Martin Permantier 6 Min. Lesezeit

Emergetische Haltungserweiterung

Wie sich unsere Haltung unter Spannung erweitert

Entwicklungsmodelle beschreiben häufig, wie sich Menschen im Laufe ihres Lebens verändern. Sie zeigen unterschiedliche Weisen, die Welt zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen oder Beziehungen zu gestalten. Dadurch helfen sie uns, menschliches Verhalten differenzierter zu betrachten.

Die Emergetik richtet ihren Blick auf eine andere Frage. Sie fragt nicht zuerst, welche Haltung ein Mensch gerade einnimmt, sondern wie neue Haltungen überhaupt entstehen. Damit wird etwas sichtbar, das in vielen Entwicklungsmodellen nur am Rande betrachtet wird: Jede Haltung eröffnet neue Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen. Gleichzeitig bringt sie Spannungen hervor, die sie aus eigener Kraft nicht mehr vollständig beantworten kann. Gerade diese Spannungen bilden den Ausgangspunkt weiterer Entwicklung.

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Der emergetische Blick

Aus emergetischer Sicht entstehen neue Haltungen deshalb nicht, weil Menschen mehr Wissen erwerben oder sich besonders anstrengen. Sie entstehen dort, wo die bisherige Weise, der Welt zu begegnen, ihre keinen Halt mehr gibt und sich unser Resonanzempfinden erweitert. Plötzlich werden Unterschiede wahrnehmbar, die zuvor außerhalb unseres Horizonts lagen. Es fehlten uns Unterschiedsbildungen, die sich dann erst auftun. Neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns entstehen nicht als Entscheidung, sondern als Folge einer veränderten Wahrnehmung.

Die Emergetik beschreibt diesen Übergang als Haltungserweiterung. Frühere Haltungen werden dabei nicht ersetzt. Sie bleiben erhalten und werden von neuen Möglichkeiten des Wahrnehmens umhüllt. Entwicklung bedeutet deshalb nicht, das Frühere hinter sich zu lassen, sondern den eigenen Wahrnehmungshorizont immer weiter auszudehnen und zu differenzieren.

Die folgenden Beschreibungen zeigen beispielhaft, welche Spannung jede Haltung hervorbringt und wie sich daraus jeweils eine neue Weise entwickelt, der Welt zu begegnen.

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Selbstorientiert-impulsive Haltung

Mit Sprache entsteht ein erstes bewusstes Ich, die Ich-Setzung. „Ich will" wird zur bestimmenden Erfahrung. Eigene Impulse können nun benannt und durchgesetzt werden. Das schafft Selbstwirksamkeit, führt aber auch zu Konflikten. Je stärker wir uns ausschließlich über unseren eigenen Antrieb definieren, desto deutlicher erleben wir Widerstand. Irgendwann wird Zugehörigkeit wichtiger als das bloße Gewinnen. Die Spannung zwischen Selbstbehauptung und sozialem Miteinander erweitert unser Resonanzempfinden für Regeln, Erwartungen und gemeinsame Wirklichkeit.

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Gemeinschaftsbestimmt-konformistische Haltung

Rollen, Regeln und gemeinsame Werte schaffen Sicherheit und Orientierung. Wir lernen, was von uns erwartet wird, das Feld der Sozialen Erwartbarkeit wird sichtbar und erleben Zugehörigkeit. Doch je stärker wir uns anpassen, desto deutlicher spüren wir auch, dass wir nicht vollständig in unseren Rollen aufgehen. Etwas Eigenes bleibt verborgen. Aus dieser Spannung wächst allmählich das Bedürfnis, sich selbst jenseits sozialer Erwartungen kennenzulernen.

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Rationalistisch-funktionale Haltung

Wir entwickeln eine Persönlichkeit, übernehmen Verantwortung und gestalten unser Leben zunehmend selbstständig. Vernunft, Planung und Leistung geben Orientierung. Gleichzeitig geraten andere Seiten unseres Erlebens leicht in den Hintergrund. Gefühle, Verletzlichkeit oder innere Widersprüche lassen sich jedoch nicht dauerhaft kontrollieren, vieles bleibt im Resonanzfeld der Selbstverbergung hinter der Maske unserer Persona. Irgendwann gibt uns das reine Funktionieren keinen Halt mehr. Die Spannung macht einen bewussteren Selbstbezug möglich.

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Eigenbestimmt-souveräne Haltung

In diesem Feld der Selbstgestimmtheit wird Authentizität wird zu einem zentralen Anliegen. Wir möchten unser Leben nach eigenen Überzeugungen gestalten und im Einklang mit uns selbst handeln. Doch je genauer wir hinschauen, desto deutlicher entdecken wir unsere inneren Widersprüche. Unterschiedliche Bedürfnisse, Werte und Persönlichkeitsanteile passen nicht mehr in das Bild eines einzigen, kohärenten Selbst. Gerade diese Erfahrung erweitert unser Resonanzempfinden für die Vielstimmigkeit unseres Erlebens.

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Relativierend-individualistische Haltung

Wir erkennen, dass unterschiedliche Perspektiven gleichzeitig berechtigt sein können. Ambivalenzen werden aushaltbar und Widersprüche verlieren ihren bedrohlichen Charakter. Wir können vermehrt Perspektivenpluralität in uns halten. Gleichzeitig wächst jedoch eine neue Spannung. Wenn immer mehr Perspektiven verständlich werden, wird Orientierung schwieriger. Aus dieser Erfahrung entwickelt sich ein feineres Gespür dafür, wie wir selbst von Situationen, Beziehungen und Kontexten angestimmt werden.

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Systemisch-autonome Haltung

Wir beginnen wahrzunehmen, dass unsere Gedanken, Gefühle und Wirklichkeitsbeschreibungen immer schon in Beziehung entstehen. Unser Resonanzempfinden erweitert sich auf die Bedingungen unseres eigenen Wahrnehmens. Wir erkennen, dass wir Welt niemals neutral beobachten, wir sind immer von ihr angestimmt. Aus diesem Feld der Angestimmtheit, dass uns bewusster wird, erkennen wir mehr und mehr die Muster, die in uns wirksam sind und entwickeln Konstruktbewusstsein. Gleichzeitig wird sichtbar, dass auch diese Einsicht wieder zu einer neuen Form werden kann. Daraus kann  eine weitere Öffnung entstehen, in der wir beginnen nicht nur unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, sondern auch die Beweglichkeit zwischen ihnen.

Frühere Haltungen verschwinden dabei nicht. Sie bleiben als Möglichkeiten unseres Erlebens erhalten und können je nach Situation weiterhin sinnvoll sein. Entwicklung bedeutet deshalb nicht, das Frühere hinter sich zu lassen. Sie bedeutet, den eigenen Wahrnehmungshorizont zu erweitern. Jede Haltung eröffnet neue Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen. Gleichzeitig bringt sie Spannungen hervor, die sie aus eigener Kraft nicht mehr vollständig beantworten kann.

Je weiter sich unsere Haltung entwickelt, desto mehr Spannungen können wir wahrnehmen, ohne sie sofort auflösen zu müssen. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns. Die Emergetik interessiert sich genau für diesen Prozess. Nicht dafür, welche Haltung die richtige ist. Sondern dafür, wie sich unter Spannung neue Weisen entwickeln, Welt wahrzunehmen.

Haltungserweiterung lässt sich so beschreiben:

Wir lernen nicht nur anders zu denken. Wir lernen anders wahrzunehmen, und mit jeder Erweiterung unseres Resonanzempfindens entstehen neue Möglichkeiten, uns selbst, andere Menschen und die Welt zu verstehen.