Emergetische Haltungserweiterung
Wir spüren die neue Möglichkeit oft lange, bevor wir ihr folgen
Entwicklung beginnt nicht erst dann, wenn uns etwas bewusst wird. Oft ist uns erstaunlich lange klar, dass etwas nicht mehr ganz stimmt. Wir merken, dass wir jemanden übergehen. Wir spüren, dass eine Rolle eng geworden ist oder wir nehmen unsere Erschöpfung wahr, hören widersprüchliche Stimmen in uns oder erkennen die Begrenztheit unserer eigenen Erklärungen. Doch trotzdem machen wir zunächst weiter wie bisher. Das ist kein Mangel an Reflexion. Es ist eine Eigenart von Entwicklung.

Eine Haltung kann die Spannung, die bereits auf ihre nächste Erweiterungsmöglichkeit verweist, oft lange noch halten, auch wenn die Verstimmung sich schon deutlich zeigt. Wir erklären die Irritation mit den Mitteln, die uns in der Gewohnheitshaltung zur Verfügung stehen, und finden damit zunächst wieder zu einer gewissen Stimmigkeit. Deshalb führt nicht jede Spannung schon an die Formgrenze einer Haltung.
Jede Haltung hat ihr eigenes Spannungsfeld
Eine Haltung ist eine bestimmte Weise, sich selbst, andere und die Welt wahrzunehmen. Mit ihr entsteht ein Resonanzfeld, in dem bestimmte Unterschiede überhaupt erst fühlbar werden. Jede Haltung bringt etwas in die bewusste Resonanz, was wir vorher nicht bewusst wahrgenommen haben.
Innerhalb eines Resonanzfeldes einer Haltung, begegnen sich zwei Pole. Der eine stabilisiert die bestehende Form. Er steht für eine Kompetenz, die diese Haltung hervorgebracht hat und auf die wir uns verlassen können. Der andere bringt etwas ins Spiel, das die Form erweitert und irgendwann auch infrage stellen kann. Interessant wird es dort, wo dieser transformative Pol bereits deutlich wahrgenommen wird, die bestehende Haltung aber noch eine Antwort darauf findet.
Wir fühlen bereits das Neue, verwenden aber weiterhin das Alte, um damit umzugehen. Ein Grund, warum Entwicklung manchmal Jahre braucht.
Selbstorientiert-impulsiv: Der andere wird sichtbar
In der selbstorientiert-impulsiven Haltung wird der eigene Wille zu einer entscheidenden Kraft. Ich spüre, was ich will, kann mich dafür einsetzen und versuche, Einfluss auf meine Umwelt zu nehmen. Das Resonanzfeld ist die Ich-Setzung. Wir betreten es, wenn wir anfangen Ich sagen zu können. Irgendwann wird bei unseren Willensbekundungen das Gegenüber deutlicher wahrnehmbar. Andere Menschen wollen ebenfalls etwas. Sie widersprechen, setzen Grenzen oder entziehen sich.
Typische Sätze sind dann:
„Ich verstehe schon, dass du das anders willst. Ich kann mich aber auch nicht ständig nach allen anderen richten.“
„Ich verstehe ja, dass du das anders willst, aber ich will das jetzt so.“
„Klar hast du auch deine Bedürfnisse, aber meine sind gerade einfach wichtiger.“
„Ich weiß, dass ich damit anecke, aber ich muss auch mal an mich denken.“
„Ich will dich wirklich nicht übergehen, aber irgendwer muss sich am Ende durchsetzen.“
Das Gegenüber ist bei dem Beispiel längst in unserer Wahrnehmung angekommen. Es wird nicht ignoriert. Noch lässt sich die Eigenständigkeit des anderen jedoch innerhalb der Logik des eigenen Wollens verarbeiten.
Erst wenn immer deutlicher wird, dass Beziehungen nicht allein über Durchsetzung organisiert werden können, entsteht eine neue Qualität. Aus der Grenze, die der andere meinem Willen setzt, wird die Erfahrung eines Gegenübers, dessen Erwartungen selbst Bedeutung bekommen. Damit öffnet sich für uns das Feld der sozialen Erwartbarkeit.
Gemeinschaftsbestimmt-konformistisch: Die Rolle wird eng
Nun bietet Zugehörigkeit Orientierung. Ich weiß, was von mir erwartet wird, welche Rolle ich habe und worauf andere sich bei mir verlassen können. Ich nehme das Resonanzfeld der Sozialen Erwartbarkeit wahr und es wird Teil meiner inneren Sinngebung.
Doch irgendwann taucht ein anderes Empfinden auf. Typische Aussagen können dann so klingen:
„Eigentlich würde ich gern Nein sagen, aber die anderen verlassen sich auf mich.“
„Mir wird das langsam zu viel, aber jetzt kann ich die anderen auch nicht hängen lassen.“
„Manchmal frage ich mich schon, ob ich das überhaupt noch will, aber man hat schließlich Verantwortung.“
„Ich würde es anders machen, aber so läuft es bei uns nun mal.“
„Ich brauche eigentlich mal Abstand, aber was sollen die anderen dann von mir denken?“
Die Rollendistanz ist schon spürbar. Die Person erlebt bereits, dass sie nicht vollständig mit ihrer Rolle zusammenfällt. Trotzdem besitzt die Zugehörigkeit noch genügend Kraft, um diese Irritation einzuordnen.
Vielleicht muss ich mich nur etwas zusammenreißen. Vielleicht darf ich nicht so egoistisch sein. Vielleicht gehört es eben dazu, Verantwortung zu übernehmen. Die bisherige Haltung gibt noch Halt, auch wenn die Verstimmung fühlbarer wird. Erst wenn die Frage „Was wird von mir erwartet?“ immer weniger ausreicht, drängt sich eine andere Frage auf: „Welche eigenen Meinungen und Kompetenzen möchte ich eigentlich einbringen?“
Rationalistisch-funktional: Die Stimmung lässt sich nicht mehr wegorganisieren
Die rationalistisch-funktionale Haltung gewinnt eine neue Freiheit durch Sachlichkeit, Analyse und Funktionalität. Wir zeigen noch nicht alles von uns, ein Teil wird noch hinter der Maske der Persona, verschiedenen rollengebundenen Teilpersönlichkeiten verborgen. Doch nun können Probleme zerlegt, Aufgaben priorisiert und Lösungen entwickelt werden. Auch Belastung lässt sich auf diese Weise zunächst gut bearbeiten. Effizient und kompetent sein wird wichtig. Wir wollen funktionieren und das auch unser Leben funktioniert. Doch auch hier meldet sich der Gegenpol.
„Ich merke schon, dass ich ziemlich gestresst bin, aber jetzt muss ich erst mal da durch.“
„Eigentlich bin ich völlig erschöpft, aber nach dem Projekt wird es bestimmt wieder ruhiger.“
„Mich beschäftigt das mehr, als ich dachte, aber darüber zu reden bringt uns jetzt auch nicht weiter.“
„Ich bin gerade ziemlich angespannt, wahrscheinlich muss ich noch einfach besser organisieren.“
„Irgendwas stimmt gerade nicht, aber wenn ich das wieder besser strukturiert habe, kriege ich das schon hin.“
Bemerkenswert ist an dieser Phase ist, die innere Stimmung wird bereits wahrgenommen. Sie wird keineswegs verleugnet, doch werden die äußeren Umstände für unser Befinden verantwortlich gemacht und die Stimmung wird noch funktional interpretiert.
Stress verlangt nach besserem Zeitmanagement, Erschöpfung nach Erholung, Überforderung nach Priorisierung. Die Haltung greift auf genau jene Kompetenz zurück, die ihr bislang so viel ermöglicht hat. Schwieriger wird es, wenn all diese Maßnahmen greifen und die Stimmung trotzdem bleibt.
Dann könnte zum ersten Mal die Vermutung entstehen, dass sie nicht nur eine Störung des Funktionierens ist. Vielleicht hat sie selbst etwas zu sagen und wir werden aufmerksamer dafür, wie wir selbst unsere Gestimmtheit mitbeeinflussen.
Eigenbestimmt-souverän: Nicht alles in mir will dasselbe
Mit der eigenbestimmt-souveränen Haltung wird die eigene innere Stimmigkeit zu einer wichtigen Orientierung. Das Resonanzfeld, der Selbstgestimmtheit tritt in unsere Wahrnehmung. Damit bilden sich neue Formen der Sinngebung und der Ich-Identität. Ich lerne, mich selbst ernst zu nehmen, persönliche Werte zu entwickeln und mein Leben bewusster zu gestalten. So wächst auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Die Idee von Selbstentwicklung und einer gestaltbaren Innenwelt keimt auf. Auf der Suche nach einem authentischen Ich auf das wir uns hin optimieren können, zeigt sich irgendwann auch zunehmend die Grenze dieser Haltung.
„Ich merke, dass ich da widersprüchlich bin, aber irgendwann muss ich mich ja entscheiden, was ich wirklich will.“
„Da sind mehrere Gefühle gleichzeitig, ich brauche einfach noch etwas Zeit, um wieder klarer zu werden.“
„Irgendetwas in mir sträubt sich, wahrscheinlich habe ich da noch ein Thema, an dem ich arbeiten sollte.“
„Ich bin gerade nicht ganz bei mir, ich muss wieder mehr darauf achten, was für mich stimmig ist.“
„Ein Teil von mir möchte das unbedingt, ein anderer sträubt sich dagegen. Ich brauche noch etwas Zeit, um herauszufinden, was wirklich zu mir passt.“
Auch hier ist der Widerspruch schon fühlbar. Doch noch lebt die Hoffnung, dass sich hinter den unterschiedlichen Gefühlen eine stimmige Antwort finden lässt. Man muss vielleicht nur genauer hinspüren, ehrlicher mit sich sein oder noch etwas an sich arbeiten. Selbst der innere Widerspruch kann dadurch zum nächsten Entwicklungsprojekt werden. Die Form beginnt an ihre Grenze zu kommen, wenn die Erfahrung auftaucht, dass mehrere widersprüchliche Stimmen gleichzeitig wahr sein können. Dann geht es nicht mehr nur darum, endlich herauszufinden, wer ich wirklich bin. Es wird möglich, die innere Vielstimmigkeit selbst ernst zu nehmen. Wir sind nicht ein ICH, wir sind viele ICHs.
Relativierend-individualistisch: Die innere Vielfalt wird unübersichtlich
Nun kann Verschiedenheit leichter nebeneinander bestehen. Ich muss mich nicht mehr auf eine einzige Version meiner selbst festlegen. Das Resonanzfeld der Vielstimmigkeit öffnet sich und schenkt und neue Möglichkeiten der inneren Sinngebung. Unser Verstehen wird multiperspektivischer. In uns können unterschiedliche Bedürfnisse, Sichtweisen und Stimmen gleichzeitig vorkommen.
„Da sind so viele verschiedene Seiten in mir, ich muss ihnen wahrscheinlich einfach allen noch etwas mehr Raum geben.“
„Heute fühlt es sich so an und morgen wieder ganz anders, beides hat ja irgendwie seine Berechtigung.“
„Ein Teil sagt Ja, ein anderer Nein und ein dritter ist sich nicht sicher. Ich will erst mal hören, was die alle brauchen.“
„Ich merke, dass ich mich in meinen ganzen Perspektiven langsam verliere, aber vielleicht fehlt einfach noch eine Sichtweise.“
„Manchmal wünsche ich mir eine klare Antwort, aber wahrscheinlich wäre das schon wieder zu einfach gedacht.“
Das kann enorm befreiend sein. Innere Widersprüche müssen nicht mehr vorschnell beseitigt werden. Doch auch diese Fähigkeit kann sich übersteigern. Mehr Vielfalt wird dann mit noch mehr Vielfalt beantwortet und irgendwann entsteht eine neue Sehnsucht: nicht weniger Stimmen zu haben, sondern sie qualitativ unterscheiden zu können.
Welche Stimme spricht gerade aus Angst? Welche aus Erfahrung? Welche gehört zu einer alten Situation? Welche ist für diesen Kontext relevant? Wie werde ich eigentlich von was permanent angestimmt und wie kann ich diese Stimmungen differenzieren?
Die nächste Entwicklung besteht nicht darin, die Vielstimmigkeit wieder abzuschaffen. Sie verlangt nach einer neuen Form von Orientierung innerhalb der Vielfalt.
Systemisch-autonom: Auch meine Erklärung bleibt eine Erklärung
Die systemisch-autonome Haltung kann noch einen Schritt weitergehen. Sie erkennt nicht nur unterschiedliche innere Stimmen, sondern kann beobachten, wie diese Stimmen entstehen, aus welchen Kontexten sie sprechen und wie sich eigene Wirklichkeitskonstruktionen bilden. Wir nehmen wahr, wie wir fortwähren von der Weltbegegnung angestimmt werden. Wir können uns selbst kontextualisieren und erkennen so Qualitäten in den vielen Stimmen, die sich uns anbieten.
Eine Reaktion ist dann nicht einfach „meine Wahrheit“. Sie kann mit einer bestimmten Beziehung, einer Rolle, einer biografischen Erfahrung oder einer aktuellen Situation zusammenhängen. Das schafft eine große innere Beweglichkeit und doch entsteht auch hier eine Spannung:
„Ich weiß, dass das nur meine derzeitige Erklärung ist, aber im Moment ist sie die stimmigste, die ich habe.“
„Mir ist klar, dass ich mich selbst nie ganz von außen sehen kann, aber ich kann zumindest noch genauer beobachten, aus welchem Kontext meine Reaktion kommt.“
„Natürlich hat auch dieses Muster wieder einen blinden Fleck, aber vielleicht kann ich den noch mit einer weiteren Perspektive sichtbar machen.“
„Ich merke, dass ich nicht alles in mir zusammenbekomme, aber vielleicht habe ich die Zusammenhänge einfach noch nicht gut genug verstanden.“
„Ich weiß, dass jede Erklärung vorläufig ist, trotzdem möchte ich erst einmal eine finden, mit der das Ganze für mich Sinn ergibt.“
Hier wird bereits etwas Entscheidendes gespürt, denn auch die eigene Beobachtung ist begrenzt. Doch die Antwort kann zunächst erneut lauten, noch genauer beobachten, noch besser kontextualisieren, ein noch differenzierteres Modell bilden. Die systemisch-autonome Haltung beginnt ihre Grenze dort zu berühren, wo sie erkennt, dass es keinen endgültigen Beobachtungsstandpunkt gibt, von dem aus sich das eigene Erleben vollständig ordnen lässt. Auch die feinste Unterscheidung bleibt eine Unterscheidung und auch das beste Modell bleibt vorläufig.
Die alte Form antwortet zunächst mit mehr von sich selbst
Darin liegt ein Muster, das sich durch alle Haltungen zieht. Wenn eine neue Spannung auftaucht, antworten wir zunächst mit dem, was wir besonders gut können und gewohnt sind. Wer gelernt hat, sich durchzusetzen, versucht es noch etwas klarer und wer Zugehörigkeit über Rollen organisiert, bemüht sich noch stärker, Erwartungen zu erfüllen. Und wer funktional denkt, organisiert erstmal besser, so wie der, der auf Selbststimmigkeit ist die Lösungsstrategie mehr Perspektiven hinzufügen. Wer komplexe Zusammenhänge konstruieren kann, entwickelt ein noch differenzierteres Modell.
Das ist zunächst auch sinnvoll. Eine Haltung gäbe keine Halt, wenn sie bei jeder Irritation sofort zusammenbrechen würde. Entwicklung braucht Stabilität, doch irgendwann kann aus derselben Stärke eine Begrenzung werden.
Die Formgrenze beginnt dort, wo die vertraute Antwort nicht mehr Halt gibt und die Verstimmung zunimmt
Eine Formgrenze entsteht deshalb nicht schon dadurch, dass wir einen Widerspruch bemerken. Sie entsteht auch nicht automatisch dadurch, dass wir ihn verstehen. Entscheidend ist ein anderer Moment, die bisherige Haltung findet keine wirklich stimmige Antwort mehr auf das, was sie inzwischen wahrnehmen kann. Das Fühlen wird nicht mehr mit den alten Sinngebungen stimmig in Kohärenz gebracht.
Wir haben schon organisiert und die Unruhe bleibt.
Wir haben uns noch intensiver reflektiert und finden trotzdem keine eindeutige innere Stimme.
Wir haben weitere Perspektiven hinzugefügt und verlieren gerade dadurch unsere Orientierung.
Wir haben ein differenzierteres Modell gebaut und erkennen, dass auch dieses Modell wieder einen blinden Fleck erzeugt.
Jetzt lässt sich die Spannung nicht mehr einfach erklären. Sie beginnt, gefühlt zu werden. Das Fühlen führt uns in den Raum Dazwischen. Dort, wo das Alte uns nicht mehr Halt gibt und das Neue noch unbekannt ist. Ist das Dazwischen durchschritten geben wir dem Fühlen mit den Erklärungen der erweiterten Haltung im Nachhinein eine stimmige neu Deutung.
Spannende Spannungen sind deshalb nicht das Problem
Wir versuchen häufig, Spannungen möglichst schnell zu lösen. Wir erklären sie, entscheiden uns, optimieren, stimmen ab, reflektieren oder suchen eine neue Perspektive. All das kann hilfreich sein. Entwicklung geschieht jedoch manchmal gerade dort, wo eine Spannung nicht mehr mit den gewohnten Mitteln verschwindet.
Dann entsteht ein Zwischenraum.
Das Alte ist noch vorhanden, aber es gibt uns nicht mehr vollständig Halt. Das Neue ist bereits spürbar, hat aber noch keine stabile Form gefunden. Aus emergetischer Sicht ist dieser Moment besonders interessant, denn die entscheidende Frage lautet dann:
Was wird durch diese Spannung gerade wahrnehmbar, dass meine bisherige Haltung noch nicht beantworten kann?
Entwicklung beginnt manchmal, wenn wir für einen Moment aufhören können, die alte Antwort immer weiter zu verbessern.