Resonanzielle Wende
Auf den Punkt
Die resonanzielle Wende bezeichnet aus emergetischer Sicht die Verschiebung von einem primär individuellen Verständnis des Erlebens hin zu einem relationalen Verständnis, in dem Mensch und Mitwelt sich fortwährend gegenseitig anstimmen und hervorbringen.
Wenn wir emergetisch schauen …
… lassen sich die linguistische und die kognitive Wende als zwei wichtige Erweiterungen unseres Verständnisses von Wirklichkeit lesen. Die linguistische Wende machte sichtbar, dass Sprache unsere Wirklichkeit nicht lediglich beschreibt, weil die Unterscheidungen und Begriffe, die wir verwenden, daran beteiligt sind, was überhaupt wahrnehmbar und besprechbar wird. Die kognitive Wende öffnete den Raum zwischen Ereignis und Reaktion und rückte die inneren Prozesse des Wahrnehmens, Erinnerns, Deutens und Denkens in den Mittelpunkt.
Die resonanzielle Wende führt diese Bewegung weiter und richtet die Aufmerksamkeit auf etwas, das weder ausschließlich in der Sprache noch ausschließlich im Inneren eines Menschen zu finden ist: auf das fortlaufende Beziehungsgeschehen zwischen Organismus, anderen Menschen, sozialen Räumen und Mitwelt.
Wir treten nicht erst in Beziehung, nachdem wir eine Situation wahrgenommen und verarbeitet haben. Bereits unser Wahrnehmen entsteht in Beziehung. Eine Stimme verändert unsere Körperspannung, eine Atmosphäre stimmt uns an, ein Blick lässt etwas in uns aufleben oder zurückweichen, eine soziale Erwartung beeinflusst, was wir sagen können, und die Antwort eines anderen verändert wiederum unsere eigene Gestimmtheit. Noch bevor wir darüber nachdenken, hat Welt bereits auf uns gewirkt und haben wir auf Welt geantwortet.
Resonanz wird damit zu einer grundlegenden Perspektive auf Erleben. Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln erscheinen als unterschiedliche Verdichtungen eines fortlaufenden Resonanzgeschehens, in dem Innen und Außen, Ich und Welt, Körper und Bedeutung miteinander verbunden bleiben.
Für die Emergetik ist diese Perspektivverschiebung besonders bedeutsam, weil Entwicklung dadurch nicht ausschließlich als Veränderung eines einzelnen Menschen verstanden werden muss. Wenn sich unser Resonanzempfinden erweitert, verändert sich zugleich, wodurch wir uns anstimmen lassen, welche Unterschiede wir wahrgeben, welche Erfahrungen wir halten können und wie wir selbst auf unsere Mitwelt zurückwirken. Neue Haltungen entstehen damit in einem Prozess wechselseitiger Anstimmung.
Die resonanzielle Wende lenkt den Blick deshalb stärker auf das Dazwischen. Sie fragt nicht nur: „Was denkt dieser Mensch?“ oder „Welche Geschichte erzählt er sich?“, sondern ebenso: „Was geschieht gerade zwischen Mensch und Welt? Was stimmt ihn an? Worauf antwortet er? Welche Resonanz wird möglich, welche bleibt ausgeschlossen und welche neue Form könnte aus diesem Geschehen entstehen?“
Erlebbar wird das, wenn …
Eine Führungskraft erlebt einen Mitarbeiter seit Monaten als zurückhaltend und wenig engagiert. In Gesprächen stellt sie ihm zunehmend konkrete Fragen, formuliert Erwartungen noch klarer und versucht herauszufinden, was ihn motivieren könnte. Der Mitarbeiter antwortet korrekt, bleibt jedoch knapp, und jedes weitere Gespräch bestätigt scheinbar die Einschätzung, dass ihm Eigeninitiative fehlt.
In einem Workshop beobachtet die Führungskraft erstmals weniger den Mitarbeiter und stärker das Geschehen zwischen ihnen. Sie bemerkt, wie schnell sie Fragen stellt, wie wenig Stille sie aushält und wie ihre Erwartung einer schnellen Antwort bereits eine bestimmte Atmosphäre erzeugt. Im nächsten Gespräch lässt sie mehr Raum, reagiert weniger unmittelbar und sagt irgendwann: „Ich merke gerade, dass ich dir immer sehr schnell eine Richtung anbiete. Mich interessiert, was passiert, wenn ich das einmal nicht tue.“
Nach einer längeren Pause beginnt der Mitarbeiter ausführlich zu erzählen. Aus einer individuellen Beschreibung – „Er ist wenig engagiert“ – wird die Wahrnehmung eines Resonanzgeschehens, an dessen Entstehung beide beteiligt sind. Niemand musste zunächst verändert werden. Eine andere Form der Begegnung hat eine andere Antwort ermöglicht.
ICH · Für mich
Was geschieht in mir, bevor ich meine Erfahrung bereits erklären kann?
Wodurch werde ich in einer Situation angestimmt?
Wie verändert sich mein Erleben, wenn ich meine Resonanz ebenso wahrnehme wie meine Gedanken und Deutungen?
WIR · Zwischen uns
Welche Resonanz bringen wir miteinander hervor?
Wie stimmen wir uns gegenseitig an, noch bevor wir bewusst darüber sprechen?
Was könnte zwischen uns entstehen, wenn wir unsere Resonanzweisen bewusster wahrnehmen?
ALLE · Für Organisationen
Welche Resonanzfelder bringt unsere Organisation hervor?
Wie wirken Räume, Sprache, Strukturen und Erwartungen auf das Erleben der Menschen?
Welche Bedingungen ermöglichen Resonanzen, aus denen neue Formen der Zusammenarbeit entstehen können?