müssen, was damit eigentlich gemeint sein könnte.
Worauf möchte dieses Wort meine Aufmerksamkeit lenken?
Womit könnte ich diesen neuen Begriff verbinden?
Welche Erfahrung kenne ich womöglich längst, für die mir bisher nur die sprachliche Unterscheidung fehlte?
In diesem Sinne können neue Wörter neue begriffliche, neuronale Verknüpfungen anregen. Sie bringen Bekanntes in ungewohnte Beziehungen und schaffen dadurch Möglichkeiten, Erfahrungen feiner voneinander zu unterscheiden. Sie sind Sortier- und Umerzählungshilfen. Das Wort erschafft die Erfahrung dabei nicht aus dem Nichts, doch manchmal macht es etwas sichtbar, das vorher diffus geblieben ist. Manchmal sehen wir etwas deutlicher, sobald wir einen Namen dafür haben.
Wahrnehmen oder Wahrgeben?
So nutzen wir in der Emergetik beispielsweise das Wort Wahrgeben. Ich habe es von Gunther Schmidt, dem bekannten Hynosystemiker übernommen, der ein wahren Sprachakrobat ist.
Wir sprechen normalerweise von Wahrnehmung, und in diesem Wort klingt leicht die Vorstellung an, dass da draußen eine Wirklichkeit existiert, die wir in uns aufnehmen: Wir sehen etwas, wir hören etwas, wir nehmen es wahr. Unser Erleben ist jedoch aktiver. Wir unterscheiden, deuten, erinnern, fühlen, bewerten und erzählen, und mit all dem geben wir dem, was uns begegnet, fortwährend eine bestimmte Wirklichkeit. Wir nehmen nicht und Wahrheit auf, wir geben Dingen eine Wahrheit.
Zwei Menschen sitzen in derselben Besprechung. Danach sagt der eine: „Endlich haben wir das geklärt.“ Der andere erzählt: „Das Gespräch ist völlig eskaliert.“ Und ein Dritter hat währenddessen hauptsächlich darüber nachgedacht, ob vom Vormittag noch Kuchen übrig ist. Eine Besprechung. Drei Wirklichkeiten. Alle drei haben etwas wahrgenommen, und alle drei haben zugleich wahrgegeben.
Das Wort Wahrgeben verschiebt den Blick ein wenig und macht unseren eigenen Anteil an der Wirklichkeit sichtbarer, die wir erleben und miteinander hervorbringen. Damit wird aus einer kleinen sprachlichen Veränderung eine neue Frage: Welche Wirklichkeit gebe ich einer Situation gerade, und welche andere Wirklichkeit könnte entstehen, wenn ich anders unterscheide, anders deute oder anders auf sie antworte?
Genau solche Verschiebungen interessieren uns in der Begriffswelt der Emergetik.
Und was soll jetzt eigentlich „Emergetik“ heißen?
Das gilt natürlich auch für das Wort Emergetik selbst.
Wenn ich jemandem erzähle, dass wir uns mit Emergetik beschäftigen, kommt gelegentlich die Frage: „Ist das etwas mit Energie?“ Das ist der Moment, in dem ich kurz überlege, ob ich einfach geheimnisvoll schauen und sagen soll: „Ja, aber auf einer sehr hohen Frequenz.“ Meistens entscheide ich mich dagegen.
Das Wort Emergetik ist aus den Begriffen Emergenz und Energetik entstanden und versucht, einen Denk- und Erfahrungsraum zu öffnen, in dem wir Entwicklung stärker vom Entstehen her betrachten. Uns interessiert, wie sich neue Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns bilden, wie Menschen in Resonanz mit ihrer Mitwelt treten und wie aus Spannungen, Begegnungen und Beziehungen Möglichkeiten hervorgehen können, die vorher noch nicht sichtbar waren.
Wir hätten dafür eine längere Umschreibung verwenden können, doch genau darin liegt eine wesentliche Funktion von Sprache: Wörter verdichten komplexe Erfahrungsräume und machen sie miteinander besprechbar.
Mit der Zeit kann ein Satz wie „Lass uns einmal emergetisch darauf schauen“ eine bestimmte Bewegung auslösen. Dann lautet die Frage weniger, wer recht hat oder welche Lösung möglichst schnell gefunden werden muss, und der Blick richtet sich stärker darauf, was sich gerade zwischen den Beteiligten bildet, welche Resonanzen wirken, welche Spannung möglicherweise Entwicklungskraft besitzt und welche neue Form entstehen könnte.
Ein Wort wird auf diese Weise zu einer Einladung, anders hinzuschauen. Wir sind gespannt, ob dieses Wort anschlussfähig sein wird oder keinen Platz im Sprachgebrauch bekommt. Seine Bedeutung entsteht dabei nicht allein durch eine Definition. Sie wächst durch Gebrauch, durch Beispiele, durch Erfahrungen und durch die Verbindungen, die Menschen mit dem Begriff herstellen. Und genau an dieser Stelle wird künstliche Intelligenz interessant.
Was macht eine KI eigentlich mit dem Wort Emergetik?
Mich hat auch interessiert, was geschieht, wenn ich eine künstliche Intelligenz zum ersten Mal mit einem Wort wie „Emergetik“ konfrontiere, dass in genau dieser Bedeutung möglicherweise noch gar nicht Teil ihrer Trainingswelt war?
Die vereinfachte Vorstellung wäre, dass die KI in einem gigantischen inneren Wörterbuch nachschlägt, keinen Eintrag findet und freundlich meldet: „Emergetik unbekannt. Meinten Sie Energetik?“
So funktioniert ein modernes Sprachmodell jedoch nicht. Text wird in kleinere Einheiten, sogenannte Tokens, zerlegt, die ganze Wörter, Wortteile oder Satzzeichen repräsentieren können. Ein Modell verarbeitet diese Einheiten im Zusammenhang mit dem Kontext, in dem sie auftreten, und nutzt dabei gelernte Muster darüber, wie sprachliche Elemente typischerweise miteinander in Beziehung stehen.
Wenn ich einer KI also schreibe: „Emergetik beschäftigt sich mit der Frage, wie aus Resonanz, Spannung und Beziehung neue Formen des Wahrnehmens und Handelns entstehen“, dann muss sie das Wort nicht bereits als fertigen Lexikoneintrag besitzen, um etwas damit anfangen zu können. Sie kann aus dem sprachlichen Umfeld Beziehungen zu Emergenz, Entwicklung, Formbildung, Resonanz und anderen bekannten Konzepten herstellen und daraus im aktuellen Kontext eine Bedeutung erschließen. Für uns selbst war unglaublich interessant zu erleben, wie aus diesem Vorgang, Vorschläge von der KI kamen, was mit dem Ansatz der Emergetik noch alles beschreibbar ist. So wurde das Forschen ein kokreativer Prozess, weil KI eine Intelligentes Gegenüber ist, das unvoreingenommen selbst Hypothesen vorschlagen kann.
Wichtig ist dabei eine Unterscheidung: Die KI lernt dieses neue Wort durch unser einzelnes Gespräch normalerweise nicht dauerhaft so, wie ein Mensch im Laufe seines Lebens einen neuen Begriff in seinen Wortschatz integriert. Innerhalb des Gesprächskontextes kann der Begriff jedoch zunehmend anschlussfähig werden. Je genauer ich beschreibe, was ich mit Emergetik meine, je mehr Beispiele ich gebe und je häufiger der Begriff in unterschiedlichen Zusammenhängen auftaucht, desto besser kann das Modell mit ihm arbeiten. Über die Monate konnte sich so das Verständnis von KI für das was Emergetik bedeutet verfeinern und hat uns dabei geholfen selbst präziser zu werden.
Das finde ich deshalb so spannend, weil darin eine interessante Parallele zu unserem eigenen Umgang mit neuen Wörtern liegt. Auch wir begegnen einem unbekannten Begriff und suchen zunächst nach Anschlussstellen. Emergetik klingt nach Emergenz. Vielleicht schwingt auch Energetik mit, was gelegentlich zu den erwähnten Missverständnissen führt. Dann hören wir, wie andere Menschen das Wort verwenden, erleben Situationen, die damit beschrieben werden, verbinden es mit bereits Bekanntem und beginnen irgendwann, es selbst zu benutzen. Erstaunlich war, dass Menschen selten mit dem Wort gefremdelt haben, sondern sofort etwas in ihnen resoniert hat und dem Wort Bedeutung geben konnte.
Mit jeder Verwendung gewinnt das Wort Kontur. Seine Bedeutung liegt dann nicht wie ein fertig verpackter Gegenstand im Begriff selbst. Sie bildet sich in einem Netz von Beziehungen zu anderen Worten, Bildern, Erfahrungen und Situationen. Das ist selbst schon eine auch eine emergetische Vorstellung von Sprache.
Neue Wörter sind kleine Musterbrüche
Gerade darin könnte die besondere Kraft neuer Wörter liegen. Ein unbekannter Begriff unterbricht für einen kurzen Moment unsere sprachliche Routine, weil wir noch nicht automatisch wissen, welche Bedeutung wir ihm geben sollen, und genau in dieser kleinen Lücke beginnt eine Suchbewegung. Wir müssen neu verknüpfen.
Menschen tun dies auf andere Weise als künstliche Intelligenz, und doch zeigt sich eine interessante Gemeinsamkeit: Bedeutung entsteht aus Beziehungen und Zusammenhängen. Ein Wort gewinnt seinen Sinn durch seinen Kontext, durch andere Wörter, durch Erfahrungen, durch seinen Gebrauch und durch das, was sich im Laufe der Zeit um dieses Wort herum bildet. Sprache lässt sich damit selbst als ein lebendiger Prozess der Formbildung betrachten.
Ein neues Wort taucht auf. Menschen beginnen, es zu verwenden. Seine Bedeutung verdichtet sich. Es entstehen gemeinsame Unterscheidungen. Irgendwann erscheint der Begriff selbstverständlich, und wir können uns kaum noch vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der wir ihn nicht kannten.
Auch Wörter können eine Verwendungskatastrophe erleben
Natürlich müssen wir deshalb nicht jedes neue Wort lieben, denn manche Wortschöpfungen erweisen sich als hilfreich, andere klingen drei Wochen lang interessant und danach möchte sie niemand mehr hören, während einige Begriffe das erstaunliche Kunststück vollbringen, gleichzeitig vollkommen unklar und inflationär gebraucht zu werden. Auch wir haben einige Wörter wieder verworfen. Aisthesis, obwohl schon vorhanden, war dann doch zu fremd.
Auch Wörter können, emergetisch gesprochen, eine Verwendungskatastrophe erleben. Sie waren einmal hilfreich, weil sie einen Unterschied sichtbar gemacht haben, wurden immer häufiger verwendet und irgendwann auf alles geklebt, was nicht schnell genug weglaufen konnte.
„Transformation“ ist dafür ein durchaus gefährdeter Kandidat. Heute transformieren wir Unternehmen, Teams, Führung, Kultur, Kommunikation und Geschäftsmodelle, und vermutlich wird irgendwann auch die neue Kaffeemaschine im Büro zur „Transformation unserer Coffee Experience“ erklärt.
Der Begriff verliert dann allmählich jene Unterscheidungskraft, die ihn einmal interessant gemacht hat. Das es darum geht eine wirklich neue Form zu finden und nicht nur um Optimierung von bestehendem, ist fast vergessen.
Eine Verwendungskatastrophe beschreibt genau diesen Moment, in dem eine Form, denn auch ein Begriff ist eine Form, ihre ursprüngliche Brauchbarkeit verliert. Das Wort existiert weiter, doch es hilft uns immer weniger dabei, etwas präzise wahrzunehmen und voneinander zu unterscheiden. Auch deshalb braucht Sprache gelegentlich Erneuerung. Es geht dabei weniger darum, ständig neue Modewörter zu produzieren, als darum, unsere Fähigkeit zum Unterscheiden lebendig zu halten.
Eine Begriffswelt als Einladung
Die Begriffswelt der Emergetik verstehen wir deshalb als einen wachsenden Sprachraum, in dem vertraute Begriffe wie Resonanz, Haltung, Spannung und Emergenz neben selten gebrauchten Ausdrücken und neuen Wortschöpfungen stehen.
Für jeden dieser Begriffe stellt sich im Grunde dieselbe Frage:
Eröffnet dieses Wort etwas?
Macht es eine Erfahrung wahrnehmbarer?
Erlaubt es eine Unterscheidung, die vorher schwer möglich war?
Hilft es uns, miteinander über etwas zu sprechen, das bislang sprachlich diffus geblieben ist?
Entsteht durch das Wort eine neue Verbindung zwischen Erfahrungen, die vorher getrennt erschienen?
Dann besitzt der Begriff eine Brauchbarkeit. Diese Brauchbarkeit muss sich im Gebrauch zeigen. Manche Wörter werden bleiben und irgendwann ganz selbstverständlich wirken, andere werden ihre Bedeutung verändern, einige werden wieder verschwinden, weil präzisere oder lebendigere Begriffe entstehen.
Auch Begriffe sind schließlich Formen. Sie entstehen, verdichten sich, treten in Beziehung zu anderen Bedeutungen, bewähren sich, verändern sich und können an die Grenzen ihrer Brauchbarkeit gelangen. Manche Wörter aus der Begriffswelt der Emergetik werden ungebraucht bleiben, manche werden sich als sehr hilfreich erweisen. Wir sind gespannt, was emergiert.
So gesehen passt es gut, dass eine Theorie des Entstehens mit ihrer eigenen Sprache noch nicht fertig ist. Die Begriffswelt der Emergetik möchte keine neue Fachsprache errichten, die man erst beherrschen muss, bevor man mitreden darf. Sie lädt dazu ein, gemeinsam genauer hinzuschauen und Worte für Erfahrungen zu finden, die bisher nur schwer besprechbar waren.
Manchmal beginnt diese Bewegung mit einem Musterbruch, einer Irritation. Jemand hört ein unbekanntes Wort, runzelt die Stirn und fragt: „Hast du das gerade erfunden?“ Und manchmal lautet die beste Antwort tatsächlich: „Ja. Lass uns schauen, ob wir es gebrauchen können.“
Falls ihr Vorschläge habt für Wörter, die in die Begriffswelt der Emergetik gehören, lasst es uns wissen.