Wie sich unser Resonanzempfinden mit der Haltung erweitert
Resonanz empfinden lernen
Die Emergetik betrachtet menschliche Entwicklung aus einer besonderen Perspektive. Sie fragt weniger danach, was wir denken, fühlen oder tun, sondern danach, wie diese Erfahrungen überhaupt entstehen. Wir schauen, wie Inhalte konstruiert sind.
Ihre Leitunterscheidung lautet:
Automatische Resonanz ↔ Wahrgenommene Resonanz
Wir stehen immer in Resonanz mit der Welt. Doch wir nehmen diese Resonanz nicht immer bewusst wahr. Oft folgen wir unmittelbar unseren Impulsen, Gefühlen oder vertrauten Mustern. Manchmal entsteht jedoch ein kurzer Moment, in dem wir bemerken, was gerade in uns geschieht. Genau dieser Moment verändert unseren Handlungsspielraum.
Die Emergetik interessiert sich für diesen Zwischenraum.
Sie beschreibt, wie sich unser Resonanzempfinden im Laufe unserer Entwicklung erweitert. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir mehr wahrnehmen. Vielmehr verändert sich die Weise, wie wir körperliche Empfindungen, psychisches Erleben und soziale Situationen miteinander in Beziehung bringen. Resonanz entsteht nie ausschließlich in unserem Inneren. Sie entwickelt sich immer im Zusammenspiel von Körper, psychischem Erleben und sozialem Miteinander. Diese drei Ebenen beeinflussen sich fortlaufend. Verändert sich ihr Zusammenspiel, verändert sich auch unsere Haltung und damit die Weise, wie wir Welt erleben.
Wir spüren im Körper / Biologisches System
Unser Körper reagiert meist zuerst. Noch bevor wir etwas verstehen oder in Worte fassen können, verändern sich Atem, Muskelspannung, Herzschlag oder unsere Energie. Häufig bemerkt unser Körper Veränderungen früher als unser Denken. Je feiner wir diese Signale wahrnehmen können, desto differenzierter wird unser Resonanzempfinden.
Wir geben unseren Erfahrungen Bedeutung / Psychisches System
Aus körperlichem Erleben entstehen nicht automatisch Gefühle oder Gedanken. Erst indem wir unterscheiden, erinnern, deuten und in Sprache bringen, entwickelt sich unser psychisches Erleben. Wir erzählen uns Geschichten darüber, was geschieht, und geben unseren Erfahrungen Bedeutung. Mit jeder Haltung erweitert sich auch diese Fähigkeit.
Wir begegnen anderen / Soziales System
Resonanz entsteht immer auch zwischen Menschen. Im Gespräch, im Zuhören, im Blickkontakt und im gemeinsamen Handeln verändert sich fortlaufend, wie wir uns selbst und andere erleben. Unsere Wahrnehmung entwickelt sich nicht unabhängig von anderen, sondern im Kontakt mit ihnen. Deshalb lässt sich Resonanz nie ausschließlich individuell verstehen.
Mit jeder Haltung erweitert sich unser Resonanzempfinden
Das Modell der Haltungen beschreibt unterschiedliche Weisen, der Welt zu begegnen. Mit jeder Haltung erweitert sich zugleich unser Resonanzempfinden.
In der selbstorientiert-impulsiven Haltung beginnen wir, unsere Impulse überhaupt sprachlich zu unterscheiden. Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle erhalten erste Namen. Sprache gibt unserem Erleben eine Form. Diese Formbildung unsere Ich-Setzung zeigt sich in unserem Antrieb.
In der gemeinschaftsbestimmt-konformistischen Haltung erweitert sich unser Resonanzempfinden für soziale Erwartungen. Regeln, Rollen und gemeinsame Werte schaffen Orientierung und ermöglichen Zugehörigkeit. Wir nehmen eine Identität über Rollen ein.
In der rationalistisch-funktionalen Haltung lernen wir, unterschiedliche Seiten von uns je nach Situation bewusst zu zeigen oder zurückzunehmen. Dadurch entsteht ein stabileres Verständnis unserer Persönlichkeit, während andere Anteile zunächst eher in den Hintergrund treten.
In der eigenbestimmt-souveränen Haltung entwickelt sich ein bewusster Selbstbezug oder auch Selbstgestimmtheit. Eigene Werte, Überzeugungen und Entscheidungen gewinnen an Bedeutung. Resonanz entsteht nun stärker aus dem Erleben von Authentizität.
In der relativierend-individualistischen Haltung erweitert sich unser Resonanzempfinden erneut. Wir können widersprüchliche Perspektiven gleichzeitig wahrnehmen und Ambivalenzen länger halten, ohne sie vorschnell auflösen zu müssen. Perspektivenpluralität wird möglich und kann spannungsfreier gehalten werden.
In der systemisch-autonomen Haltung verändert sich schließlich auch unser Beobachten. Wir nehmen nicht nur die Welt wahr, sondern beginnen wahrzunehmen, wie unser eigenes Wahrnehmen entsteht. Gleichzeitig wird erfahrbar, dass Welt uns immer schon berührt, bevor wir sie begrifflich ordnen oder verstehen können. Diese Offenheit beschreibt die Emergetik mit dem Begriff Angestimmtheit. Hier entstehen Formen des Kontextbewusstsein und beginnendes Konstruktbewusstsein.
Mit jeder Haltung verschwindet die vorherige Weise des Resonanzempfindens nicht. Sie bleibt erhalten und wird Teil einer umfassenderen Weise, der Welt zu begegnen. Resonanzempfinden entwickelt sich deshalb nicht nur im Denken. Es entwickelt sich im Körper, in unserem psychischen Erleben, in unseren Beziehungen und in unserer Haltung zur Welt. Vielleicht lässt sich die emergetische Perspektive deshalb so zusammenfassen:
Je feiner wir wahrnehmen können, wie Resonanz in uns und zwischen uns entsteht, desto größer wird der Raum, in dem neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns entstehen können.