Martin Permantier 3 Min. Lesezeit

Die emergetische Perspektive auf Resilienz: Halten statt Aushalten

Resilienz beschäftigt heute viele Menschen und Organisationen. Oft verbinden wir damit die Fähigkeit, Belastungen auszuhalten, stabil zu bleiben oder nach einer Krise möglichst schnell wieder zu funktionieren. Das ist nicht falsch und doch beschreibt es nur einen Teil dessen, was möglich ist.

Die Emergetik lenkt den Blick auf eine andere Frage. Was geschieht eigentlich in dem Moment, in dem wir unter Druck geraten? Wie gehen wir mit Spannungen um, bevor wir sie regulieren, erklären oder lösen?

Emergetische Perspektive Resilienz

Resilient zu sein bedeutet dann nicht nur, nach einer Störung in den alten Zustand zurückzufinden. Es bedeutet, einen Moment länger mit einer Spannung in Kontakt zu bleiben, ohne sie sofort aufzulösen, denn dort kann sich etwas verändern.

Das Modell der Haltungen zeigt, dass Menschen Spannungen auf sehr unterschiedliche Weise beantworten. Manche setzen sich durch und sagen: „Ich schaffe das schon.“ Andere suchen Halt in der Gemeinschaft: „Gemeinsam kommen wir da durch.“ Wieder andere versuchen, die Situation zu analysieren, zu strukturieren oder unter Kontrolle zu bringen. Jede dieser Weisen hilft und jede stößt irgendwann an ihre Grenze. Denn jede reduziert die Spannung auf ihre eigene Art.

Mit jeder Haltungserweiterung verändert sich deshalb auch unser Umgang mit Resilienz. Sie wird weniger zu einer Strategie und mehr zu einer Fähigkeit. Wir beginnen, Spannungen wahrzunehmen, ohne sie sofort beseitigen zu müssen. Wir halten Widersprüche länger aus, ohne vorschnell eine Seite zu wählen. Wir reagieren nicht sofort, sondern nehmen zunächst wahr, was sich gerade zeigt. Susanne Cook-Greuter, Forscherin der Ich-Entwicklung meint dazu, „It hurts more, but bothers you less.“

Resilienz zeigt sich darin, wie wir Spannungen begegnen. Reizbarkeit ist nicht das Gegenteil von Resilienz. Oft ist sie ihr Anfang.

Immer dann, wenn uns etwas triggert, stoßen wir an die Grenze unserer bisherigen Weise, die Welt zu verstehen. Regulieren wir diesen Moment sofort weg, bleiben wir meist im Vertrauten. Bleiben wir dagegen einen Augenblick länger mit dem Erleben in Kontakt, kann sich etwas Neues zeigen. Hier entwickelt sich das, was wir Resonanzintelligenz nennen. Wir lernen, wahrzunehmen, was gleichzeitig in unserem Körper, in unserem Erleben und in unseren Beziehungen geschieht. Aus dieser Wahrnehmung heraus entstehen häufig andere Antworten als aus einer vorschnellen Reaktion. Resilienz bedeutet dann nicht mehr, möglichst schnell wieder „in Form“ zu kommen. Vielmehr erweitert sich die Weise, in der wir überhaupt wahrnehmen, fühlen und handeln können. Nicht die Spannung verschwindet. Unsere Fähigkeit wächst, mit ihr in Beziehung zu bleiben.

Darin liegt die eigentliche Perspektiverweiterung: Resiliente Menschen sind nicht diejenigen, die nichts aus der Ruhe bringt, sondern diejenigen, die mit dem, was sie bewegt, in Kontakt bleiben können, ohne sich darin zu verlieren.