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Emotionale Referenzerfahrung
Wie entsteht Neues? · Formbildung

Emotionale Referenzerfahrung

Wir können etwas längst verstanden haben und trotzdem in vertraute Muster zurückfallen. Erst eine neue Erfahrung kann spürbar machen, dass es auch anders geht.

Auf den Punkt

Eine emotionale Referenzerfahrung ist eine leiblich und emotional verankerte Erfahrung, die eine neue Möglichkeit des Fühlens, Denkens oder Handelns erlebbar und später wieder zugänglich macht.

Wenn wir emergetisch schauen …

… entsteht Entwicklung nicht allein dadurch, dass wir etwas verstehen. Menschen können sehr genau erkennen, welches Muster sie immer wieder hervorbringen, wissen, welche andere Reaktion hilfreicher wäre, und im entscheidenden Moment dennoch auf die vertraute Form zurückgreifen.

Das liegt auch daran, dass unsere bisherigen Formen nicht nur aus Gedanken bestehen. Sie sind mit Emotionen, Körperreaktionen, Beziehungserfahrungen und Erwartungen verbunden und haben sich durch wiederholte Erfahrungen stabilisiert. Eine neue Einsicht besitzt deshalb zunächst oft weniger emotionale und leibliche Tragfähigkeit als das alte Muster.

Emotionale Referenzerfahrungen können diese Tragfähigkeit erweitern. In einer konkreten Situation erleben wir, dass etwas anders möglich ist: Wir setzen eine Grenze und verlieren die Beziehung nicht. Wir zeigen Unsicherheit und werden nicht abgewertet. Wir treffen eine eigenständige Entscheidung und bleiben verbunden. Wir halten einen Konflikt aus und erfahren, dass daraus Verständigung entstehen kann.

Entscheidend ist dabei weniger die Intensität des Erlebnisses als seine Bedeutung für eine entstehende neue Form. Die Erfahrung widerspricht einer bisherigen Erwartung und eröffnet eine andere Antwortmöglichkeit. Was vorher lediglich denkbar war, wird fühlbar.

Eine solche Erfahrung kann später zur inneren Referenz werden. In einer neuen Situation erinnert sich unser System nicht nur an einen Gedanken wie „Ich darf Nein sagen“, sondern an eine bereits gemachte Erfahrung: Ich habe Nein gesagt, ich habe die Spannung ausgehalten, und die Beziehung ist geblieben.

Emotionale Referenzerfahrungen verändern frühere Muster nicht automatisch. Neue Formen brauchen Wiederholung, Nachnähren und unterschiedliche Kontexte, in denen sie erneut erlebt werden können. Mit jeder stimmigen Erfahrung wächst jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die neue Möglichkeit nicht nur verstanden, sondern zunehmend verkörpert wird.

Erlebbar wird das, wenn …

Eine Mitarbeiterin sagt seit Jahren zu fast jeder zusätzlichen Aufgabe Ja. Sie weiß längst, dass sie sich damit überfordert, hat Bücher über Grenzen gelesen und in mehreren Coachings verstanden, wie stark ihr Wunsch nach Anerkennung ihr Verhalten beeinflusst.

Als ihr Vorgesetzter ihr erneut kurzfristig eine Aufgabe überträgt, sagt sie zum ersten Mal: „Ich kann das übernehmen, dann muss allerdings etwas anderes warten. Lass uns entscheiden, was wichtiger ist.“

Sie rechnet mit Enttäuschung oder Kritik. Stattdessen antwortet ihr Vorgesetzter: „Stimmt. Dann verschieben wir das andere Projekt.“

Der Satz ist unspektakulär. Für sie ist die Erfahrung groß. Sie spürt die Anspannung in ihrem Körper, wartet auf die erwartete negative Reaktion und sie kommt nicht.

In diesem Moment entsteht eine neue emotionale Referenz: Ich kann meine Grenze zeigen und trotzdem in Beziehung bleiben. Beim nächsten Mal ist es noch immer nicht leicht, Nein zu sagen. Doch neben der alten Erwartung existiert nun eine andere Erfahrung, auf die sie zurückgreifen kann.

ICH · Für mich

Welche neue Möglichkeit habe ich bereits erlebt, die ich mir früher kaum vorstellen konnte?

Welche Erfahrung müsste ich machen, damit etwas nicht nur verständlich, sondern auch fühlbar wird?

Welche neue Erfahrung möchte ich bewusst nachnähren?

WIR · Zwischen uns

Welche Erfahrungen ermöglichen uns, alte Beziehungsmuster zu überschreiten?

Wo können wir miteinander erleben, dass Unterschiedlichkeit, Grenzen oder Konflikte die Verbindung nicht gefährden müssen?

Welche neuen Formen unseres Miteinanders brauchen wiederholte emotionale Referenzerfahrungen?

ALLE · Für Organisationen

Welche Erfahrungen machen Menschen tatsächlich mit unserer Kultur – unabhängig davon, was wir über sie sagen?

Wo braucht Veränderung konkrete Erlebnisse, in denen die neue Form bereits erfahrbar wird?

Wie können Teams und Organisationen Räume schaffen, in denen neue Formen von Verantwortung, Vertrauen und Zusammenarbeit emotional verankert werden?

Emotionale Referenzerfahrungen machen eine neue Möglichkeit nicht nur verständlich, sondern erlebbar und geben ihr damit eine Chance, zur neuen inneren Referenz zu werden.