Martin Permantier 10 Min. Lesezeit

Emergetische Spannungen

Wie aus Spannungen neue Weisen entstehen, Welt wahrzunehmen

Wir erleben Spannungen häufig als etwas, das möglichst schnell verschwinden soll. Wir möchten Konflikte lösen, Unsicherheit überwinden oder Widersprüche auflösen. Dabei können manche Spannungen auch spannend sein.

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Die Emergetik lädt zu einer erweiterten Perspektive ein.

Sie versteht Spannungen nicht zuerst als Probleme, sondern als Hinweise darauf, dass unsere bisherige Weise, die Welt zu verstehen, an ihre Grenze kommt. Solange eine Haltung die Situationen bewältigen kann, denen wir begegnen, bleibt sie meist unsichtbar. Erst wenn sie ihre Tragfähigkeit verliert, beginnt sich etwas zu verändern. Wir können dann etwas nicht mehr aus-halten und verlieren den Halt.

Das macht Spannungen spannend. Manche Spannung machen sichtbar, dass sich eine neue Weise des Wahrnehmens ankündigt.

Jede Haltung eröffnet bestimmte Möglichkeiten, die Welt zu verstehen. Sie schafft Orientierung, gibt Sicherheit und hilft uns zu handeln. Gleichzeitig bringt sie aber auch eigene Grenzen hervor. Irgendwann begegnen wir Erfahrungen, die sich mit unserer bisherigen Sichtweise nicht mehr vollständig erklären lassen. Wir spüren Irritationen, Widersprüche oder erleben, dass das, was uns lange getragen hat, plötzlich nicht mehr ausreicht.

Entwicklung beginnt nicht erst mit einer neuen Erkenntnis. Sie beginnt dort, wo die bisherige Weise, Welt wahrzunehmen, ihre Selbstverständlichkeit verliert. Aus emergetischer Sicht öffnet sich genau in diesen Momenten ein neuer Wahrnehmungsraum. Wir beginnen Unterschiede wahrzunehmen, die zuvor unsichtbar waren. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns. Erst rückblickend erkennen wir häufig, dass dort bereits ein neuer Entwicklungsweg begonnen hatte.

Die eigentlichen Wendepunkte unseres Lebens erleben wir deshalb selten als klare Entscheidungen. Meist wirken sie zunächst unübersichtlich, widersprüchlich oder sogar schmerzhaft. Erst später erzählen wir unsere Biografie so, als hätte es einen eindeutigen Wendepunkt gegeben. Tatsächlich war es häufig eine längere Phase, in der sich unsere bisherige Ordnung langsam veränderte und eine neue Weise entstand, die Welt zu verstehen.

Sieben Muster emergetischer Wendepunkte

Über viele Entwicklungsprozesse hinweg zeigen sich dabei sieben typische Muster.

 

1. Noch nicht integrierbare oder integrierte Erfahrung

Etwas passt nicht mehr in unser bisheriges Weltbild. Wir denken, dass wir alles „richtig“ gemacht haben und spüren Widersprüche und erleben trotzdem Scheitern. Wir leben beispielsweise konsequent unsere Werte und merken trotzdem, dass Beziehung verloren geht. Die alte Form produziert dann nicht mehr genug Stimmigkeit. Emergetisch ist das der Beginn der Spannung, denn unsere erlebte Wirklichkeit überschreitet unsere bisherige Ordnung.

 

2. Verzögerte Bedeutung
Der Wendepunkt wird von uns oft erst später erkannt, denn während wir im Umbruch sind, erleben wir meist nur Unruhe, Reibung oder Überforderung. Erst im Rückblick können wir dem Umbruch Bedeutung geben: „Damals habe ich noch nicht verstanden, dass dort etwas Neues begonnen hat.“
 

3. Emotionale Destabilisierung
Vor der neuen Erkenntnis durchleben wir eine emotional besondere Zeit oder auch einen emotionalen Einbruch. Darin offenbart sich, dass unsere bisherige Selbst- und Weltordnung unter Druck geraten ist. Zuerst ist da leibliches Spüren, dann entsteht Emotion als aktivierte Reaktion. Erst durch Sprache, Reflexion und soziale Besprechbarkeit wird daraus ein bewussteres Gefühl. Der Raum zwischen Reiz und Reaktion vergrößert sich nicht automatisch, sondern kann entstehen, wenn das Erleben benannt, gehalten und neu eingeordnet werden kann.
 

4. Soziale Spiegelung
Veränderung braucht immer ein Gegenüber oder ein soziales Feld, in dem unsere neue Deutung anschlussfähig wird und wir merken: „Ich bin nicht allein damit.“ Hier wird unsere Entwicklung sozial gerahmt und anschlussfähig, ohne dass sie direkt sozial steuerbar wäre.
 

5. Experiment mit neuen Mustern
Eine neue Deutung allein reicht nicht. Sie muss verkörpert und sozial ausgetestet werden. Unsere neue Weltsicht sucht eine soziale Form. Sie muss Anschluss finden, Widerstand erleben, korrigiert werden und sich in diesem Prozess stabilisieren.
 

6. Verlust und Gewinn gleichzeitig
Emergetische Momente sind fast immer ambivalent. Wenn wir uns entwickeln, gewinnen wir neue Freiheit und verlieren zugleich alte Sicherheit. Wer authentischer wird, verliert darüber eventuell Zugehörigkeit. Wer komplexer sieht, verliert dadurch seine Eindeutigkeit. Darum fühlt sich Entwicklung für uns nicht nur gut an. Sie enthält auch die Trauer um eine alte, liebgewonne Form, auch wenn diese Form uns zu eng geworden ist.
 

7. Richtungswechsel statt Optimierung
Emergetische Momente meinen nicht, dass die alte Form besser gemacht wird, sondern ein anderer Modus entsteht. Das ist der Unterschied zwischen Optimierung und Entwicklung. Optimierung oder auch Reformation bleibt innerhalb der alten Form. Entwicklung hingegen verändert die Ordnung, aus der heraus wahrgenommen und gehandelt wird.

Ein Beispiel:

Als Thomas merkte, dass etwas nicht mehr stimmte


Um diese Entwicklung anschaulich machen, schauen wir uns eine exemplarische Geschichte an, die sich aus verschiedenen Erfahrungen, die wir in Coaching mit unterschiedlichen Klienten gemacht haben, zusammensetzt. Nennen wir unseren Protagonisten Thomas.
 

Thomas leitete seit vielen Jahren ein erfolgreiches Team. Er war zuverlässig, klar in seinen Entscheidungen und kümmerte sich darum, dass Projekte pünktlich abgeschlossen wurden. Wenn Schwierigkeiten auftauchten, arbeitete er mehr, bereitete sich besser vor oder traf konsequentere Entscheidungen. Lange hatte ihn diese Haltung getragen.

1. Eine Erfahrung, die nicht mehr in das bisherige Weltbild passt

Irgendwann begann sich etwas zu verändern. Die Ergebnisse stimmten noch, doch die Stimmung im Team wurde spürbar schlechter. Zwei erfahrene Mitarbeitende kündigten innerhalb weniger Monate. In Feedbackgesprächen hörte Thomas Sätze wie: „Man kann mit dir kaum noch wirklich sprechen.“ Oder: „Ich weiß oft gar nicht, ob du überhaupt hörst, was ich sagen will.“

Er verstand diese Rückmeldungen zunächst nicht. Er hatte doch alles richtig gemacht. Er arbeitete verantwortungsvoll, kümmerte sich um seine Mitarbeitenden und lebte die Werte des Unternehmens. Trotzdem entstand etwas, das mit seiner bisherigen Sicht nicht mehr erklärbar war. Seine bisherige Ordnung begann ihre Tragfähigkeit zu verlieren.

2. Die Bedeutung zeigt sich erst später

Die Irritation blieb. In den Wochen danach dachte Thomas immer wieder an diese Gespräche. Mal war er überzeugt, die anderen seien einfach zu empfindlich. Dann fragte er sich, ob tatsächlich etwas an ihm liegen könnte. Damals wusste er noch nicht, dass hier bereits ein Entwicklungsprozess begonnen hatte. Erst viel später konnte er diesen Moment als Beginn einer neuen Weise verstehen, Führung zu denken.

3. Die bisherige Ordnung gerät unter Spannung

Während dieser Zeit schlief Thomas schlechter. Er wurde schneller gereizt und spürte eine Unruhe, die er von sich kaum kannte. Seine bisherige Sicherheit begann zu bröckeln, ohne dass er genau sagen konnte, weshalb.

Erst allmählich konnte er seine körperlichen Reaktionen, seine Emotionen und seine Gedanken voneinander unterscheiden. Aus einem diffusen Unwohlsein entstand langsam ein Gefühl, das sich benennen ließ. Mit jeder Benennung gewann er ein wenig Abstand zu dem, was ihn zuvor vollständig bestimmt hatte.

4. Ein Gegenüber eröffnet eine neue Deutung

Einige Monate später besuchte Thomas ein Seminar. Dort erzählte eine andere Führungskraft von einer ähnlichen Erfahrung. Sie beschrieb, wie sie lange geglaubt hatte, gute Führung bedeute vor allem, Antworten zu geben. Irgendwann hatte sie entdeckt, dass ihre Mitarbeitenden viel häufiger einen Raum zum gemeinsamen Nachdenken brauchten als schnelle Lösungen.

Thomas spürte beim Zuhören eine große Erleichterung. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, mit seiner Unsicherheit nicht allein zu sein. Seine Irritation bekam einen Zusammenhang. Was sich bislang wie persönliches Scheitern angefühlt hatte, wurde zu einer Erfahrung, die viele Menschen in ihrer Entwicklung machen.

5. Neue Muster werden ausprobiert

Nach dem Seminar begann Thomas, kleine Dinge anders zu machen. In Besprechungen stellte er häufiger Fragen, ohne sofort eine Lösung vorzuschlagen. Er ließ Pausen entstehen, hörte länger zu und sprach gelegentlich auch über eigene Unsicherheiten.

Nicht alles gelang sofort. Manche Mitarbeitende reagierten überrascht, andere misstrauisch. Die neue Weise des Führens musste sich erst im Alltag bewähren. Sie entstand Schritt für Schritt im Zusammenspiel mit den Menschen, mit denen Thomas arbeitete.

6. Entwicklung bringt Gewinn und Verlust zugleich

Mit der Zeit veränderten sich die Gespräche. Konflikte wurden früher angesprochen. Mitarbeitende entwickelten eigene Ideen. Verantwortung verteilte sich anders im Team.

Gleichzeitig vermisste Thomas manchmal seine frühere Klarheit. Es war einfacher gewesen, selbst zu entscheiden. Jetzt musste er häufiger mit offenen Fragen leben. Die neue Freiheit brachte auch eine neue Form von Unsicherheit mit sich. Entwicklung fühlte sich deshalb nicht nur befreiend an. Sie bedeutete auch Abschied von einer Weise des Führens, die ihn viele Jahre getragen hatte.

7. Eine neue Weise, Welt zu verstehen

Erst Jahre später erkannte Thomas, dass sich nicht einfach sein Führungsverhalten verändert hatte. Seine ganze Weise, Führung zu verstehen, war eine andere geworden. Früher hatte er geglaubt, gute Führung bedeute vor allem, Orientierung zu geben. Heute verstand er Führung als die Fähigkeit, einen Raum zu schaffen, in dem Orientierung gemeinsam entstehen konnte.

Rückblickend hätte Thomas keinen einzelnen Wendepunkt benennen können. Entwicklung war nicht in dem Moment geschehen, als er eine neue Methode ausprobierte. Sie hatte viel früher begonnen, in jener ersten Irritation, als seine bisherige Weise, die Situation zu verstehen, ihre Selbstverständlichkeit verlor.

Jede Haltung bringt ihre eigene Spannung hervor

Das Modell der Haltungen beschreibt unterschiedliche Weisen, wie wir Welt wahrnehmen und ihr begegnen. Jede Haltung eröffnet neue Möglichkeiten. Gleichzeitig erzeugt jede Haltung auch eine Spannung, die sie aus eigener Kraft nicht mehr vollständig beantworten kann. Gerade diese Spannung macht den nächsten Entwicklungsschritt möglich. In der Beispielgeschichte sehen wir den Übergang von der rationalistisch-funktionalen Haltung zur eigenbestimmt-souveränen Haltung.

Selbstorientiert-impulsiv

Wir beginnen, ein erstes Ich in der Sprache zu bilden. Unsere Impulse stehen im Mittelpunkt unseres Erlebens. Gleichzeitig begegnen wir einer sozialen Welt, die nicht nur unsere Bedürfnisse kennt. Irgendwann merken wir: Mein Verhalten hat Folgen für andere. Diese Erfahrung erweitert unsere Wahrnehmung für soziale Erwartbarkeit.

Gemeinschaftsbestimmt-konformistisch

Zugehörigkeit entsteht durch Rollen, Regeln und gemeinsame Erwartungen. Doch wer sich dauerhaft über Anpassung definiert, spürt irgendwann, dass dabei auch etwas Eigenes verloren geht. Die Spannung lautet: Ich gehöre dazu, aber wo bleibe ich selbst?

Rationalistisch-funktional

Wir entwickeln eine Persönlichkeit, die Verantwortung übernimmt, erklärt und gestaltet. Doch während wir immer besser funktionieren, bleiben andere Seiten unseres Erlebens oft unbeachtet. Die Spannung zeigt sich, wenn Leistung allein keine Antwort mehr gibt.

Eigenbestimmt-souverän

Wir entdecken unseren eigenen Standpunkt. Authentizität wird wichtig.Doch je mehr wir versuchen, ganz wir selbst zu sein, desto deutlicher begegnen wir unseren eigenen Widersprüchen.Die Spannung lautet nun nicht mehr: Wer bin ich?, sondern: Kann ich auch widersprüchlich sein?

Relativierend-individualistisch

Wir erkennen, dass viele Perspektiven gleichzeitig sinnvoll sein können. Mit dieser Freiheit wächst jedoch eine neue Herausforderung. Wenn vieles verständlich wird, woran orientieren wir uns noch? Gerade daraus entsteht das Bedürfnis nach einer neuen Form von Unterscheidung.

Systemisch-autonom

Wir beginnen wahrzunehmen, wie unsere eigene Wahrnehmung entsteht. Wir erkennen, dass wir Welt nie einfach entdecken, sondern ihr immer schon resonierend begegnen. Die Spannung verschwindet dadurch nicht. Sie wird selbst zum Gegenstand unserer Wahrnehmung.

„Nicht jede Spannung muss gelöst werden. Manche Spannungen wollen uns erweitern.“
Martin Permantier

Entwicklung bleibt in Bewegung

Die Emergetik versteht Entwicklung deshalb nicht als linearen Aufstieg. Jede Haltung eröffnet neue Möglichkeiten. Jede Haltung bringt zugleich neue Spannungen hervor. Diese Spannungen weisen auf Erfahrungen hin, die mit der bisherigen Weise des Wahrnehmens allein nicht mehr beantwortet werden können. Vielleicht lässt sich der emergetische Gedanke deshalb so zusammenfassen:

Jede Haltung trägt ihre eigene Grenze in sich.

Jede Grenze macht eine neue Weise des Wahrnehmens möglich.

Und mit jeder neuen Weise entstehen wiederum neue, spannende Spannungen.