… aus emergetischer Sicht ist Ambivalenz kein Defekt der Entscheidung, sondern ein Hinweis darauf, dass mehrere bedeutsame Resonanzen gleichzeitig wirksam sind. Freude und Trauer, Nähe und Abgrenzung, Aufbruch und Verlust können nebeneinander auftreten, weil eine Situation verschiedene Seiten unseres Erlebens berührt.
Entwicklung zeigt sich häufig darin, Ambivalenz länger wahrnehmen zu können, ohne sie sofort in Eindeutigkeit zu verwandeln. Dadurch werden die unterschiedlichen Anliegen unterscheidbar und können in eine neue, umfassendere Antwort einfließen.
Eine Frau bekommt die Zusage für eine lang ersehnte Stelle in einer anderen Stadt. Sie freut sich und beginnt am selben Abend zu weinen. Ein Freund versucht sie zu beruhigen: „Du wolltest das doch.“ Genau deshalb weint sie. Der Gewinn macht auch sichtbar, was sie zurücklassen wird.
Welche gegensätzlichen Regungen sind gerade gleichzeitig in mir?
Welche Seite meiner Ambivalenz bekommt zu wenig Raum?
Was wird möglich, wenn ich mich noch nicht entscheiden muss?
Wie gehen wir mit widersprüchlichen Gefühlen um?
Wo erzeugen wir künstliche Eindeutigkeit, obwohl mehrere Wahrheiten vorhanden sind?
Welche Entscheidungen dürfen Ambivalenzen sichtbar machen?
Wie schaffen wir Kulturen, in denen gemischte Reaktionen besprechbar bleiben?