Martin Permantier 5 Min. Lesezeit

Entwicklung entsteht zwischen Unterscheiden, Verbinden und Verändern

Wir sprechen oft davon, dass Menschen sich entwickeln. Doch was geschieht dabei eigentlich? Werden wir einfach klüger oder besser? Sammeln wir Erfahrungen an oder erweitern wir unser Wissen?

Die Emergetik richtet den Blick auf eine andere Frage. Sie interessiert sich weniger dafür, was wir lernen, sondern dafür, wie sich verändert, wie Welt für uns entsteht. Wir richten den Blick mehr auf das Konstrukt und weniger auf den Inhalt. Wenn wir uns entwickeln, verändert sich nicht nur unser Wissen. Es verändert sich die Weise, wie wir wahrnehmen, unterscheiden und Zusammenhänge erkennen. Das nennen wir auch Haltungserweiterung. Immer wieder lässt sich dabei eine ähnliche Bewegung beobachten.

Entwicklung entsteht zwischen unterscheiden verbinden verändern

UNTERSCHEIDEN
Wir beginnen feiner zu unterscheiden

Entwicklung entsteht, wenn etwas, das wir bisher als selbstverständlich erlebt haben, sich zu unterscheiden beginnt. Aus einer einfachen Antwort werden mehrere Möglichkeiten. Aus einer vertrauten Gewissheit entstehen neuen Fragen. Wir bemerken Unterschiede, die vorher gar nicht in unserem Blick lagen. Oft ist diese Erfahrung krisenhaft, doch begleitet sie uns schon seit unserer Geburt.

Als kleines Kind kennen wir zunächst vielleicht nur das unangenehme Gefühl, wenn etwas nicht stimmt. Erst nach und nach lernen wir, zwischen Angst, Wut, Scham, Trauer oder Enttäuschung zu unterscheiden. Wahrscheinlich waren diese Empfindungen schon vorher da. Doch erst indem gelernt haben, sie zu unterscheiden, werden sie zu unterschiedlichen Erfahrungen.

Ähnlich verändert sich unser Blick auf andere Menschen. Anfangs erscheint uns jemand einfach sympathisch oder schwierig. Mit der Zeit erkennen wir hinter demselben Verhalten Fürsorge, Unsicherheit, Stolz, Scham oder Überforderung. Nicht der Mensch hat sich verändert, wir selbst nehmen mehr wahr. Lisa Feldman Barrettt spricht von feinerer Granulation.

Mit jeder Haltungserweiterung wird unser Resonanzempfinden feiner. Hinter einem Konflikt erkennen wir unterschiedliche Bedürfnisse, während einer Diskussion entdecken wir verschiedene Wirklichkeiten. In derselben Situation werden plötzlich mehrere Perspektiven sichtbar und die Welt wird dadurch reicher und zugleich komplexer. Das macht erweiterte Haltungen nicht besser und uns nicht notwendigerweise glücklicher, zugleich tauchen mehr Handlungsoptionen auf.

Denn wer diese Erfahrung kennt, kennt oft auch ihre Kehrseite. Plötzlich scheint fast alles nachvollziehbar. Jede Perspektive erzählt einen Teil der Wirklichkeit und jede Entscheidung wirft neue Fragen auf. Was zunächst befreiend wirkt, kann auch verunsichern. Mehr unterscheiden zu können bedeutet noch nicht, sich besser orientieren zu können.

An diesem Punkt beginnt eine zweite Bewegung.

VERBINDEN
Wir beginnen Zusammenhänge zu erkennen

Wir versuchen nun nicht mehr, Unterschiede aufzulösen oder wieder zu vereinfachen. Stattdessen fragen wir, wie sie zusammengehören könnten. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Es geht nicht mehr darum, immer neue Perspektiven hinzuzufügen, sondern zu erkennen, in welchem größeren Zusammenhang sie miteinander stehen. Wir fangen an systemischer zu denken. Auch das wirkt erstmal wie eine zusätzliche Belastung, bis wir erleben, dass der Blick mit systemischem Verständnis, viele Unterscheidungen einfacher machen kann und uns erlaubt auch Paradoxien zu halten.

Vielleicht kennen wir das aus einem Konflikt. Zunächst möchten wir wissen, wer Recht hat. Später verstehen wir, warum beide Seiten gute Gründe für ihre Sichtweise haben. Mit der Zeit wird sichtbar, dass gerade die Spannung zwischen beiden Sichtweisen etwas hervorbringen kann, das vorher niemand sehen konnte. Die Unterschiede verschwinden nicht, zugleich müssen sie sich auch nicht mehr ausschließen. Sie können nebeneinander bestehen bleiben und sich gegenseitig bereichern.

Ganz im Sinne von Hegels Verständnis der dreifachen Aufhebung geht dabei nichts verloren. Frühere Einsichten bleiben erhalten, erhalten jedoch einen neuen Platz in einem größeren Zusammenhang. Erfahrungen ordnen sich neu. Die Welt wird dadurch nicht einfacher, aber oft verständlicher und stimmiger.

Und doch endet Entwicklung auch hier nicht.

VERÄNDERN
Wir verändern die Weise, wie wir Welt erleben

Manchmal geschieht etwas, das sich kaum planen oder erzwingen lässt. Es fühlt sich nicht so an, als hätten wir lediglich eine weitere Erkenntnis gewonnen. Vielmehr verändert sich die Weise, wie wir überhaupt auf die Welt schauen. Das ist vertikale oder auch transformative Entwicklung. Was gestern noch selbstverständlich erschien, wird plötzlich zu einer Möglichkeit unter vielen. Wir erleben dieselbe Situation und erleben sie dennoch anders. Nicht die Welt hat sich geändert, sondern die Haltung mit der wir unser Weltdeuten filtern hat sich erweitert.

Vielleicht erinnern wir uns an den Moment, in dem wir zum ersten Mal wirklich verstanden haben, dass andere Menschen ihre Wirklichkeit ebenso selbstverständlich erleben wie wir unsere eigene. Oder an eine persönliche Krise, in der sich irgendwann nicht das Problem verändert hat, sondern unser Verhältnis zu ihm. Solche Momente wirken oft unscheinbar. Und doch verändert sich etwas Grundlegendes. Aus vielen Erfahrungen, aus immer feineren Unterscheidungen und neuen Zusammenhängen bildet sich allmählich eine neue Weise, die Welt wahrzunehmen. Mit ihr entstehen neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns. Und mit dieser neuen Form beginnt der Prozess von Neuem. Auch eine erweiterte Haltung ist nur ein erweiterter Filter.

Wir entdecken weitere Unterschiede und erkennen neue Zusammenhänge. Wieder verändert sich unser Blick. Entwicklung verläuft deshalb weder geradlinig noch im Kreis. Sie gleicht eher einem lebendigen Rhythmus, in dem wir immer feiner unterscheiden, immer größere Zusammenhänge erkennen und dadurch die Weise verändern, wie Welt für uns entstehen kann.

Aus emergetischer Sicht liegt genau darin die Dynamik des Lebens. Leben entwickelt sich nicht, indem es immer mehr anhäuft. Es entwickelt sich, indem es immer feinere Unterschiede wahrnimmt, sie in größere Zusammenhänge bringt und daraus neue Möglichkeiten des Erlebens, Denkens und Handelns entstehen lässt.