Susanne M. Zaninelli 9 Min. Lesezeit

Wie mich meine Suche nach dem Unsichtbaren zur EMERGETIK führte

Die frühe Frage: Wer erlebt diese Welt?

Meine Beschäftigung mit (Selbst)-Entwicklung begann bereits als Jugendliche.
Mich faszinierte die existenzielle Frage, wer ich bin, und ich experimentierte mit meditativen und spirituellen Praktiken ebenso wie mit unterschiedlichen Formen psychologischer Selbstreflexion. Mich interessierte zwar auch, wie die Welt funktioniert, doch noch mehr beschäftigte mich die Frage: Wer bin ich, die diese Welt erlebt?

F2C15F7F-1865-4B48-A194-C80C98467F06_1_105_c.jpeg

Wenn ich heute auf meinen beruflichen Weg zurückblicke, erkenne ich eine Suchbewegung, die mich seitdem begleitet: Was wirkt eigentlich hinter dem offensichtlich Sichtbaren? Denn je genauer ich hinsah, desto deutlicher wurde für mich, dass zentrale Prozesse unseres Lebens unsichtbar sind, wie unsere Gedanken und Erwartungen, unsere Werte und Weltbilder sowie die Bedeutungen, die wir Menschen, Situationen und Erfahrungen geben.

Sichtbar ist, was Menschen sagen und tun. Wir sehen vielleicht, dass sich die Stimme eines Menschen verändert, dass jemand zurückweicht, schweigt oder heftig reagiert. 

Unsichtbar bleibt für uns jedoch das Zusammenspiel, aus dem eine solche Reaktion entsteht. Körperliche Empfindungen, frühere Erfahrungen, bewusste und unbewusste Erwartungen sowie die Reaktionen anderer greifen dabei ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Was eine Situation für uns bedeutet und wie wir sie erleben, entsteht in diesem nicht unmittelbar beobachtbaren Zusammenspiel.

Mich beschäftigte, warum Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich erleben und warum sie auf vergleichbare Erfahrungen verschieden reagieren.

Drei Perspektiven auf die Entstehung von Wirklichkeit

Diese Fragen führten mich in meinem STUDIUM in drei unterschiedliche wissenschaftliche Felder, die ich heute als einander ergänzende Perspektiven erkenne.

Die PSYCHOLOGIE, richtete meinen Blick auf das ICH und begleitete meine Suche nach einem tieferen Verständnis individueller menschlicher Entwicklung. Mich beschäftigt, wie Menschen ihre Wirklichkeit erleben und deuten, wie Denken, Fühlen und Identität entstehen, wie frühere Erfahrungen, Bedürfnisse und Beziehungen unser gegenwärtiges Erleben prägen und unter welchen Bedingungen sich unsere bisherigen Formen des Wahrnehmens, Bedeutens und Handelns verändern und erweitern können. Prägende Wissenschaftler und Forscher:innen, die mich bis heute auf diesem Weg begleitet haben: Erik Erikson, Jane Loevinger, Susanne Cook-Greuter, Lisa Feldman Barrett, George Kelly, Eugene Gendlin, Marshall Rosenberg, Robert Kegan und Gunther Schmidt.

Die KULTURWISSENSCHAFT eröffnete mir das große Feld des WIR. Sie zeigte mir, dass Menschen ihre Wirklichkeit nicht nur individuell hervorbringen, sondern immer innerhalb von Beziehungen, Sprache, kulturellen Bedeutungen und gesellschaftlichen Ordnungen leben. Mich interessiert, wie Menschen gemeinsam Sinn, Werte und kulturelle Wirklichkeiten bilden, wie Kultur unsere Wahrnehmung, Kommunikation und Identität mitprägt und wie sich kollektive Weltbilder, Gefühle und Deutungsmuster im Laufe der Zeit verändern. Prägende Wissenschaftler und Forscher:innen, die mich bis heute auf diesem Weg begleitet haben: Clifford Geertz, Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Edward T. Hall, Norbert Elias, Michel Foucault, William M. Reddy, Thomas Dixon und Rob Boddice.

Die PHILOSOPHIE führte mich zum ALLE und damit zu den grundlegenden Fragen menschlichen Erkennens, Erlebens und Seins, denn sie betreffen uns alle: Wie können wir Welt erkennen? Wie entsteht Bedeutung? In welchem Verhältnis stehen Ich und Welt, Ich und Du, Erfahrung und Wirklichkeit? Wie verändern sich unsere Formen des Denkens und Seins, und wie kann etwas entstehen, das vorher noch nicht verfügbar war? Prägende Wissenschaftler und Forscher:innen, die mich bis heute auf diesem Weg begleitet haben: Heraklit, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Alfred North Whitehead, Hans-Georg Gadamer, Martin Buber, Humberto Maturana, Niklas Luhmann, Maurice Merleau-Ponty.

ICH, WIR und ALLE waren und sind für mich deshalb keine voneinander getrennten Bereiche, sondern drei miteinander verbundene Perspektiven auf meine Suchbewegung: Wie entstehen und verändern sich die Wirklichkeiten, in denen wir uns selbst, anderen Menschen und der Welt begegnen?

Vom Studium zur Praxis: Kultur als lebendiges Forschungsfeld

Meine theoretische Suche wurde durch mein 1990 gegründetes Unternehmen und meine internationale BERUFLICHE PRAXIS mit Menschen, Teams und Organisationen zu einem lebendigen Forschungsfeld. In unzähligen Seminaren und Workshops mit 32 Länderkulturen und verschiedensten Organisationen begegnete mir ein kaum beschreibbarer Reichtum unterschiedlicher Sichtweisen, der seine ganz eigene Schönheit besaß.

Was ich im Studium als Konstruktivismus kennengelernt hatte, konnte ich jetzt praktisch erleben: Menschen nehmen vergleichbare Situationen auf mannigfache Weise wahr, deuten und gestalten sie entsprechend anders. Daran wurde für mich sichtbar, wie eng individuelle und kulturelle Entwicklung miteinander verbunden sind. Ein ICH wird immer in ein bestehendes WIR hineingeboren, übernimmt zunächst dessen kulturelle Formen des Wahrnehmens, Deutens und Handelns und erlebt sie meist unhinterfragt als selbstverständlich.

In der Begegnung mit anderen Landes- und Organisationskulturen werden solche Selbstverständlichkeiten grundlegend infrage gestellt. Es entstehen Missverständnisse, Reibungen und Auseinandersetzungen, wenn Menschen erleben, dass dieselbe Situation ganz anders wahrgenommen und verstanden werden kann. Dadurch beginnen sie, bewusst oder unbewusst, andere Formen des Kommunizierens und Zusammenarbeitens zu erproben. Finden diese neuen Formen bei anderen Menschen Anschluss und bewähren sich im gemeinsamen Handeln, kann aus einer individuellen Erfahrung allmählich eine neue kulturelle FORM entstehen.

Dialektisch betrachtet entsteht aus den Spannungen zwischen unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen etwas völlig Neues: eine SYNTHESE in Form einer neuen Kultur, die weder bloße Mischung noch Fortsetzung einer der bisherigen Kulturen ist.

Kultur entwickelt sich damit in einem fortlaufenden Wechselspiel zwischen dem, was Menschen vorfinden, dem, was sie daraus machen, und dem, was im gemeinsamen Handeln daraus hervorgeht. Eine Kultur kann deshalb nur so komplex, dialogfähig, verantwortungsfähig oder resonanzfähig werden, wie die Individuen, die sie formen, und aufrechterhalten, als auch von den strukturellen Bedingungen, unter denen neue Sichtweisen Anschluss finden. Aus dieser Einsicht heraus reifte die Formel: „Selbstentwicklung ist Kulturentwicklung ist Weltentwicklung“.

Meine Begegnung mit dem Haltungsmodell:
Eine Sprache für das Unsichtbare

Und dann begegnete ich auf meiner Suche Martin Permantier und seinem Haltungsmodell, das auf der Ich-Entwicklungsforschung von Jane Loevinger aufbaut. In seinem Buch „Haltung entscheidet“ fand ich eine bildreiche Sprache für so vieles, was ich in meiner eigenen jahrzehntelangen internationalen Arbeit beobachtet hatte: In unserem Erleben, Denken, Fühlen und Handeln wirken stabilisierte FORMEN des Wahrnehmens, Deutens, Beobachtens und Verstehens. Sie bringen mit hervor, was wir für wahr halten, was wir für möglich erachten und wie wir mit Veränderung umgehen.

Das Wertvolle am Haltungsmodell liegt für mich darin, dass es unterschiedliche unsichtbare Haltungs-FORMEN als mögliche Entwicklungsformen sichtbar und beschreibbar macht. Es gibt uns eine Sprache für bereits entstandene und stabilisierte FORMEN von HALTUNG, ohne uns vergessen zu lassen, dass auch diese Beschreibungen jeweils Konstrukte sind.

Daraus entstand eine langjährige, intensive und schöpferische Zusammenarbeit, in der wir seither gemeinsam Seminare und Ausbildungen zur Haltungserweiterung und zur Emergetik entwickeln, gestalten und halten.

Wie für uns die Frage nach dem DAZWISCHEN entstand

Gemeinsam mit unserem Lebensweggefährten Christoph Jan Kramer entwickelte sich während der jahrelangen Arbeit unseres wirkungsvollen TRIOS an den Büchern „FÜHLEN. Mit Emotionen arbeiten“ (2025) und „Zwischen uns entsteht die Welt. Haltung entscheidet, wie wir werden, wer wir sind“ (2026) eine entscheidende neue Frage:

Wenn Haltungen stabilisierte Formen des Wahrnehmens, Deutens und Handelns beschreiben, wie geschieht dann eigentlich der Übergang, in dem sich eine HALTUNG erweitert und eine neue FORM verfügbar wird? 

  • Wo, wann und wie entsteht eine neue Haltung, eine neue Kultur?
  • Wo, wann und wie entsteht eine neue Sicht auf die Welt?
  • Was passiert in jenem Moment, in dem eine bisher hilfreiche Art, die Welt zu verstehen, nicht mehr vollständig ausreicht, während die neue Möglichkeit noch nicht wirklich verfügbar ist?
  • Was genau geschieht zeitlich zwischen einer alten und einer neuen FORM?

Damit verschob sich unsere Aufmerksamkeit. Das Haltungsmodell beschreibt stabilisierte Entwicklungs-FORMEN und macht sichtbar, aus welchen Mustern heraus Menschen wahrnehmen, deuten und handeln. Uns interessiert nun zunehmend, unter welchen BEDINGUNGEN diese FORMEN (durch Verwendungskatastrophen) an ihre Grenzen geraten, sich öffnen und erweitern können.

Unser gemeinsames Forschungsfeld EMERGETIK

Aus diesen Fragen entwickelte sich unser neuer Forschungsraum, den wir EMERGETIK nannten. Auch unser im Oktober 2026 erscheinendes Buch „Zwischen uns entsteht die Welt. Haltung entscheidet, wie wir werden, wer wir sind“ vertieft diese unsere gemeinsame Forschungsbewegung.

Wir erforschen zunehmend das DAZWISCHEN, jenen Übergangsraum, in dem eine bisher stabile FORM an ihre Grenze kommt und sich durch FORMKEIMUNG eine neue FORM des Wahrnehmens, Erlebens und Handelns andeutet. Das Alte funktioniert nicht mehr wie bisher, das Neue ist noch nicht selbstverständlich geworden, und dennoch keimt bereits etwas in uns.

Der Begriff EMERGETIK verbindet ENERGETIK und EMERGENZ. Die ENERGETIK beschreibt Prozesse von Aktivierung, Spannung und Dynamik, durch die Systeme in Bewegung geraten. Die EMERGENZ beschreibt, wie aus dem Zusammenwirken einzelner Elemente etwas Neues entsteht, das keiner der einzelnen Teile allein hätte hervorbringen können. Diese neue Ordnung entsteht im Entstehungsprozess selbst und ist vorher nicht exakt berechenbar.

Ich erlebe das etwa in den unzähligen Gedankenaustauschen mit Martin und Christoph, wenn aus unserem gemeinsamen Nachdenken plötzlich ein Gedanke auftaucht, der vorher keinem von uns in dieser Form zur Verfügung stand und der erst in diesem Moment seine spezifische Gestalt gewinnt.

EMERGETIK untersucht neben der bereits entstandenen Haltungs-FORM, zusätzlich die PROZESSE ihrer Entstehung und Erweiterung. Sie fragt somit nicht nur, welche Haltung ein Mensch gerade einnimmt, sondern unter welchen BEDINGUNGEN sich Haltung verändern und erweitern kann. 

EMERGETIK beschreibt, übertragen auf menschliche Entwicklung, die PROZESSE, in denen körperliche Reaktionen, psychisches Erleben und soziale Kommunikation aufeinander bezogen sind und sich wechselseitig beeinflussen. Dieses Zusammenspiel verstehen wir als Resonanzgeschehen. Im Resonanzfeld können SPANNUNGEN entstehen, bisherige FORMEN an ihre Grenzen kommen und durch FORMKEIMUNG neue Möglichkeiten des Wahrnehmens, Bedeutens und Handelns aufkeimend verfügbar werden.

Den Begriff RESONANZFELD verstehen wir dabei nicht als einen räumlichen Ort, sondern als ein immer wieder neu entstehendes Beziehungsgeschehen. Resonanz ist aus emergetischer Sicht immer vorhanden, weil körperliche, psychische und soziale Prozesse niemals vollständig beziehungslos nebeneinanderstehen. Menschen können sich jedoch mehr oder weniger verbunden, erreichbar oder resonant erleben. Sie kann also stärker oder schwächer spürbar sein und mehr oder weniger dazu beitragen, dass neue Verbindungen und Möglichkeiten entstehen.

EMERGETIK will diesem Raumgeschehen, dem DAZWISCHEN, in dem diese Prozesse stattfinden, eine Sprache geben, jenem Übergangsraum, in dem neue FORMEN des Wahrnehmens, Erlebens und Handelns möglich werden.

Damit setzt die EMERGETIK eine Suchbewegung fort, die in meiner Jugend mit der Frage begann, wer diese Welt erlebt, sich während meines Studiums durch die Perspektiven von ICH, WIR und ALLE erweiterte, im internationalen Kulturvergleich zu einem praktischen Forschungsfeld wurde und über das Haltungsmodell schließlich zur Erforschung jener emergetischen Übergänge führte, in denen sich HALTUNGEN und kulturelle FORMEN verändern.