Wie entsteht Wirklichkeit?
Von der kognitiven und linguistischen Wende zur Emergetik
Es gab Zeiten, in denen die Psychologie vor allem wissen wollte, was ein Mensch tut. Später rückte die Frage in den Mittelpunkt, was in ihm geschieht, während er handelt. Die Philosophie begann zugleich immer intensiver danach zu fragen, welche Rolle Sprache dabei spielt, dass uns die Welt überhaupt in einer bestimmten Weise erscheint.
Heute können wir noch eine weitere Frage hinzufügen:
Wie verändert sich die Weise, in der ein Mensch wahrnimmt, denkt, fühlt, spricht und in Beziehung zur Welt tritt?
An dieser Stelle berühren sich die kognitive Wende, die linguistische Wende, die Forschung zur Ich-Entwicklung und die Emergetik. Sie gehören unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen an und lassen sich historisch nicht einfach als aufeinanderfolgende Stufen erzählen. Dennoch verschiebt sich mit ihnen immer wieder etwas Grundsätzliches: unser Verständnis davon, wo Wirklichkeit entsteht und was menschliche Entwicklung eigentlich bedeutet.
Als die Psychologie den Geist wiederentdeckte
In weiten Teilen der US-amerikanischen experimentellen Psychologie dominierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Behaviorismus. Wissenschaftlich zuverlässig erschien vor allem, was beobachtbar und messbar war: Ein Reiz tritt auf, ein Verhalten folgt, Verstärkung verändert die Wahrscheinlichkeit zukünftigen Verhaltens (B. F. Skinner, I. W. Pawlow). Innere Vorgänge wie Vorstellungen, Absichten oder mentale Repräsentationen galten vielen Behavioristen als problematische Erklärungsgrößen, weil sie sich der direkten Beobachtung entzogen.
Das änderte sich ab den 1950er-Jahren grundlegend. George A. Miller, Jerome Bruner, Ulric Neisser, Noam Chomsky und viele andere trugen dazu bei, mentale Prozesse wieder zu legitimen Gegenständen wissenschaftlicher Forschung zu machen. Miller beschrieb die kognitive Revolution später selbst als eine Bewegung, durch die Kognition wieder wissenschaftlich respektabel wurde. Informationstheorie, Computerwissenschaften, Linguistik, Neurowissenschaften und Psychologie begannen sich gegenseitig zu beeinflussen. 1960 gründeten Miller und Bruner in Harvard das Center for Cognitive Studies, 1967 veröffentlichte Ulric Neisser sein einflussreiches Buch Cognitive Psychology.
Die entscheidende Verschiebung lautete vereinfacht:
Zwischen Reiz und Reaktion passiert etwas.
Menschen nehmen wahr. Sie selektieren, erinnern, vergleichen, interpretieren, kategorisieren und antizipieren. Sie bilden innere Repräsentationen und verwenden diese, um sich in ihrer Umwelt zu orientieren.
Noam Chomskys Kritik an B. F. Skinners behavioristischer Erklärung von Sprache wurde zu einem wichtigen Symbol dieser Bewegung. Menschen erzeugen fortwährend sprachliche Äußerungen, die sie nie zuvor gehört haben. Sprache ließ sich daher kaum befriedigend als bloße Verkettung erlernter Reaktionen erklären. Das wird auch sichtbar, wenn wir neue Begriffe aufnehmen. Damit veränderte sich auch das Menschenbild, denn Verhalten konnte nun als Ergebnis innerer Verarbeitung verstanden werden. Zwei Menschen können mit derselben Situation konfrontiert sein und etwas völlig Unterschiedliches daraus machen. Das ist ein zentraler Aspekt unseres Modells der Haltungen.
Für die Emergetik ist dieser Gedanke grundlegend, denn wir reagieren nicht einfach auf eine Welt, die für alle identisch gegeben wäre. Was für uns bedeutsam wird, hängt damit zusammen, wie wir Wahrnehmungen organisieren, welche Unterschiede wir bilden, welche Erfahrungen wir erinnern, welche Erwartungen wir mitbringen und welche Haltungen wir einnehmen.
Als die Sprache ihre Unschuld verlor
Bereits seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte sich in der Philosophie eine andere grundlegende Verschiebung entwickelt. Den Ausdruck linguistic turn machte Richard Rortys gleichnamige Anthologie von 1967 weithin bekannt, die dazugehörigen Bewegungen reichen jedoch wesentlich weiter zurück. Frege und Russell, der frühe und später der späte Wittgenstein, der Wiener Kreis, die ordinary language philosophy sowie später ganz andere Strömungen wie Strukturalismus und Poststrukturalismus beschäftigten sich aus sehr verschiedenen Richtungen mit dem Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit. Von einer einheitlichen „linguistischen Wende“ kann daher nur eingeschränkt gesprochen werden. Gemeinsam war vielen dieser Ansätze die wachsende Aufmerksamkeit dafür, dass philosophische Probleme ohne eine Untersuchung unserer sprachlichen Unterscheidungen kaum verstanden werden können. Wir fingen an zu begreifen, dass wir in Sprache stattfinden.
Besonders folgenreich wurde der spätere Wittgenstein. Bekannt durch das Zitat, „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ von 1921. Bedeutung liegt aus dieser Perspektive nicht wie ein Gegenstand hinter einem Wort verborgen. Sie entsteht im Gebrauch von Sprache, eingebettet in konkrete Praktiken und „Formen des Lebens“, zu denen auch die Haltungen gehören. Sprache und Handeln gehören zusammen.
Wir haben nicht erst eine vollständig geformte Wirklichkeit im Kopf und geben ihr anschließend Namen. Durch unsere Begriffe können Unterschiede überhaupt erst beobachtbar, besprechbar und sozial anschlussfähig werden. Sprache hilft uns bei der Unterschiedsbildung und die Fähigkeit Unterschiede zu erkennen und zu benennen, erweitert sich mit jeder Haltungserweiterung.
Unterschiedliche Haltungen haben deshalb auch eine eigene Gewohnheitssprache. Nennen wir das Verhalten eines Menschen „egoistisch“, entsteht eine andere Wirklichkeit, als wenn wir es „eigenbestimmt“ nennen. Beschreiben wir einen Kollegen als „widerständig“, sehen wir andere Zusammenhänge, als wenn wir von „Irritation“, „Eigenständigkeit“ oder einem „noch nicht besprechbaren Konflikt“ sprechen.
Die Person vor uns hat sich dabei kein Stück verändert. Unser Verhältnis und unsere Haltung zu ihr sehr wohl. Sprache bildet Wirklichkeit also nicht einfach ab. Sie beteiligt sich an ihrer Hervorbringung.
Genau deshalb ist die Entwicklung neuer Begriffe für die Emergetik mehr als Wortschöpferei. Begriffe wie Selbstverbergung, Selbstgestimmtheit, Angestimmtheit, Formgrenze oder Verwendungskatastrophe versuchen Phänomene unterscheidbar zu machen, die zuvor durchaus erlebt werden konnten, für die jedoch möglicherweise keine ausreichend differenzierte Sprache verfügbar war. Die Begriffswelt der Emergetik versteht Sprache in diesem Sinne als Möglichkeit, neue Beobachtungen und neue Fragen entstehen zu lassen. Insbesondere wollen wir die Fähigkeit Resonanzempfinden zu unterscheiden und dadurch differenzierte wahrzunehmen stärken, denn mit einer neuen Unterscheidung sehen wir unter Umständen etwas, das vorher bereits geschah und dennoch unsichtbar blieb.
Der nächste Schritt: Wir konstruieren nicht alle auf dieselbe Weise
Die kognitive Wende machte die innere Verarbeitung sichtbar. Die linguistische Wende schärfte den Blick für die sprachlichen Bedingungen des Verstehens. Die Entwicklungspsychologie fügte eine weitere Dimension hinzu, denn auch die Art und Weise, wie wir Bedeutung erzeugen, verändert sich.
Der Schweizer Jean Piaget hatte bereits gezeigt, dass Kinder Wirklichkeit nicht einfach zunehmend vollständiger erkennen. Die Strukturen ihres Denkens verändern sich während ihrer Entwicklung. Spätere entwicklungspsychologische Ansätze übertrugen ähnliche Überlegungen auf die Entwicklung Erwachsener. Für die Emergetik sind vor allem die Forschung zur Ich-Entwicklung von Jane Loevinger und ihren Nachfolger*innen wie Susanne Cook-Greuter, Thomas Binder und andere wichtig.
Loevinger, Schülerin von Erik Erickson und tätig in Harvard, interessierte sich für Entwicklung als Veränderung der Organisation des ICHs und des Bedeutungsgebens. Ihr Modell beschreibt unter anderem Veränderungen im Umgang mit Impulsen, zwischenmenschlichen Beziehungen, Selbstwahrnehmung und Komplexität. Mit dem Washington University Sentence Completion Test entwickelte ihre Forschungsgruppe ein Verfahren, mit dem diese Entwicklungsunterschiede empirisch untersucht werden konnten. Eine umfassende kritische Review der bis 2001 vorliegenden Forschung kam zu dem Ergebnis, dass es substanzielle empirische Unterstützung für die konzeptuelle Tragfähigkeit der Theorie und ihres Messverfahrens gibt.
Bemerkenswert ist dabei, dass Ich-Entwicklung nicht einfach dasselbe misst wie Intelligenz. Eine Metaanalyse von 42 Studien mit insgesamt 5.648 Personen fand lediglich moderate Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Ich-Entwicklung. Der Harvardprofessor Robert Kegan entwickelte mit seiner konstruktiv-entwicklungstheoretischen Perspektive einen verwandten Gedanken weiter. Entwicklung bedeutet für ihn eine Veränderung dessen, worin wir zunächst so eingebettet sind, dass wir es kaum betrachten können. Was uns „hat“, kann allmählich zu etwas werden, das wir betrachten und zu dem wir uns verhalten können. Seine Forschung und Lehre zur Erwachsenenentwicklung beschäftigt sich entsprechend mit Veränderungen des meaning making, also der Weise, in der Menschen ihre Erfahrungen organisieren und ihnen Bedeutung geben.
Dr. Susanne Cook-Greuter, selbst Linguistin und Doktorantin bei Robert Kegan, führte Loevingers Arbeiten insbesondere im Bereich späterer, transpersonaler Formen der Ich-Entwicklung weiter. Ihr Interesse galt zunehmend auch den Grenzen unserer eigenen Konstruktionen, der Relativität von Perspektiven und Formen des Bedeutungsgebens, in denen die eigene Bedeutungsbildung selbst beobachtbar wird.
Damit wird aus der Frage „Was denkt dieser Mensch?“ eine tiefere Frage: Aus welcher Form des Welt- und Selbstbezugs heraus kann dieser Gedanke überhaupt entstehen?
Haltung ist mehr als Meinung
Hier liegt eine der zentralen Verbindungen zum Modell der Haltungen und unserem Ansatz der Emergetik. Eine Haltung beschreibt nicht einfach eine Meinung oder Überzeugung. Sie bezeichnet eine Weise, in der wir uns selbst, andere Menschen und die Welt wahrnehmen, ordnen und deuten. Mit unterschiedlichen Haltungen verändern sich dadurch auch die Möglichkeiten, die wir erkennen, die Spannungen, die wir aushalten können, und die Antworten, die uns überhaupt plausibel erscheinen. Das Modell der Haltungen sieht sich entsprechend als Landkarte unterschiedlicher Formen des Weltbezugs.
Ein Beispiel macht den Unterschied sichtbar. Jemand bekommt von seinem Vorgesetzten kritisches Feedback.
Aus einer stark gemeinschaftsbestimmten Haltung kann die entscheidende Frage lauten: „Habe ich etwas falsch gemacht, und gehöre ich noch dazu?“
Aus einer rationalistisch-funktionalen Haltung könnte sie heißen: „Was genau war mein Fehler, und wie verbessere ich meine Leistung?“
Aus einer eigenbestimmten Haltung: „Was davon entspricht meiner eigenen Einschätzung, und wofür übernehme ich Verantwortung?“
Eine relativierende Haltung kann zusätzlich fragen: „Aus welcher Perspektive beurteilt er mich eigentlich, und welche anderen Sichtweisen wären ebenso möglich?“
Eine systemische Haltung könnte beobachten: „Welche Wechselwirkungen erzeugen gerade dieses Feedback, meine Reaktion darauf und unsere gemeinsame Situation?“
Es handelt sich um dasselbe Ereignis. Trotzdem entstehen unterschiedliche Welten. Hier treffen sich kognitive Wende, linguistische Wende und Ich-Entwicklung. Wir verarbeiten Wirklichkeit aktiv, wir erzeugen Bedeutung mithilfe von Unterscheidungen und Sprache, und die Struktur dieses Bedeutungsgebens kann sich im Laufe unserer Entwicklung verändern.
Und trotzdem verändert Erkenntnis erstaunlich wenig
An diesem Punkt könnte die Geschichte enden. Wenn wir verstehen, wie Menschen Wirklichkeit konstruieren, ihre Sprache reflektieren und unterschiedliche Entwicklungslogiken erkennen können, müssten wir eigentlich ziemlich gut darin sein, uns zu verändern. Leider spricht unsere Erfahrung häufig dagegen. Die Kenntnis des Modell ändert uns nur ein wenig. Ein Mensch kann genau verstehen, warum er in Konflikten immer wieder nachgibt. Er kann sein Bindungsmuster benennen, seine Glaubenssätze reflektieren und die Dynamik seiner Herkunftsfamilie beschreiben. Er kann sogar erklären, dass Eigenbestimmung keinen Beziehungsabbruch bedeuten muss. Und dann sitzt ihm ein enttäuschter Mensch gegenüber. Plötzlich fühlt sich das eigene Nein wieder gefährlich an. Das Wissen ist weiterhin vorhanden und die neue Sprache ebenfalls. Trotzdem organisiert sich das Erleben nach einer vertrauten Logik. Robert Kegan hat sich dieser Frage mit seinem Ansatz „Immunity to change“ angenommen und wir führen sie mit der Emergetik weiter.
Warum verändert Wissen so häufig unser Verhalten nicht?
Vom Bedeutungsgeben zum Resonanzgeschehen
Die Emergetik interessiert sich deshalb dafür, wie Denken, Sprache, Fühlen, Körper, Beziehung und sozialer Kontext miteinander eine Form des Weltbezugs hervorbringen.
Sie versteht sich dabei ausdrücklich als offener Forschungsraum, der Erkenntnisse unter anderem aus Entwicklungspsychologie, Sprachkonstruktivismus, Systemtheorie, Komplexitätsforschung und Transformationspraxis verbindet. Sie beansprucht gegenwärtig nicht denselben empirischen Forschungsstatus wie etablierte Bereiche der Kognitions- oder Entwicklungspsychologie. Gerade diese Offenheit gehört zu ihrem Selbstverständnis. Der Begriff Resonanz wird dabei interessant, weil er Aufmerksamkeit auf etwas richtet, das rein kognitive Beschreibungen leicht unterschätzen.
Wir begegnen der Welt nicht ausschließlich denkend. Wir werden von der Welt permanent auf unterschiedliche Weise angestimmt und diese Angestimmtheit erzeugt Stimmungen.
Unser Körper reagiert und Emotionen geben Situationen Bedeutung. Auch andere Menschen stimmen uns an und Atmosphären beeinflussen, was möglich erscheint. Frühere Erfahrungen werden aktualisiert, soziale Erwartungen wirken mit und Sprache strukturiert das Geschehen. Gleichzeitig können wir beobachten, was mit uns geschieht, und unsere Antwortmöglichkeiten erweitern. Eine Haltung zeigt sich damit im Denken und zugleich im Fühlen, Sprechen, Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln. Das erklärt auch, warum Entwicklung mehr benötigt als eine überzeugende neue Idee.
Warum neue Erfahrungen so entscheidend sind
Nehmen wir erneut das Beispiel der Eigenbestimmung. Eine Frau hat kognitiv längst verstanden, dass sie eigene Bedürfnisse äußern darf. Sie hat Bücher gelesen, Seminare besucht und kann sehr differenziert über Grenzen sprechen. Doch sobald ihre Mutter enttäuscht auf eine Entscheidung reagiert, spürt sie Schuld. Ihr Körper wird unruhig und sofort taucht der Impuls auf, die Entscheidung zu erklären, abzuschwächen oder zurückzunehmen. Jetzt könnten wir ihr noch genauer erklären, weshalb Eigenbestimmung wichtig ist und möglicherweise würde sie zustimmen.
Entwicklung wird wahrscheinlicher, wenn zusätzlich etwas erlebt werden kann, das im bisherigen Erfahrungsraum kaum verfügbar war: Sie setzt eine Grenze. Die Mutter ist enttäuscht und die Spannung bleibt eine Weile bestehen, doch die Beziehung zerbricht nicht.
Eine solche Erfahrung kann zu einem neuen emotionalen Referenzerlebnis werden. Das wird es zu einem emergetischen Moment. Beim nächsten Mal ist die Situation noch immer unangenehm, doch im bisherigen Muster gibt es einen kleinen Riss. Eine andere Erfahrung ist nun ebenfalls vorhanden. Nach wiederholten Erfahrungen kann sich verändern, was als selbstverständlich, sicher und möglich erlebt wird.
Genau deshalb interessieren uns in der Haltungserweiterung und Emergetik Musterbrüche, Irritationen und emotionale Referenzerlebnisse. Neue Wirklichkeit muss nicht nur verstanden werden. Sie muss zunehmend haltbar werden, in dem Sinne, das wir spannende Spannungen halten können.
Entwicklung geschieht im Dazwischen
Hier erweitert sich auch die individualpsychologische Perspektive, denn wenn ein Mensch seine Haltung verändert, geschieht das selten isoliert. Auch Beziehungen reagieren darauf. Wer beginnt, Grenzen zu setzen, verändert ein Familiensystem. Wer in einer Organisation plötzlich offen widerspricht, verändert einen sozialen Raum. Wer eine bislang selbstverständliche Rollenverteilung infrage stellt, irritiert Erwartungen anderer.
Deshalb können neue Haltungen zunächst wie Egoismus, Illoyalität, Naivität, Unentschlossenheit oder Unprofessionalität erscheinen. Aus emergetischer Sicht ist diese Irritation besonders interessant. Sie kann anzeigen, dass eine bislang stabile Form ihre Selbstverständlichkeit verliert. Entwicklung findet damit weder ausschließlich „im Menschen“ noch ausschließlich „im System“ statt. Sie entsteht in Wechselwirkungen zwischen Selbst, Beziehung und Kontext.
Das ICH, das WIR und das ALLE verändern sich fortwährend miteinander.
Von der Entwicklungsstufe zum Entwicklungsprozess
Die Forschung zur Ich-Entwicklung gibt uns eine außergewöhnlich hilfreiche Landkarte unterschiedlicher Formen des Bedeutungsgebens. Mit dem Modell der Haltungen versuchen wir, diese Unterschiede für persönliche Entwicklung, Führung, Teams und Organisationen zugänglich zu machen. Die Emergetik richtet den Blick stärker auf die Bewegung zwischen solchen Formen.
Was geschieht, wenn eine vertraute Haltung zunehmend an ihre Grenzen gerät?
Warum halten Menschen an einer Logik fest, obwohl sie deren Begrenzungen bereits erkennen?
Warum kann eine neue Perspektive intellektuell vollkommen einleuchten und sich gleichzeitig fremd oder sogar falsch anfühlen?
Warum gibt es Entwicklungsphasen, in denen die alte Orientierung nicht mehr funktioniert und die neue noch keine ausreichende Stabilität besitzt?
Warum fallen Menschen unter Belastung auf vertraute Formen zurück?
Und welche Erfahrungen ermöglichen schließlich, dass eine neue Weise des Wahrnehmens und Handelns selbstverständlich wird?
Mit Begriffen wie Formgrenze, Formübersteigerung, Verwendungskatastrophe, Dazwischen, Formkeimung und Formaneignung versucht die Emergetik, gerade diese Übergangsphänomene genauer beschreibbar zu machen.
Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Landkarte der Entwicklung zu den Wegen, auf denen Entwicklung tatsächlich geschieht.
Drei Wenden und eine offene Bewegung
Im Rückblick lassen sich drei große Erweiterungen erkennen.
1. Die kognitive Wende hat den inneren Verarbeitungsprozess wieder sichtbar gemacht. Menschen reagieren nicht mechanisch auf ihre Umwelt. Sie konstruieren mentale Repräsentationen, interpretieren und erzeugen Bedeutung.
2. Die linguistische Wende hat gezeigt, wie tief Sprache mit unserem Denken, unseren Unterscheidungen und unseren sozialen Praktiken verbunden ist. Was wir sprachlich unterscheiden können, verändert auch, was wir beobachten und gemeinsam besprechen können.
3. Die Entwicklungspsychologie der Ich-Entwicklung hat sichtbar gemacht, dass auch die Struktur unseres Bedeutungsgebens selbst entwicklungsfähig ist. Menschen unterscheiden sich nicht allein in ihren Ansichten. Sie können Wirklichkeit aus unterschiedlich komplexen Formen des Selbst- und Weltbezugs heraus organisieren.
Die emergetische Perspektive richtet die Aufmerksamkeit schließlich auf den Prozess, in dem sich solche Formen verändern. Sie fragt danach, wie neue Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Handlungsmöglichkeiten im Zusammenspiel von Körper, Erfahrung, Sprache, Beziehung und Kontext entstehen.
Darum könnte man die Entwicklung dieser Fragen so zusammenfassen:
Die Verhaltenspsychologie fragte: Was tut der Mensch?
Die kognitive Wende fragte: Was geschieht in ihm, während er es tut?
Die linguistische Wende fragte: Wie bringen unsere sprachlichen Unterscheidungen die Welt mit hervor, in der wir handeln?
Die Ich-Entwicklung fragt: Aus welcher Struktur des Bedeutungsgebens heraus entsteht diese Welt?
Und die Emergetik fügt hinzu: Wie kann sich diese Form des Weltbezugs verändern und was muss geschehen, damit eine neue Welt nicht nur gedacht, sondern erlebt und bewohnt werden kann?
Darin liegt möglicherweise eine der spannendsten Entwicklungsfragen unserer Zeit. Wir verfügen über mehr Wissen als je zuvor, wir können unsere Muster immer differenzierter beschreiben, wir haben eine enorme Sprache für Psychologie, Führung, Beziehung und Transformation entwickelt und trotzdem bleiben wir erstaunlich oft in vertrauten Formen gefangen.
Die nächste große Frage lautet deshalb womöglich nicht mehr allein, was wir erkennen können. Sie lautet: Wie wird aus einer neuen Erkenntnis eine neue Erfahrung und aus einer neuen Erfahrung eine neue Weise, in der Welt zu sein?
Vielleicht kommt nach kognitive Wende und linguistische Wende die resonanzielle Wende?
Quellen und weiterführende Literatur
George A. Miller: The Cognitive Revolution: A Historical Perspective, Trends in Cognitive Sciences, 2003.
Ulric Neisser: Cognitive Psychology, 1967.
Richard Rorty (Hrsg.): The Linguistic Turn, 1967.
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, 1953.
Jane Loevinger: Arbeiten zur Ego Development Theory und zum Washington University Sentence Completion Test.
John Manners & Kevin Durkin: A Critical Review of the Validity of Ego Development Theory and Its Measurement, Journal of Personality Assessment, 2001.
Lawrence D. Cohn & P. Michiel Westenberg: Intelligence and Maturity: Meta-Analytic Evidence for the Incremental and Discriminant Validity of Loevinger's Measure of Ego Development, Journal of Personality and Social Psychology, 2004.
Robert Kegan: The Evolving Self, 1982, sowie In Over Our Heads, 1994.
Susanne Cook-Greuter: Arbeiten zur postautonomen Ich-Entwicklung und zu späteren Formen des meaning making.
