Martin Permantier 22 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Das Unbewusste, das wir immer wieder mit hervorbringen

Wie unsere Haltung bestimmt, was uns bewusst wird und was verborgen bleibt

Wir alle kennen die Erfahrung, dass uns plötzlich etwas bewusst wird. Wir erkennen ein Verhaltensmuster, verstehen einen lange zurückliegenden Konflikt oder bemerken ein Gefühl, das uns schon seit Jahren begleitet. Manchmal genügt ein Gespräch, ein Geruch, eine Berührung, eine Begegnung oder eine unerwartete Erfahrung, und wir sehen uns selbst in einem anderen Licht. Wir sagen dann, dass uns etwas bewusst geworden ist, das vorher unbewusst war.

Dahinter steht häufig eine bestimmte Vorstellung, dass unser Bewusstsein ein begrenzter Bereich sei, und dahinter liegt ein großes Unbewusstes, das darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Je mehr wir über uns erfahren, desto größer wird unser Bewusstsein. Das Unbewusste wird gewissermaßen kleiner, während das Bewusste wächst. Entwicklung erscheint als fortschreitende Erschließung eines inneren, bislang verborgenen Raumes.

Doch was wäre, wenn dieses Bild selbst Ausdruck einer bestimmten Haltung ist? Wenn Bewusstsein und Unbewusstes gar keine getrennten Behältnisse sind, deren Inhalte wir nach und nach verschieben? Und wenn wir das Unbewusste nicht nur entdecken, sondern durch die Art unseres Wahrnehmens, Fühlens und Denkens immer wieder mit hervorbringen?

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Das Unbewusste aus emergetischer Perspektive

Mit der Emergetik lässt sich eine andere Perspektive entwickeln. Sie fragt, wie sich das Verhältnis von Bewusstem und Unbewusstem fluktuierend innerhalb unserer jeweiligen haltungsspezifischen Formen der Sinngebung verändert. Was uns bewusst wird, hängt auch davon ab, wie wir die Welt unterscheiden, welche Erfahrungen wir gemacht haben und welche Haltung unser Erleben prägt.

Damit verändert sich die Frage nach der Bewusstseinserweiterung grundlegend. Es geht um die Möglichkeit, neue Formen des Wahrnehmens und Antwortens zu entwickeln, ohne die Vielfalt des Erlebens auf eine einzige Skala von mehr oder weniger Bewusstsein reduzieren zu müssen.

Bewusstsein ist kein Behälter

Stellen wir uns eine Landschaft vor, die wir durchwandern. Manchmal liegt dichter Nebel über den Tälern. Wir sehen nur wenige Meter weit. Dann reißt der Himmel auf, und plötzlich werden entfernte Berge, Wege und Zusammenhänge sichtbar. An anderen Tagen stehen wir auf einer Anhöhe und können weit über das Land blicken. Doch auch von dort sehen wir nicht alles. Hinter jedem Berg liegen weitere Täler, und was aus der Ferne übersichtlich erscheint, zeigt aus der Nähe eine Vielzahl von Einzelheiten.

So ähnlich könnten wir uns unser Bewusstsein vorstellen. Es ist eine sich wandelnde Sichtbarkeit innerhalb eines größeren Resonanzgeschehens. Was wir erleben, tritt fortwährend in den Vordergrund und wieder in den Hintergrund. Gedanken entstehen, Gefühle werden spürbar, Erinnerungen tauchen auf und verschwinden. Gleichzeitig wirken körperliche Prozesse, implizite Erwartungen, eingeübte Gewohnheiten und soziale Einflüsse an unserem Erleben mit, ohne dass wir uns ihrer ausdrücklich bewusst sein müssen.

Das Unbewusste wäre in diesem Bild nicht einfach der Teil der Landschaft, den wir noch nicht entdeckt haben. Ein Teil dessen, was uns verborgen bleibt, ergibt sich daraus, wo wir stehen, wohin wir schauen, welchen Wegen wir folgen und welche Unterschiede wir überhaupt erkennen können.

Bewusstsein und Unbewusstes sind deshalb keine festen Größen und auch keine gleichartigen Prozesse, die abwechselnd in den Vordergrund treten.

Systemtheoretisch lässt sich Bewusstsein als ein Geschehen verstehen, dessen Operationen aneinander anschließen. Auch wenn wir unser Erleben beobachten, geschieht dies als weitere Operation. Ein Ich steht dem Geschehen nicht als unabhängiger Zuschauer gegenüber.

Dabei bleibt wichtig, verschiedene Bedeutungen des Unbewussten zu unterscheiden. Körperliche Vorgänge können unser Erleben mitbedingen, ohne selbst Bewusstseinsinhalte zu sein. Ein Gedanke kann dagegen bewusst erlebt werden, ohne dass wir eigens über ihn nachdenken. Es gibt implizit erworbene Fähigkeiten, verdrängte Erfahrungen und Gewohnheiten, die unser Verhalten beeinflussen. Und es gibt jene blinden Flecken, die dadurch entstehen, dass unsere gegenwärtige Weise der Sinngebung bestimmte Möglichkeiten ausblendet.

Gerade diese letzte Dimension ist für die Emergetik besonders interessant.

Jede Unterscheidung macht etwas sichtbar und verdeckt anderes

Ein erfahrener San-Spurenleser in der Kalahari nimmt seine Umgebung auf eine Weise wahr, die einem ungeübtem Menschen aus einer europäischen Großstadt kaum zugänglich ist. Er erkennt Spuren im Sand, unterscheidet Pflanzen, bemerkt Veränderungen im Verhalten von Tieren und kann aus unscheinbaren Hinweisen auf Ereignisse schließen, die lange zurückliegen.

Wo wir vielleicht nur Sand und einige Vertiefungen sehen, erkennt er eine Geschichte.

Umgekehrt kann ein Großstadtbewohner komplexe technische Systeme, institutionelle Abläufe oder digitale Zusammenhänge verstehen, die in der Lebenswelt eines traditionell lebenden Jägers und Sammlers keine vergleichbare Bedeutung haben.

Wer von beiden hat nun das größere Bewusstsein?

Die Frage führt uns in die Irre. Beide verfügen über unterschiedliche Erfahrungswelten, Fähigkeiten und Formen der Aufmerksamkeit. Was dem einen selbstverständlich erscheint, bleibt dem anderen verborgen. Damit ist noch nichts über ihre jeweilige entwicklungspsychologische Haltung gesagt. Kulturell erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten sind etwas anderes als die Strukturen unserer Ich-Entwicklung.

Das Beispiel macht dennoch etwas Grundlegendes deutlich: Bewusstsein ist immer selektiv.

Unsere Erfahrungen, Erwartungen und Unterscheidungen prägen, welche Aspekte der Wirklichkeit für uns hervortreten. Indem etwas sichtbar wird, tritt anderes in den Hintergrund. Dabei bleibt nicht bloß ein anderer Inhalt unbeachtet. Auch die Unterscheidung, mit der wir gerade etwas beobachten, lässt sich nicht zugleich zum Gegenstand derselben Beobachtung machen. Dafür braucht es eine weitere Beobachtung, die wiederum eine eigene Unterscheidung verwendet. Selbstbeobachtung kann blinde Flecken verschieben, aber nicht restlos beseitigen.

Diese Selektivität ermöglicht überhaupt erst Orientierung. Wir könnten nicht handeln, wenn wir in jedem Augenblick sämtliche denkbaren Unterschiede gleichermaßen berücksichtigen müssten. Wir brauchen Formen der Sinngebung, um aus der unendlichen Vielfalt möglicher Eindrücke eine für uns bedeutsame Wirklichkeit entstehen zu lassen.

Doch jede dieser Formen hat ihre Grenzen.

 

Jede neue Unterscheidung eröffnet eine Welt und verbirgt zugleich andere Möglichkeiten.

Das führt zu einer weitreichenden Überlegung: Vielleicht ist das Unbewusste nicht ausschließlich etwas, das bereits vorhanden ist und darauf wartet, entdeckt zu werden. Ein Teil dessen, was uns verborgen bleibt, entsteht erst durch die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und unterscheiden.

Wir erschließen Verborgenes und bringen mit unseren Beobachtungsweisen zugleich neue blinde Flecken, neues Unbewusstes, hervor.

Wie unsere Haltung die Vorstellung des Unbewussten prägt

Die Emergetik beschreibt unterschiedliche Haltungen als historisch und individuell entstandene Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns. Jede Haltung eröffnet einen charakteristischen Resonanzraum. In ihm erscheinen bestimmte Unterschiede selbstverständlich, bestimmte Spannungen bedeutsam und bestimmte Formen der Sinngebung plausibel.

Das betrifft auch unser Verständnis des Bewusstseins.

Wir betrachten Bewusstsein und Unbewusstes nicht aus einer neutralen Position. Unsere jeweilige Haltung prägt mit, was wir überhaupt darunter verstehen, wie wir ihre Beziehung erklären und welches Entwicklungsziel wir damit verbinden.

Betrachten wir vier Haltungen, die in besonderer Weise mit unterschiedlichen geistesgeschichtlichen Vorstellungen in Verbindung gebracht werden können.

Rationalistisch-funktional: Das Unbewusste als verborgene Ursache

Mit der rationalistisch-funktionalen Haltung gewinnt ein Denken an Bedeutung, das nach Ursachen, Gesetzmäßigkeiten und erklärbaren Zusammenhängen sucht. Die Welt erscheint als etwas, das wir durch Beobachtung, Analyse und methodisches Vorgehen verstehen können.

In diesem Denkraum wird auch das Unbewusste zu einem Gegenstand der Untersuchung.

Sigmund Freuds Psychoanalyse bietet dafür einen bedeutenden historischen Bezug. Verdrängte Wünsche, unbewusste Konflikte und frühere Erfahrungen können unser gegenwärtiges Verhalten beeinflussen, ohne dass wir ihre Ursachen erkennen.

Was uns unbewusst bleibt, lässt sich durch Deutung, Reflexion und therapeutische Arbeit zumindest teilweise rational erschließen.

Die grundlegende Bewegung lautet: Wir suchen hinter dem sichtbaren Verhalten nach verborgenen Ursachen.

Diese Perspektive hat unser Verständnis des Menschen entscheidend erweitert. Sie macht deutlich, wie wenig unser bewusstes Selbstbild über die tatsächlichen Beweggründe unseres Handelns aussagen muss.

Gleichzeitig enthält sie eine bestimmte Vorstellung des Unbewussten, denn es erscheint leicht wie ein verborgener Bereich, in dem sich etwas befindet, das wir aufdecken können.

Eine Grenze entsteht dort, wo wir die eigenen Deutungen für einen unvermittelten Zugang zu verborgenen Ursachen halten. Auch eine therapeutische Erklärung verwendet Unterscheidungen und muss sich an dem prüfen lassen, was sie verständlich macht.

Eigenbestimmt-souverän: Das Unbewusste als unerschlossenes Potenzial

Mit der eigenbestimmt-souveränen Haltung rücken Selbstgestaltung, Autonomie und persönliche Entwicklung stärker in den Vordergrund.

Der Mensch möchte sich von äußeren Erwartungen lösen, seine eigenen Möglichkeiten entdecken und ein selbstbestimmtes Leben führen. Auch das Unbewusste erhält nun eine andere Bedeutung. Es erscheint zunehmend als Quelle bislang unerschlossener Fähigkeiten, innerer Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten.

Geistesgeschichtlich lassen sich hier Verbindungen zu romantischen Vorstellungen innerer Entfaltung, zu Hegels Überlegungen über Selbstbewusstsein und zu späteren humanistischen und transpersonalen Entwicklungsansätzen herstellen. Auch bei vielen esoterisch anmutenden Adaptionen gibt es die Idee eines individuellen Erwachens. Diese Traditionen sind keineswegs identisch, doch sie teilen bestimmte Motive der Selbstwerdung und Erweiterung.

Bewusstseinsentwicklung wird nun häufig als fortschreitender Prozess verstanden. Wir überwinden innere Begrenzungen, erschließen bislang unbewusste Anteile und gelangen zu umfassenderen Formen der Selbsterkenntnis.

Die Vorstellung eines immer bewussteren Menschen gewinnt an Bedeutung. Das ist eine wichtige Erweiterung gegenüber einem rein ursachenorientierten Denken. Der Mensch erscheint als aktiver Gestalter seiner Entwicklung. Doch auch diese Perspektive besitzt ihren blinden Fleck. Sie kann den Eindruck erzeugen, das Bewusstsein müsse mit jeder Entwicklung größer werden. Unbewusstes erscheint dann vor allem als noch nicht erschlossenes Potenzial. Am Horizont steht womöglich die Vorstellung eines vollständig bewussten, integrierten oder erwachten Ichs.

Aber warum sollte Entwicklung zwangsläufig in eine immer umfassendere Bewusstheit münden?

Auch die Gewohnheit spricht gegen eine einfache Steigerungslogik: Eingeübtes muss nicht ständig bewusst vollzogen werden und kann gerade dadurch andere Tätigkeiten ermöglichen. Selbstbestimmung wiederum entsteht nicht unabhängig von anderen. Sie ist auf Beziehungen gegenseitiger Anerkennung angewiesen.

Relativierend-individualistisch: Das Unbewusste als relationale Konstruktion

Mit der relativierend-individualistischen Haltung verändert sich die Art, wie wir über Wirklichkeit nachdenken.

Wir erkennen, dass unsere Wahrnehmungen von Perspektiven, kulturellen Kontexten, Beziehungen und sprachlichen Unterscheidungen geprägt sind. Was uns selbstverständlich erscheint, kann für andere Menschen eine völlig andere Bedeutung haben.

Konstruktivistische, poststrukturalistische und relationale Denkansätze gewinnen hier besondere Bedeutung. Damit verändert sich auch unser Blick auf das Unbewusste.

Was wir als bewusst oder unbewusst verstehen, hängt nun stärker von unseren Beobachtungsweisen und Deutungsmustern ab. Die Vorstellung eines verborgenen inneren Bereichs wird selbst zu einer Konstruktion, deren Entstehungsbedingungen wir untersuchen können. Das Unbewusste erscheint weniger als feststehender Gegenstand. Es wird als etwas betrachtet, das in bestimmten Zusammenhängen, Beziehungen und Beobachtungsprozessen Bedeutung erhält.

Hier entsteht ein wichtiger Perspektivwechsel, denn auch unsere Vorstellung vom Unbewussten besitzt eine Geschichte.

Wir können beobachten, wie unterschiedliche wissenschaftliche, therapeutische und spirituelle Traditionen jeweils andere Unterscheidungen hervorbringen. Allerdings kann auch diese Haltung an ihre Grenzen gelangen. Wenn jede Vorstellung als Konstruktion erkennbar wird, stellt sich die Frage, wie aus der Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven ein Verstehen des gemeinsamen Handelns und Antwortens entstehen kann.

Systemisch-autonom: Bewusstes und Unbewusstes als fortwährende Formbildung

Mit der systemisch-autonomen Haltung tritt ein Denken in den Vordergrund, das Beziehungen, Rückwirkungen, Spannungen und die wechselseitige Entstehung von Wirklichkeit berücksichtigt.

Hier schließt die emergetische Perspektive an. Sie fragt, wie sich in fortlaufenden Resonanz- und Formbildungsprozessen verändert, was uns bewusst wird und was unbemerkt vorausgesetzt bleibt.

Unsere Selbstbeobachtung verwendet zudem Sprache und Unterscheidungen, die aus sozialen Zusammenhängen stammen. Selbst im scheinbar eigenen Inneren begegnen wir damit gesellschaftlich geprägten Vorstellungen. Diese Verschränkung wird als Extimität bezeichnet. Eine systemtheoretische Lesart unterscheidet dabei die Organisation von Wahrnehmungen vom sprachlich bezeichnenden Bewusstsein.

Wir können beobachten, wie neue Formen der Wahrnehmung entstehen, sich stabilisieren und wieder an ihre Grenzen gelangen. Mit jeder neuen Haltung verändert sich, was als bedeutsam wahrgenommen, bewusst erfahren und implizit vorausgesetzt wird.

Das Unbewusste wird dabei nicht einfach kleiner, wenn unser Bewusstsein wächst. Durch neue Formen der Sinngebung entstehen auch andere Selbstverständlichkeiten und blinde Flecken. Damit ist noch nicht das gesamte Unbewusste erklärt.

Was uns in einer Haltung unbewusst bleibt, muss in der nächsten Haltung nicht lediglich aus seinem Versteck hervortreten. Manche Unterscheidungen werden überhaupt erst durch die neue Haltung möglich. So verändert sich der Raum dessen, was wir erfahren können. Die emergetische Perspektive beschreibt Entwicklung deshalb als Veränderung unserer Resonanz- und Formbildungsmöglichkeiten. Dabei verändert sich auch das Verhältnis zwischen dem, was wir bewusst erfassen, und dem, was unsere Beobachtung unbemerkt voraussetzt.

Diese vier Perspektiven sind idealtypische Annäherungen. Historische Denktraditionen lassen sich nicht eindeutig einzelnen Haltungen zuordnen, ebenso wenig wie Menschen ausschließlich aus einer einzigen Haltung heraus denken. Doch die Gegenüberstellung zeigt, wie sich mit der Entwicklung unserer Sinngebung auch unser Bild des Unbewussten verändert.

Nicht nur unser Bewusstsein hat ein Unbewusstes. Auch unsere Vorstellung vom Unbewussten hat ihre blinden Flecken.

Haltungsentwicklung verändert den Möglichkeitsraum des Bewusstseins

Was bedeutet das nun für die Entwicklung unserer Haltungen?

Stellen wir uns eine Führungskraft vor, die immer stärker unter ihrer Arbeitsbelastung leidet. Sie versucht, ihre Aufgaben besser zu organisieren, Prozesse zu optimieren und ihre Effizienz zu steigern. Je mehr sie sich anstrengt, desto erschöpfter wird sie.

Innerhalb einer rationalistisch-funktionalen Sinngebung erscheint die Situation zunächst als organisatorisches Problem. Die naheliegende Frage lautet: Wie kann ich meine Arbeit besser bewältigen?

Irgendwann entsteht jedoch eine andere Frage: Will ich überhaupt so leben und arbeiten?

Diese Frage verändert den gesamten Zusammenhang. Die bisherige Suche nach Effizienz tritt zurück, und persönliche Bedürfnisse, Lebensentwürfe und Selbstbestimmung werden bedeutsam. Was zuvor im Hintergrund blieb, wird nun bewusst erfahrbar.

Dabei muss nicht einfach ein verborgener Inhalt aus dem Unbewussten hervorgeholt worden sein. Es kann sich auch eine andere Form der Sinngebung eröffnen. Mit ihr entstehen aber zugleich andere blinde Flecken. Die Frage nach persönlicher Selbstverwirklichung kann beispielsweise soziale Abhängigkeiten, wechselseitige Verpflichtungen und gesellschaftliche Bedingungen verdecken.

Eine weitere Haltungserweiterung könnte diese Zusammenhänge wiederum auf neue Weise sichtbar machen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer bloßen Fokusverschiebung und einer strukturellen Entwicklung. Eine Fokusverschiebung verändert, worauf wir innerhalb unserer bisherigen Möglichkeiten achten. Eine Haltungserweiterung verändert, welche Unterscheidungen und Beziehungen zwischen ihnen uns überhaupt zugänglich werden.

Dadurch können wir mehr Perspektiven wahrnehmen, miteinander verbinden und situationsangemessen nutzen.

Aber bedeutet das tatsächlich, dass wir bewusster werden?

 

Gibt es ein Mehr an Bewusstsein?

Die Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten.

Wenn wir Bewusstsein als Menge verfügbarer Inhalte verstehen, gibt es keinen zwingenden Grund, warum eine spätere Haltung mehr Bewusstsein besitzen sollte als eine frühere.

Ein Mensch kann in einem bestimmten Erfahrungsfeld äußerst differenziert wahrnehmen und in einem anderen erstaunlich wenig bemerken. Auch die aktuelle Bewusstheit verändert sich ständig. Müdigkeit, Angst, Freude, körperliche Verfassung und soziale Bedingungen beeinflussen, welche Möglichkeiten gerade zugänglich sind.

Wenn wir Bewusstseinserweiterung jedoch als qualitative Veränderung unserer Möglichkeiten verstehen, lässt sich durchaus von einem relativen Mehr sprechen.

Vier Dimensionen erscheinen mir dabei als Orientierung hilfreich.

Unterscheidungsfähigkeit: Wir können Unterschiede wahrnehmen, die uns zuvor nicht zugänglich waren. Eine Situation zeigt neue Facetten, neue Bedeutungen und bislang unbeachtete Zusammenhänge.

Perspektivenbeweglichkeit: Wir können zwischen verschiedenen Sichtweisen wechseln, ohne die vorherige vollständig aufgeben zu müssen. Unterschiedliche Perspektiven werden miteinander vergleichbar und können sich gegenseitig ergänzen.

Integrationsfähigkeit: Wir können Widersprüche, Gefühle und Spannungen miteinander in Beziehung setzen, ohne sie vorschnell auflösen zu müssen. Auch gegensätzliche Erfahrungen können Teil eines umfassenderen Zusammenhangs werden.

Bewusstheit der eigenen Begrenztheit: Wir können erkennen, dass unsere gegenwärtige Sichtweise nur eine mögliche Form der Wirklichkeitskonstruktion darstellt. Dadurch entsteht eine offenere Beziehung zu unserem eigenen Nichtwissen.

Ein relatives Mehr entsteht also dort, wo neue Möglichkeiten hinzukommen und frühere Möglichkeiten weiterhin zugänglich bleiben. Es handelt sich um eine qualitative Erweiterung der Wahrnehmungs- und Antwortmöglichkeiten.

Allerdings verlaufen diese vier Dimensionen nicht zwangsläufig parallel. Jemand kann über große Unterscheidungsfähigkeit verfügen und dennoch wenig beweglich zwischen Perspektiven wechseln. Ein anderer Mensch kann Spannungen gut integrieren, ohne komplexe theoretische Zusammenhänge erklären zu können.

Deshalb erscheint es sinnvoll, Bewusstseinsentwicklung mehrdimensional zu betrachten.

Eine außergewöhnliche Erfahrung ist noch keine integrierte Entwicklung

Diese Unterscheidung wird besonders wichtig, wenn wir außergewöhnliche Bewusstseinszustände betrachten.

Meditation oder andere außergewöhnliche Erfahrungen können unsere gewohnten Formen des Erlebens vorübergehend verändern. Grenzen des Selbstgefühls können durchlässiger werden, neue Zusammenhänge erscheinen, Gefühle intensivieren sich oder vertraute Sinngebungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Solche Erfahrungen können zutiefst bewegend sein. Sie können auch verwirrend, überfordernd oder destabilisierend wirken. Nicht jede außergewöhnliche Erfahrung ist eine Entwicklungserfahrung. Vor allem bedeutet eine vorübergehende Veränderung des Bewusstseinszustands noch nicht, dass sich unsere gewohnte Haltung dauerhaft erweitert hat.

Ein Mensch kann während einer Meditation tiefe Verbundenheit erleben und im nächsten Beziehungskonflikt dennoch in vertraute Abwehrmuster zurückfallen. Jemand kann in einer außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrung die Auflösung seiner Ich-Grenzen erleben und anschließend weiterhin Schwierigkeiten haben, mit Kritik, Abhängigkeit oder Verantwortung umzugehen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung zwischen vier Entwicklungsdimensionen.

Zustandsweite beschreibt, wie offen, intensiv oder weit unser momentanes Erleben ist.

Strukturweite bezeichnet die Komplexität der Formen, mit denen wir Wirklichkeit dauerhaft organisieren können.

Integrationsgrad beschreibt, wie gut wir unterschiedliche Erfahrungen, Gefühle, Spannungen und Perspektiven tatsächlich miteinander verbinden und in unserem Leben berücksichtigen können.

Ethisch-relationale Qualität fragt danach, wie wir anderen Menschen begegnen, welche Verantwortung wir übernehmen und mit welcher Güte, Besprechbarkeit und Mitstimmigkeit wir antworten.

Diese Dimensionen hängen zusammen, lassen sich aber nicht auf eine einzige Entwicklungsleiter reduzieren.

Eine außergewöhnliche Erfahrung kann unseren Zustand verändern, ohne dass sich unsere Strukturweite dauerhaft erweitert. Eine komplexe Haltung kann neue Möglichkeiten eröffnen, ohne dass diese bereits gut integriert sind. Und strukturelle Komplexität garantiert noch keine besondere ethische Reife.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was verändert sich durch eine Erfahrung tatsächlich in unserem alltäglichen Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln?

Komplexität ist nicht dasselbe wie menschliche Reife

In der Beschäftigung mit Ich-Entwicklung taucht gelegentlich eine provokante Frage auf: Kann es systemisch-autonome Menschen geben, die sich in bestimmten Situationen auch ausgesprochen rücksichtslos verhalten?

Die Frage ist wichtig, weil Entwicklungsmodelle leicht eine moralische Bedeutung erhalten. Spätere Haltungen erscheinen dann automatisch als bessere, reifere oder menschlich wertvollere Formen des Seins. Dabei beschreibt die strukturelle Entwicklung zunächst, wie Menschen Wirklichkeit organisieren und welche Komplexität sie dabei berücksichtigen können.

Ein Mensch kann vielfältige Perspektiven einnehmen, systemische Zusammenhänge erkennen, Widersprüche reflektieren und dennoch andere Menschen verletzen oder instrumentalisieren. Hohe Komplexitätsfähigkeit kann sogar dazu verwendet werden, eigenes Verhalten besonders geschickt zu rechtfertigen. Deshalb sollten wir Strukturweite, Integration und ethisch-relationale Qualität nicht miteinander gleichsetzen.

Eine systemisch-autonome Haltung kann es erleichtern, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, ihre wechselseitigen Bedingungen zu erkennen und Spannungen auszuhalten. Ob jemand diese Fähigkeiten verantwortungsvoll nutzt, ist eine weitere Frage.

Damit gewinnt auch die emergetische Unterscheidung zwischen Haltungserweiterung und Integriertheit an Bedeutung.

Ein Mensch kann innerhalb einer früheren Haltung gut integriert, zuverlässig, fürsorglich und verantwortungsvoll handeln. Ein anderer verfügt möglicherweise über eine strukturell erweiterte Haltung und zeigt dennoch wenig emotionale oder ethische Integration.

Haltungserweiterung eröffnet neue Möglichkeiten. Integriertheit zeigt sich darin, wie tragfähig und stimmig wir innerhalb unserer Haltung mit Erfahrungen und Spannungen umgehen. Integration bezeichnet die Prozesse, durch die bislang unverbundene Erfahrungen und Perspektiven in ein stimmiges Verhältnis gelangen.

Daraus folgt ein wichtiger Satz:

Komplexität ist nicht dasselbe wie Reife.

Entwicklung lässt sich deshalb auch nicht allein daran messen, wie differenziert jemand über die Welt sprechen kann. Sie zeigt sich ebenso darin, wie wir auf andere Menschen antworten, wie wir mit unserer Verletzlichkeit umgehen und welche Verantwortung wir in Beziehungen übernehmen.

 

Wenn das Unbewusste an der Formgrenze spürbar wird

Welche Rolle spielt das Unbewusste nun bei einer tatsächlichen Haltungserweiterung?

Die Emergetik beschreibt Formbildungsprozesse als eine Dynamik, in der neue Formen keimen, gefunden, ausgeprägt und stabilisiert werden, bis ihre bisherigen Möglichkeiten an Grenzen gelangen. Während der Formstabilisierung werden viele Erfahrungen selbstverständlich. Wir müssen nicht mehr bewusst darüber nachdenken, wie wir eine Situation deuten. Unsere Haltung bietet uns vertraute Antworten.

Darin liegt eine große Leistung. Bewährte Formen ermöglichen Orientierung, Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit. Doch in jeder Haltung können zugleich Spannungen auftreten, die wir mit ihren Unterscheidungen nur begrenzt integrieren können.

An der Formgrenze können diese Spannungen spürbar werden, bevor wir verstehen, was mit uns geschieht. Vielleicht erleben wir eine diffuse Unruhe, körperliche Anspannung, Gereiztheit oder das Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmt. Vielleicht wiederholt sich ein Konflikt, obwohl wir immer neue Lösungen versuchen. Unsere gewohnte Haltung erklärt diese Erfahrungen zunächst weiterhin mit ihren vertrauten Mitteln. Wir merken bereits, dass etwas nicht mehr aufgeht, können aber noch nicht erkennen, welche neue Form der Sinngebung möglich wäre.

Hier zeigt sich eine besondere Bedeutung des Unbewussten.

Die Spannungen können in unserem körperlichen, psychischen und sozialen Resonanzgeschehen bereits wirksam sein, obwohl wir sie noch nicht bewusst einordnen können. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Unbewusste schon die fertige nächste Haltung enthält.

Die neue Form entsteht erst im weiteren Geschehen. Das, was wir zuvor nicht wahrnehmen konnten, muss nicht als verborgener Inhalt bereits vorhanden gewesen sein. An der Formgrenze begegnen wir deshalb auch den Grenzen unserer bisherigen Unterscheidungsmöglichkeiten.

Die Erfahrung, dass unsere vertrauten Antworten nicht mehr ausreichen, kann eine Öffnung für neue Formen des Wahrnehmens und Antwortens ermöglichen. Was wir als Verwendungskatastrophe beschreiben, verweist genau auf diese Situation: Eine bislang erfolgreiche Form der Sinngebung wird weiterhin angewendet, obwohl sie den veränderten wahrgenommenen Spannungen nicht mehr gerecht wird.

Eine Haltungserweiterung kann möglich werden, wenn wir diese Grenze wahrnehmen und andere Formen erproben. Die Spannung lang genug auszuhalten, kann die Möglichkeit für neue Formen schaffen, doch manchmal braucht es zunächst Entlastung und Restabilisierung.

 

Gibt es ein vollständig erwachtes Ich?

Wenn Bewusstsein und Unbewusstes sich mit jeder Haltung verändern, stellt sich schließlich eine grundsätzliche Frage.

Kann es überhaupt ein endgültig bewusstes oder erwachtes Ich geben?

Im frühen Buddhismus wird gerade die Aneignung vergänglicher Vorgänge als beständiges Selbst infrage gestellt. Das betrifft auch das Bewusstsein. Erwachen bezeichnet in diesem Zusammenhang einen Anspruch auf Befreiung und lässt sich deshalb nicht einfach mit einer vorübergehenden Ich-Auflösung gleichsetzen.

Viele spirituelle Traditionen beschreiben Erfahrungen, in denen das gewöhnliche Selbstgefühl zurücktritt oder sich auflöst. Menschen berichten von tiefer Verbundenheit, einem Erleben jenseits gewohnter Grenzen oder einem unmittelbaren Gefühl des Einsseins.

Solche Erfahrungen können das Verhältnis zum eigenen Ich nachhaltig verändern. Aus emergetischer Perspektive wäre jedoch zu unterscheiden zwischen einer außergewöhnlichen Erfahrung, ihrer späteren Deutung und einer dauerhaften strukturellen Transformation.

Auch eine Erfahrung der Ich-Auflösung wird erlebt, erinnert, beschrieben und in einen Zusammenhang eingeordnet. Die Bedeutung, die wir ihr zuschreiben, ist wiederum durch unsere Formen der Sinngebung geprägt.

Eine Erfahrung kann sich vollständig, grenzenlos oder absolut anfühlen. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass sämtliche Formen der Selbstverbergung überwunden wurden. Gerade die Vorstellung, endgültig erwacht zu sein, kann selbst zu einer neuen Form der Selbstgewissheit werden. Wenn jede Unterscheidung etwas sichtbar macht und anderes verdeckt, dann bleibt auch die reflektierteste Haltung perspektivisch begrenzt.

Das ist keine Abwertung spiritueller Erfahrungen. Wir können sie ernst nehmen, ohne aus dem Erleben selbst eine letzte entwicklungspsychologische Haltung abzuleiten. Damit ist ein religiöser Anspruch auf Befreiung weder bestätigt noch widerlegt. Vielleicht ist die Fähigkeit, die eigene Unabgeschlossenheit anzuerkennen, selbst eine wesentliche Qualität einer erweiterten Haltung.

 

Auch die Emergetik hat ihre blinden Flecken

An dieser Stelle müssen wir die emergetische Perspektive auf sich selbst anwenden, denn wenn jede Haltung und jede Unterscheidung bestimmte Wirklichkeiten sichtbar macht und andere verdeckt, dann gilt das selbstverständlich auch für die Emergetik.

Wenn wir Erfahrungen als Resonanzgeschehen verstehen, Spannungen als Bedingungen von Formbildung beschreiben und Entwicklung mit Begriffen wie Formkeimung, Formgrenze oder Transformation betrachten, dann eröffnen wir damit einen bestimmten Zugang zur Wirklichkeit.

Gleichzeitig schaffen diese Unterscheidungen eigene Unsichtbarkeiten.

Vielleicht sehen wir Formbildungsprozesse, wo andere Menschen etwas ganz anderes wahrnehmen. Oder wir übersehen die Einzigartigkeit einer Erfahrung, weil wir sie zu schnell in unsere theoretischen Begriffe einordnen. Unter Umständen wird sogar die Vorstellung, dass alles ein fortwährendes Resonanzgeschehen ist, irgendwann selbst zu einer Erklärung, mit der wir Erfahrungen abwehren, die nicht in unser Modell passen.

Eine emergetische Perspektive muss deshalb ihre eigenen Beobachtungsweisen immer wieder mitbeobachten können.

Sie bleibt selbst ein gewordenes, vorläufiges und veränderbares Modell. Sie kann die eigene Begrenztheit zum Bestandteil ihrer Entwicklung machen, ohne sich damit von den Grenzen der Beobachtung auszunehmen.

 

Mehr Beweglichkeit im Resonanzraum

Kehren wir zum Bild der Landschaft zurück.

Haltungserweiterung bedeutet, dass sich die Landschaft unserer Wahrnehmungs- und Sinngebungsmöglichkeiten verändert. Neue Wege, Zusammenhänge und Aussichtspunkte werden zugänglich. Was zuvor selbstverständlich war, erscheint in einem anderen Licht.

Erweiterte Bewusstseinszustände können vorübergehend neue Sichtweisen eröffnen. Manchmal gleicht das einem Moment, in dem der Nebel aufreißt und wir weit über die vertraute Landschaft hinausblicken.

Integration entscheidet mit darüber, ob wir uns in dieser veränderten Landschaft tatsächlich orientieren können: ob wir Wege wiederfinden, mit schwierigem Gelände umgehen und unsere Erfahrungen in tragfähige Formen des Lebens und Handelns übersetzen. Ethisch-relationale Reife zeigt sich darin, wie wir anderen Menschen auf diesen Wegen begegnen.

Bewusstseinserweiterung lässt sich damit nicht auf ein einfaches Mehr reduzieren. Es gibt ein relatives Mehr an Möglichkeiten: mehr Unterscheidungsfähigkeit, mehr Perspektivenbeweglichkeit, mehr Integrationsfähigkeit und mehr Bewusstheit der eigenen Begrenztheit.

Doch diese Möglichkeiten sind nicht in jedem Moment verfügbar. Sie verändern sich mit unserer körperlichen Verfassung, unseren Beziehungen und den Situationen, in denen wir uns befinden.

Bewusstsein bleibt ein fluktuierendes Geschehen.

Auch das Unbewusste verändert sich fortwährend. Mit jeder neuen Form der Sinngebung entstehen andere Selbstverständlichkeiten, blinde Flecken und implizite Möglichkeiten.

Eine erweiterte Haltung kann dadurch mehr Beweglichkeit im Umgang mit den eigenen Deutungen ermöglichen.

Wir können unterschiedliche Formen der Sinngebung wahrnehmen, zwischen ihnen wechseln, sie miteinander verbinden und erkennen, dass auch unsere gegenwärtige Sicht begrenzt bleibt.

Nicht mehr Inhalt im Kopf, sondern mehr Beweglichkeit im Resonanzraum.

 

Entwicklung heißt, mehr Welt bewohnen können

Die emergetische Perspektive führt uns damit zu einer anderen Vorstellung von Bewusstseinsentwicklung.

Wir entwickeln uns nicht einfach vom Unbewussten zum Bewusstsein. Wir entwickeln neue Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns, mit denen sich auch verändert, was uns bewusst wird und was unbemerkt vorausgesetzt bleibt.

Jede Haltung eröffnet eine bestimmte Welt. Sie lässt uns Erfahrungen machen, Zusammenhänge erkennen und Antworten finden, die innerhalb anderer Haltungen weniger zugänglich sind. Zugleich bringt sie neue Begrenzungen und Formen der Selbstverbergung hervor.

Entwicklung bedeutet deshalb auch, die eigenen Unterscheidungen als gewordene Formen wahrnehmen zu können. Wir gewinnen die Möglichkeit, uns weniger ausschließlich mit einer einzigen Sichtweise zu identifizieren und andere Formen des Erlebens zuzulassen. Dabei bleiben wir auf Integration angewiesen. Neue Möglichkeiten entfalten ihren Wert erst in der Art, wie wir sie leben, wie wir mit Spannungen umgehen und wie wir anderen Menschen begegnen. Das führt zu einer Vorstellung von Entwicklung, in der wir uns nicht als vollständig durchsichtig verstehen müssen.

 

Entwicklung heißt, mehr Welt halten zu können.

Zu dieser erweiterten Welt gehört immer auch das, was wir noch nicht verstehen, noch nicht unterscheiden und vielleicht niemals vollständig bewusst erfassen werden. Unser Unbewusstes ist damit auch Ausdruck der Offenheit unseres Werdens. Es erinnert uns daran, dass jede Form des Bewusstseins zugleich eine Grenze und eine Möglichkeit ist.

Wir entdecken Verborgenes und verändern mit unseren Formen der Sinngebung zugleich, was sichtbar werden kann und was uns entgeht. Jede Haltungserweiterung kann so die Möglichkeiten verändern, uns selbst und die Welt zu erfahren.

Zwischen uns entsteht die Welt