Zur Begriffswelt

Linguistische Wende
Wie entsteht Bedeutung? · Sprache

Linguistische Wende

Als Sprache nicht mehr nur als Mittel zur Beschreibung der Welt verstanden wurde, rückte in den Blick, dass sie daran beteiligt ist, welche Welt für uns überhaupt beschreibbar wird.

Auf den Punkt

Die linguistische Wende bezeichnet die philosophische Hinwendung zur Sprache als einem zentralen Medium, durch das Wirklichkeit unterschieden, beschrieben und mit Bedeutung versehen wird.

Wenn wir emergetisch schauen …

… markiert die linguistische Wende eine wichtige Verschiebung unseres Verständnisses von Erkenntnis. Philosophie hatte lange danach gefragt, wie die Welt beschaffen ist und wie unser Denken sie erkennen kann. Im frühen 20. Jahrhundert rückte zunehmend eine andere Frage in den Mittelpunkt: Mit welcher Sprache stellen wir diese Fragen überhaupt, welche Unterscheidungen benutzen wir dabei und welche Wirklichkeit wird durch diese Unterscheidungen sichtbar?

Die linguistische Wende bezeichnet dabei keine einzelne Theorie. Unterschiedliche Denker wie Frege, Russell und Wittgenstein, später die Vertreter des logischen Positivismus und der Philosophie der Alltagssprache, entwickelten sehr verschiedene Antworten. Gemeinsam war ihnen die wachsende Aufmerksamkeit dafür, dass philosophische Probleme eng mit der Struktur und dem Gebrauch von Sprache verbunden sind. Der Ausdruck „linguistic turn“ wurde von Gustav Bergmann geprägt und durch Richard Rortys 1967 erschienene Anthologie weithin bekannt.

Für die Emergetik ist diese Wende bedeutsam, weil Sprache nicht lediglich etwas bezeichnet, das bereits fertig vorhanden ist. Indem wir Unterschiede benennen, Kategorien bilden und Erfahrungen in Worte fassen, strukturieren wir unser Wahrgeben. Begriffe wie Erfolg, Beziehung, Führung, Normalität oder Entwicklung beschreiben eine Situation und eröffnen zugleich bestimmte Möglichkeiten, sie zu erleben und auf sie zu antworten.

Damit gewinnt auch die Entstehung neuer Begriffe Bedeutung. Wenn eine Erfahrung mit den vorhandenen sprachlichen Unterscheidungen nur schwer wahrnehmbar oder besprechbar ist, kann ein neues Wort einen zusätzlichen Bedeutungsraum öffnen. Begriffe wie Wahrgeben, Angestimmtheit oder Selbstverbergung sind aus emergetischer Sicht deshalb keine bloßen Bezeichnungen. Sie bieten neue Unterscheidungen an und können dadurch verändern, worauf wir aufmerksam werden.

Die Emergetik knüpft an die linguistische Wende an und erweitert ihren Blick zugleich. Wirklichkeit entsteht nicht allein sprachlich. Körper, Emotionen, Resonanz, Beziehungen, soziale Erwartungen und materielle Bedingungen wirken bereits, bevor etwas in Sprache gefasst werden kann. Sprache ist ein wesentliches Medium unserer Wirklichkeitsbildung und bleibt eingebettet in ein umfassenderes Resonanzgeschehen.

Erlebbar wird das, wenn …

In einem Führungsteam wird über einen Mitarbeiter gesprochen, der wiederholt Entscheidungen infrage stellt. Schnell fällt das Wort „schwierig“. Von diesem Moment an werden seine Nachfragen, Einwände und Rückmeldungen zunehmend als weitere Belege für seine Schwierigkeit wahrgenommen.

Irgendwann fragt jemand: „Was würde sich verändern, wenn wir ihn nicht als schwierig, sondern als irritierend bezeichnen würden?“ Plötzlich verschiebt sich das Gespräch. „Schwierig“ hatte den Mitarbeiter beschrieben. „Irritierend“ richtet die Aufmerksamkeit stärker auf die Beziehung zwischen seinem Verhalten und dem Team. Nun lässt sich fragen, was genau irritiert wird und welche bisherige Selbstverständlichkeit dadurch sichtbar wird.

Der Mitarbeiter hat sich während dieses Gesprächs kein bisschen verändert. Die sprachliche Unterscheidung schon – und mit ihr die Wirklichkeit, die das Team wahrgeben kann.

ICH · Für mich

Welche Begriffe prägen meinen Blick auf mich und die Welt?

Welche meiner Beschreibungen halte ich bereits für die Wirklichkeit selbst?

Wo könnte eine andere sprachliche Unterscheidung meinen Möglichkeitsraum erweitern?

WIR · Zwischen uns

Welche Begriffe bestimmen, wie wir übereinander sprechen?

Welche Wirklichkeit bringen unsere gemeinsamen Erzählungen hervor?

Wie verändert sich unser Miteinander, wenn wir neue Worte für vertraute Erfahrungen finden?

ALLE · Für Organisationen

Welche Begriffe strukturieren die Wirklichkeit unserer Organisation?

Welche sprachlichen Selbstverständlichkeiten begrenzen neue Möglichkeiten?

Wo könnte eine neue Sprache helfen, Entwicklungen wahrnehmbar und besprechbar zu machen?

Die linguistische Wende macht sichtbar, dass Sprache die Welt nicht nur beschreibt, sondern daran beteiligt ist, welche Wirklichkeit wir unterscheiden und miteinander besprechen können.