Grundlagen der Emergetik
Grundlagen der Emergetik
Viele wissenschaftliche Ansätze tragen heute zu unserem Verständnis menschlicher Entwicklung bei. Entwicklungspsychologie, Sprachkonstruktivismus, Systemtheorie, Hypnosystemik und weitere Disziplinen beschreiben jeweils unterschiedliche Facetten davon, wie Menschen wahrnehmen, fühlen, denken und handeln. Jede dieser Perspektiven erweitert unser Verständnis. Gleichzeitig sprechen sie oft unterschiedliche Sprachen und richten ihren Blick auf verschiedene Ausschnitte desselben Geschehens.
Die Emergetik ist aus dem Wunsch entstanden, diese Perspektiven miteinander in Beziehung zu bringen. Sie versteht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Theorien, sondern als eine gemeinsame Forschungsrichtung, die nach den verbindenden Mustern fragt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Entwicklung entsteht und welche Prozesse dazu beitragen, dass sich unsere Weise verändert, der Welt zu begegnen.
Die folgenden Ansätze bilden dafür wichtige Grundlagen und Inspirationsquellen.
Entwicklungspsychologie – Robert Kegan
Robert Kegan beschreibt Entwicklung als die Fähigkeit, das wahrnehmen zu können, was uns zuvor unbewusst gesteuert hat. Mit jeder Entwicklung erweitert sich unser Blick auf uns selbst und die Welt. Die Emergetik knüpft daran an und interessiert sich besonders dafür, wie sich dieser Übergang vollzieht und welche Rolle Spannungen dabei spielen.
Ich-Entwicklung – Jane Loevinger
Jane Loevinger zeigt, dass Menschen ihre Wirklichkeit auf qualitativ unterschiedliche Weise strukturieren. Mit jeder Haltung verändert sich, wie wir Sinn bilden, Verantwortung übernehmen und uns selbst verstehen. Das Modell der Haltungen baut auf diesen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen auf und erweitert sie um die Frage, wie sich solche Veränderungen vollziehen.
Sprache und Entwicklung – Susanne Cook-Greuter
Susanne Cook-Greuter macht sichtbar, dass sich Entwicklung in der Sprache beobachten lässt. Je differenzierter Menschen Wirklichkeit wahrnehmen, desto differenzierter sprechen sie darüber. Die Emergetik versteht Sprache deshalb nicht nur als Ausdruck von Entwicklung, sondern auch als einen Raum, in dem sich neue Wahrnehmungsmöglichkeiten überhaupt erst bilden können.
Systemtheorie – Niklas Luhmann
Niklas Luhmann beschreibt psychische und soziale Systeme als eigenständige Systeme, die ihre Wirklichkeit durch Beobachtung und Kommunikation hervorbringen. Die Emergetik greift diese Perspektive auf und untersucht, wie Körper, psychisches Erleben und soziale Kommunikation im gemeinsamen Resonanzgeschehen miteinander gekoppelt sind.
Konstruktivismus – Humberto Maturana
Humberto Maturana zeigt, dass wir Wirklichkeit nicht einfach entdecken, sondern in jedem Moment aktiv hervorbringen. Wahrnehmen bedeutet immer auch unterscheiden. Die Emergetik schließt daran an und fragt, wie sich diese Weisen des Unterscheidens im Laufe unserer Entwicklung verändern.
Hypnotherapie – Milton Erickson
Milton Erickson machte deutlich, dass nachhaltige Veränderung selten allein durch Einsicht entsteht. Neue Erfahrungen eröffnen neue Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Die Emergetik interessiert sich deshalb besonders für jene Momente, in denen Menschen beginnen, sich selbst und ihre Situation anders zu erleben.
Hypnosystemik – Gunther Schmidt
Gunther Schmidt verbindet hypnotherapeutisches Denken mit systemischer Praxis. Er zeigt, wie Aufmerksamkeit, Sprache, Körperempfinden und innere Bilder unser Erleben fortlaufend beeinflussen. Die Emergetik knüpft daran an und untersucht, wie sich Resonanz im Zusammenspiel von Körper, Psyche und sozialem Miteinander verändert.
Eine gemeinsame Perspektive auf Entwicklung
Jeder dieser Ansätze beleuchtet einen anderen Aspekt menschlicher Entwicklung.
- Kegan und Loevinger zeigen, wie sich unsere Weise verändert, Welt zu verstehen.
- Cook-Greuter macht sichtbar, wie sich diese Veränderungen in der Sprache ausdrücken.
- Luhmann und Maturana erklären, wie Wirklichkeit durch Beobachten, Unterscheiden und Kommunikation entsteht.
- Erickson und Schmidt zeigen, wie neue Erfahrungen Veränderungen ermöglichen können.
Die Emergetik versteht sich als Versuch, diese Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Im Zentrum steht dabei nicht die Frage, welche Theorie recht hat, sondern welche Beiträge sie zum Verständnis von Entwicklung leisten können.
Ihre eigene Perspektive entsteht durch eine einfache Leitunterscheidung:
Automatische Resonanz ↔ Wahrgenommene Resonanz
Mit ihr richtet die Emergetik den Blick auf den Übergang zwischen beiden. Sie untersucht, wie sich unser Resonanzempfinden erweitert und wie dadurch neue Formen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns entstehen. Entwicklung zeigt sich aus dieser Perspektive nicht nur in neuen Fähigkeiten oder einem komplexeren Weltbild. Sie beginnt bereits dort, wo Resonanz selbst zum Gegenstand unserer Wahrnehmung werden kann.
Dadurch wird sichtbar, weshalb Menschen dieselbe Situation unterschiedlich erleben, warum dieselbe Methode bei verschiedenen Menschen unterschiedlich wirkt und weshalb nachhaltige Entwicklung selten allein durch neue Informationen entsteht. Mit jeder Haltungserweiterung wächst der Raum, in dem Spannungen bewusster wahrgenommen und neue Möglichkeiten des Handelns entdeckt werden können.
Die Emergetik ergänzt bestehende Entwicklungsansätze damit um eine prozessorientierte Perspektive. Sie interessiert sich weniger für die Frage, welche Haltung ein Mensch erreicht hat, als dafür, wie neue Haltungen überhaupt entstehen.
Entwicklung verändert dadurch nicht nur unser Wissen über die Welt. Sie verändert die Weise, wie Welt für uns entsteht. Denn zwischen uns entsteht die Welt.
