Kognitive Wende
Auf den Punkt
Die kognitive Wende bezeichnet die Hinwendung zu den inneren Prozessen, durch die Menschen wahrnehmen, erinnern, denken, Sprache verarbeiten, Bedeutung bilden und handeln.
Wenn wir emergetisch schauen …
… markiert die kognitive Wende eine entscheidende Erweiterung der wissenschaftlichen Perspektive auf menschliches Verhalten. Der Behaviorismus hatte sich weitgehend auf beobachtbares Verhalten und die Beziehungen zwischen Reizen und Reaktionen konzentriert. Seit den 1950er-Jahren rückten zunehmend jene Prozesse wieder ins Zentrum, die zwischen Wahrnehmung und Verhalten liegen: Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Sprache und mentale Repräsentationen.
Die entstehende Kognitionswissenschaft entwickelte sich aus dem Zusammentreffen verschiedener Disziplinen. Psychologie, Linguistik und Anthropologie veränderten sich, während gleichzeitig Informatik und Neurowissenschaften neue Möglichkeiten eröffneten, Informationsverarbeitung und mentale Prozesse zu modellieren. George A. Miller, einer der wichtigen Beteiligten dieser Entwicklung, beschrieb die Kognitionswissenschaft rückblickend ausdrücklich als ein Kind der 1950er-Jahre.
Damit veränderte sich auch die Frage nach menschlichem Verhalten. Zwischen einem Ereignis und unserer Antwort liegt eine Welt von Wahrnehmungen, Erwartungen, Erinnerungen, Bewertungen und Bedeutungen. Menschen reagieren nicht einfach auf das, was geschieht. Sie reagieren darauf, wie sie das Geschehen wahrnehmen und interpretieren.
Für die Emergetik ist diese Einsicht grundlegend. Das Modell der Haltungen beschreibt unterschiedliche Formen, in denen Menschen Wirklichkeit organisieren, unterscheiden und mit Bedeutung versehen. Dieselbe Situation kann aus verschiedenen Haltungen heraus vollkommen unterschiedlich erlebt werden, weil sich verändert, was überhaupt wahrgenommen wird, welche Bedeutung daraus entsteht und welche Antwort anschließend stimmig erscheint.
Aus emergetischer Perspektive reicht es jedoch nicht aus, diese Prozesse ausschließlich als Vorgänge eines individuellen Denkens zu betrachten. Unser Wahrgeben entsteht körperlich, emotional, sprachlich und relational. Wir werden durch unsere Mitwelt angestimmt, reagieren auf soziale Erwartungen, nehmen leibliche Resonanzen wahr und bilden gemeinsam Bedeutungen. Kognition ist damit Teil eines umfassenderen Resonanzgeschehens, in dem Mensch und Welt fortwährend aufeinander antworten.
Die kognitive Wende hat den Raum zwischen Reiz und Reaktion wieder geöffnet. Die Emergetik interessiert sich dafür, wie sich dieser Raum im Laufe unserer Entwicklung erweitert und wie neue Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns darin entstehen können.
Erlebbar wird das, wenn …
Eine Führungskraft bittet eine Mitarbeiterin zu einem Gespräch und sagt: „Ich würde gern über deine Rolle im Team sprechen.“
Auf dem Weg zum Besprechungsraum denkt die Mitarbeiterin: „Jetzt kommt die Kritik.“ Ihr Körper spannt sich an, sie erinnert sich an einen Fehler der vergangenen Woche und beginnt innerlich bereits, sich zu rechtfertigen.
Die Führungskraft eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Ich möchte dir mehr Verantwortung übertragen.“
Zwischen dem Satz auf dem Flur und dem tatsächlichen Gespräch hat sich äußerlich kaum etwas ereignet. Innerlich ist bereits eine ganze Wirklichkeit entstanden. Erwartungen, Erfahrungen, Bedeutungen und körperliche Resonanzen haben aus einem offenen Ereignis eine drohende Situation werden lassen.
Die kognitive Wende macht diesen inneren Verarbeitungsraum sichtbar. Emergetisch betrachtet kommt hinzu, dass auch diese innere Wirklichkeit aus einer Geschichte von Beziehungen, Erfahrungen, Sprache, Körper und Haltung hervorgegangen ist.
ICH · Für mich
Welche Bedeutung entsteht in mir zwischen einem Ereignis und meiner Antwort?
Welche Erwartungen bestimmen, was ich in einer Situation wahrnehme?
Wo könnte ich meine eigene Deutung bewusster beobachten?
WIR · Zwischen uns
Welche unterschiedlichen Wirklichkeiten entstehen aus derselben Situation?
Wie beeinflussen unsere Erwartungen die Art, wie wir einander erleben?
Wie können wir unsere unterschiedlichen Deutungen miteinander besprechbar machen?
ALLE · Für Organisationen
Welche Denk- und Deutungsmuster prägen unsere Entscheidungen?
Welche Wirklichkeitskonstruktionen werden durch unsere Kultur immer wieder bestätigt?
Wie können Organisationen Räume schaffen, in denen gewohnte Deutungen reflektiert und erweitert werden können?