… ein Perfektionsanspruch kann Sorgfalt, Qualität und Ausdauer fördern. Eng wird er, wenn Abweichung nicht mehr als Information, sondern als Gefährdung von Wert, Zugehörigkeit oder Kontrolle erlebt wird. Dann steigt der Aufwand für Fehlervermeidung, während Lernen und Experimentieren schwieriger werden.
Emergetisch lässt sich Perfektionismus als verfestigte Form verstehen, die häufig eine sinnvolle Schutzfunktion besitzt. Entwicklung würdigt diese Funktion und erweitert die Fähigkeit, mit Unverfügbarkeit, Fehlern und vorläufigen Formen in Beziehung zu bleiben.
Ein Autor korrigiert zum zwölften Mal denselben Absatz und sagt: „Jetzt fehlt nur noch der letzte Feinschliff.“ Seine Kollegin schaut auf die elf gespeicherten Versionen und meint: „Wie viele letzte Feinschliffe sind eigentlich tariflich erlaubt?“ Beide lachen, und der Absatz darf endlich weiterziehen.
Wovor schützt mich mein Perfektionsanspruch?
Wo unterstützt er Qualität und wo verhindert er Bewegung?
Welche vorläufige Form darf heute gut genug sein?
Welche Perfektionserwartungen erzeugen wir füreinander?
Wo könnte mehr Fehlertoleranz unsere Zusammenarbeit lebendiger machen?
Welche Systeme belohnen Perfektion stärker als Lernen?
Wo brauchen wir hohe Standards und wo bewusst vorläufige Formen?