Emergetische Geschichte
Warum wir Entwicklung erzählen
Zwischen uns entsteht die Welt – über fünf Generationen
In unseren Büchern „Haltung entscheidet“ und „Haltung erweitern“ haben wir das Modell der Haltungen erklärt, die zehn Haltungen beschrieben, Denkweisen und Bedürfnisse gegenüberstellt und anhand von Beispielen gezeigt, wie sich unser Blick auf uns selbst und die Welt erweitert.
Für unser neues Buch „Zwischen uns entsteht die Welt“ wollten wir einen anderen Weg gehen. Wir wollten Entwicklung erzählen. Denn jede gute Geschichte hat sieben Ebenen des Verstehens. Sie entsteht in jedem Lesenden anders.
Wir begleiten eine Familie über fünf Generationen hinweg. Wir erleben Menschen als Kinder und später als Eltern, als Liebende und Verlassene, als Suchende und Angekommene, als Menschen, die sich anpassen, aufbrechen, scheitern, zweifeln und neu beginnen. Wir reisen mit ihnen durch ihr Leben und beobachten, wie sie denken, fühlen und handeln, wie sie sich selbst verstehen und wie sich dieses Verständnis im Laufe ihres Lebens verändert.
Dabei schauen wir ihnen gewissermaßen von innen zu.
Wir erleben, wie sich eine Welt aus der Ich-Perspektive anfühlt, bevor eine andere Perspektive überhaupt denkbar geworden ist. Was uns später eng, begrenzt oder widersprüchlich erscheinen mag, besitzt in diesem Moment eine eigene innere Logik. Eine Haltung ist aus dieser Sicht keine Theorie über einen Menschen. Sie ist die Welt, in der dieser Mensch gerade lebt.
Geschichten können etwas sichtbar machen, was Modelle allein nur schwer vermitteln können: Menschen wechseln ihre Haltung nicht wie ein Kleidungsstück. Entwicklung geschieht mitten im Leben. Sie entsteht in Begegnungen, Krisen, Zumutungen, Erfahrungen von Liebe und Verlust, in Momenten des Gelingens und manchmal dort, wo die bisherigen Antworten plötzlich nicht mehr tragen. Deshalb erzählen wir über fünf Generationen.
Denn persönliche Entwicklung findet nie nur in einer einzelnen Person statt. Wir werden in Familien hineingeboren, in bestimmte Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist, wie man liebt, arbeitet, Kinder erzieht, Verantwortung übernimmt oder über Gefühle spricht. Wir übernehmen Haltungen unserer Eltern und Großeltern, lehnen andere ab und tragen manche von ihnen unbewusst weiter. Gleichzeitig wachsen unsere Kinder bereits in einer anderen Welt auf als wir selbst. So entstehen über Generationen hinweg Verschiebungen.
Was für die Großmutter noch selbstverständlich war, wird für die Tochter zur Zumutung und für die Enkelin vielleicht zu einer historischen Kuriosität. Ein Lebensentwurf, der einer Generation Freiheit ermöglicht hat, kann von der nächsten bereits als Begrenzung erlebt werden. Jede Generation beginnt an einem anderen Punkt und trägt zugleich Spuren der vorhergehenden in sich.
In der Erzählung können wir diese Bewegungen beobachten, ohne sie vorschnell bewerten zu müssen. Wir erleben Eltern, die ihre Kinder nach bestem Wissen erziehen und dabei genau jene Muster weitergeben, von denen sie glaubten, sich längst gelöst zu haben. Wir erleben Kinder, die sich von ihren Eltern befreien wollen und erst viele Jahre später erkennen, was sie ihnen zugleich verdanken. Menschen suchen Nähe und fürchten Vereinnahmung. Sie wünschen sich Freiheit und entdecken, dass Freiheit neue Verantwortung mit sich bringt. Sie wollen sie selbst sein und merken irgendwann, dass auch dieses Selbst in Beziehungen, Sprache und Kultur entstanden ist.
Das Modell der Haltungen wird dadurch zu einer Landkarte, die wir während einer Reise lesen. Die Reise selbst bleibt das Leben.
Deshalb finden sich in „Zwischen uns entsteht die Welt“ viele der großen Themen persönlicher Entwicklung: Beziehung und Liebe, Kinder und Erziehung, Ablösung und Zugehörigkeit, Eltern und Pflege, Krankheit und Tod. Es geht um den Wunsch nach Selbstverwirklichung und um die Sehnsucht nach Freiheit, um außergewöhnliche Bewusstseinszustände und um die Frage, wie wir Erfahrungen einordnen, die unsere bisherigen Vorstellungen von Wirklichkeit überschreiten.
Unsere Figuren wollen dazugehören und eigenständig sein. Sie suchen Anerkennung, Erfolg, Sinn, Verbundenheit und manchmal einfach einen Weg durch den nächsten Tag. Dabei leben sie immer auch in ihrer Zeit.
Persönliche Entwicklung geschieht in keiner abgeschlossenen Innenwelt. Unsere Vorstellungen davon, wer wir sind und wie wir leben wollen, entstehen in Kulturen, Familien, Organisationen und Gesellschaften. Wirtschaftliche Veränderungen, technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Umbrüche und die großen Krisen unserer Zeit dringen bis in unsere intimsten Beziehungen vor. Was draußen geschieht, verändert unser Innenleben. Und wie wir die Welt wahrnehmen und auf sie reagieren, verändert wiederum das, was zwischen uns entsteht.
Über fünf Generationen können wir deshalb noch etwas anderes erzählen: dass sich nicht nur Menschen entwickeln, sondern auch die Möglichkeitsräume, in denen Menschen sich entwickeln können.
Eine Frau kann in einer Generation für etwas kämpfen, das für ihre Enkelin selbstverständlich geworden ist. Ein Mann kann an einem Rollenbild leiden, das ihm zugleich Sicherheit und Zugehörigkeit gibt. Kinder stellen Fragen, für die ihre Eltern noch keine Sprache besitzen. Und jede neue Freiheit bringt neue Spannungen hervor, die vorher kaum sichtbar waren. Entwicklung erscheint dann weniger als eine gerade Linie nach oben als eine fortwährende Erweiterung dessen, was wir wahrnehmen, halten und miteinander in Beziehung bringen können.
Geschichten erlauben uns, diese Bewegung mitzuerleben. Wir sehen eine Figur handeln und denken möglicherweise: Warum merkt sie das denn nicht? Einige Kapitel später erinnern wir uns daran, dass wir selbst manches erst erkennen konnten, nachdem wir bereit dafür geworden waren.
Genau darin liegt für uns die besondere Kraft einer Erzählung. Sie lädt dazu ein, einen Menschen eine Zeit lang von innen zu bewohnen. Wir können seine Überzeugungen teilen, seine Ängste spüren und seine Entscheidungen nachvollziehen, bevor sich sein Blick auf die Welt verändert. Wenn diese Veränderung geschieht, verändert sich für einen Moment auch unsere eigene Perspektive.
Das Modell der Haltungen wird dadurch erfahrbar. Leserinnen und Leser können sich wiedererkennen: in einem Streit zwischen Eltern und Kindern, in einer Partnerschaft, im Wunsch, endlich unabhängig zu sein, im Ringen um Anerkennung oder im Versuch, einen geliebten Menschen loszulassen. Manchmal entdecken wir uns in einer Figur, die uns sympathisch ist. Manchmal gerade in einer, über die wir uns zunächst ärgern.
Und manchmal bemerken wir, dass mehrere dieser Figuren gleichzeitig in uns leben. Genau das interessiert uns. Denn wir bestehen nicht aus einer einzigen Haltung. Frühere Formen unseres Denkens, Fühlens und Handelns verschwinden nicht einfach, nur weil sich unser Bewusstsein erweitert. Unter Stress können alte Muster wieder sehr lebendig werden. In der Familie reagieren wir anders als im Beruf, in der Liebe anders als in einer politischen Diskussion, am Krankenbett eines Elternteils anders als in einem Seminar über persönliche Entwicklung.
Eine Fünf-Generationen-Geschichte gibt diesen Widersprüchen Raum. Sie zeigt Entwicklung als etwas zutiefst Menschliches: als Bewegung zwischen dem, was uns geprägt hat, dem, was wir geworden sind, und dem, was in uns und zwischen uns noch entstehen könnte.
Darum heißt unser Buch „Zwischen uns entsteht die Welt“.
Denn am Ende erzählen wir mit dem Modell der Haltungen nicht nur davon, wie sich ein einzelner Mensch entwickelt. Wir erzählen davon, wie Menschen miteinander Wirklichkeit hervorbringen. In Familien. In Liebesbeziehungen. In Organisationen. In Gesellschaften. Über Generationen hinweg.
Ein Modell kann uns helfen, diese Bewegungen zu verstehen. Eine Geschichte lässt uns mit ihnen leben. Und womöglich erkennen wir beim Lesen irgendwann, dass wir die Entwicklung der Figuren längst nicht mehr nur beobachten.
Wir beobachten auch uns selbst.
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