Die Besonderheit des ersten Resonanzfeldes
Liebe vor dem Ich
Am Anfang unseres Lebens gibt es Wärme, Druck, Berührung, Hunger, Sättigung und Unruhe. Dazu gesellen sich Stimmen, Lichter, Gerüche und Bewegungen. Vieles davon scheint anfangs noch kaum voneinander unterschieden. Das Neugeborene lebt in einer Erfahrungsordnung, die älter ist als jede bewusste Vorstellung von sich selbst.
In der Emergetik bezeichnen wir den Möglichkeitsraum dieser ersten Erfahrungen als das Resonanzfeld der Liebe. Mit Liebe meinen wir hier die elementare Zuwendung, die sich darin ausdrückt, dass ein hilfloses Lebewesen umsorgt, getragen, genährt, gewärmt und beruhigt wird. Romantische Liebe und bewusst empfundene Verbundenheit entstehen wesentlich später. Zunächst ist Liebe eine atmosphärisch und dann auch leiblich wirksame Antwortstruktur.
Diese Definition ist fundamentaler, als sie zunächst klingen mag. Sie besagt nämlich, dass unsere Entwicklung mit und in einer Beziehung beginnt, bevor wir diese Beziehung überhaupt als Beziehung verstehen können. Das erste Resonanzfeld liegt zeitlich und logisch vor unserem sich selbst bewussten Ich. Es bildet somit den Untergrund, auf dem ein Selbst überhaupt erst entstehen kann.
Welt beginnt als Antwort
Ein Neugeborenes erlebt die Welt noch nicht als Ansammlung klar abgrenzbarer Dinge. Alle Eindrücke gehören zu einem Geschehen, in dem Spannung entsteht und sich wieder verändert. Hunger baut sich auf, der Körper gerät in Unruhe, die eine Bezugsperson wahrnimmt, sich darauf hin nähert, spricht, sanft berührt und beispielsweise Nahrung gibt. In der Folge sinkt die Erregung. Solche Vorgänge wiederholen sich in Varianten und aus den Wiederholungen bildet sich ein erstes Muster. Auf Unstimmigkeit kann eine Antwort folgen und vertrauen in die Welt schenken. Es bildet sich eine vorbewusste Erwartungsordnung. Welt wird erfahren als etwas, das auf Spannung antworten kann.
Hierin liegt eine Besonderheit dieses ersten Resonanzfeldes. Liebe ist der Zusammenhang, in dem Erleben eine erste Verlässlichkeit gewinnt und zunächst kein Inhalt des Erlebens. Sie ist das Fundament auf das spätere Formen gelegt werden, doch deren Haftung hängt davon ab, was darunter trägt.
Das Resonanzfeld und seine erste Form
In der Emergetik unterscheiden wir zwischen Resonanzfeld und Form. Ein Resonanzfeld ist ein Möglichkeitsraum, in dem bestimmte Erfahrungen und Antworten wahrscheinlicher werden. Eine Form ist dann eine mögliche Ordnung, die sich innerhalb dieses Feldes stabilisiert.
Im Resonanzfeld der Liebe entsteht als erste Form das Bedürfnis. Bedürfnis beschreibt dabei die Verbindung von Spannung und erwartbarer Antwort und ist noch kein sprachliches Konzept. Der Körper gerät in einen Zustand von Mangel oder Überreizung. In der Mitwelt geschieht etwas, das eine Veränderung ermöglicht. Der Körper wird hochgehoben und gehalten und eine vertraute Stimme ertönt. Aus solchen kleinen Alltagssequenzen bildet sich eine elementare Ordnung. Unruhe kann sich verwandeln und Bedürftigkeit muss nicht endlos bleiben.
Das Bedürfnis ist damit bereits eine relationale Form und mehr als ein biologischer Mangel. In ihm verbinden sich körperliche Aktivierung, psychisches Erleben und soziale Antwortbedingungen. Die drei Ebenen setzen sich, wenn es gut läuft, zum Urvertrauen zusammen, bleiben dabei jedoch operational verschieden.
Körper, Psyche und Soziales
Der Körper reguliert Erregung, Muskeltonus, Temperatur, Verdauung, Wachen und Schlafen. Er vollzieht seine eigenen Prozesse. Als Bezugsperson können wir diese körperlichen Vorgänge rahmen, aber nicht unmittelbar steuern. Wir bieten Nähe, können Nahrung bereitstellen oder für eine ruhigere Umgebung sorgen, doch der Körper des Kindes bildet daraus seine eigene Regulation.
Auf psychischer Ebene zeigen sich erste Erwartungsmuster in der Verarbeitung der Unterschiede zwischen vertraut und fremd, beruhigend und irritierend, wiederkehrend und unvorhersehbar. Sicherheit bildet sich aus der Geschichte sich wiederholter Erfahrungen.
Das soziale System besteht aus anschlussfähigen Kommunikationen. Das Neugeborenes wird bereits sozial adressiert, die Bezugspersonen sprechen mit ihm, geben seinem Weinen unterschiedliche Bedeutungen, reagieren auf Bewegungen und verstehen seine Äußerungen. Auch wenn das Kind die Antworten noch nicht immer versteht, ist es eingewoben in Kommunikation und erhält damit bereits einen sozialen Platz.
Die Systeme übertragen ihre Zustände nicht direkt aufeinander. Sie irritieren und ermöglichen sich wechselseitig. Eine Stimme kann körperliche Regulation anregen, eine körperliche Anspannung kann psychisches Erleben verändern und das Schreien eines Kindes kann neue Kommunikation in der Familie auslösen. Aus dieser strukturellen Kopplung entsteht eine Ordnung, die in keinem einzelnen System allein liegt.
Resonanzempfinden startet hier als gemeinsame Leistung der Systeme. Die Mitwelt gestaltet Bedingungen, der Körper reagiert, psychische Erwartungen bilden sich und soziale Muster werden wiederholt. Das entstehende Zusammenspiel gleicht einer ineinandergreifenden Verzahnung. Die Zahnräder bleiben jeweils eigenständig, doch ihre Passung entscheidet darüber, ob und welche Bewegung überhaupt möglich wird.
Liebe als Beziehung vor den Beteiligten
Gewöhnlich stellen wir uns Beziehungen so vor, dass zwei oder mehr Menschen miteinander in Kontakt treten. Das erste Resonanzfeld legt uns eine andere Lesart nahe, denn Beziehung ist bereits wirksam, bevor das Kind sich als eigenständigen Beteiligten erleben kann. Das menschliche Selbst entsteht somit innerhalb einer Bezogenheit, die ihm dabei vorausgeht. Niemand bringt sich allein zur Welt und auch die Fähigkeit, sich später als eigenständig zu erleben, wächst aus einer Geschichte des Angesprochenwerdens und Gehaltenwerdens, einer Biografie der Antworten.
Die Besonderheit des erste Resonanzfeld ist daher, dass es den späteren Träger der Entwicklung selbst mit hervorbringt. Die anderen Resonanzfelder verändern, wie ein Mensch sich jeweils versteht. Dieses Feld ist daran beteiligt, dass sich überhaupt ein Mensch als jemand zu verstehen beginnt.
Nishidas Philosophie des Ortes
Eine ähnlicher Gedanke findet sich bei Kitarō Nishida, dem Begründer der Kyōto Schule. Nishida entwickelte eine Logik des Ortes, auf Japanisch basho. Mit Ort meint er jedoch keinen räumlichen Behälter. Basho bezeichnet das, innerhalb dessen Dinge, Subjekte und Beziehungen überhaupt erscheinen können. Eine Welle kann in einem Meer entstehen, doch mit basho ist die Möglichkeit des Meeres und der Welle gemeint, der umfassenderen Zusammenhang, in dem die Unterscheidung zwischen Selbst und Welt erst entsteht.
Sein Begriff des absoluten Nichts bezeichnet diesen nicht gegenständlichen Ermöglichungsgrund. Das absolute Nichts ist bei Nishida eine tragende Offenheit, die sich nicht selbst wie ein Ding bestimmen lässt. Sie umfasst die Gegensätze von Sein und Nichtsein, Selbst und Welt sowie Subjekt und Objekt.
Hier entsteht für die Emergetik ein interessanter Theorieanschluss. Nishidas Theorie hilft uns zu verstehen, warum ein Feld ursprünglicher sein kann als die Formen, die in ihm entstehen. Das Resonanzfeld der Liebe verstehen wir als die erste menschliche Ausprägung eines solchen tragenden „Worin“. In ihm entstehen Bedürfnis, Antwort und erstes Selbst gemeinsam, ohne identisch zu werden. Nishidas Philosophie bietet eine Sprache für die Annahme, dass Beziehung nicht erst zwischen fertigen Einheiten entsteht, sondern bereits an ihrer Formbildung beteiligt ist.
Die beginnende Spannung
Das Resonanzfeld garantiert keine lückenlose Bedürfnisbefriedigung und bietet genau damit die Möglichkeit von ent-wickelnder Spannung. Entwicklung braucht eine ausreichend verlässliche Antwort und ebenso die Erfahrung, dass Antwort Zeit benötigt, anders ausfällt oder manchmal schlicht ausbleibt. Zwischen der entstehenden Spannung und ihrer Veränderung öffnet sich ein zeitlicher Spalt.
Dieser Spalt ist entwicklungswirksam, denn darin verliert das bisherige Muster von Bedürfnis und unmittelbarer Antwort etwas von seiner Selbstverständlichkeit. Liebe kann als Resonanzfeld weiter tragen, doch ihre erste Form stößt an eine Grenze. Die Spannung kündigt eine neue Ordnung an. Die reine Versorgung reicht als Erfahrungsform nicht mehr und in dem zeitlichen Spalt zwischen Bedürfnis und Antwort, wird die leibliche Art der Kopplung zunehmend bedeutsamer. Damit tritt der eigene Körper deutlicher als Resonanzraum hervor.
Emergetisch beginnt hier ein erster Formbruch. Die bisherige Form des Bedürfnisses besteht weiter, sie ordnet die wachsende Vielfalt des Erlebens jedoch immer weniger. Zugleich keimt in der leiblichen Kopplung das Resonanzfeld der nächsten Haltung. Aus dem fundamentalen Getragensein wird eine zunehmend differenzierte Erfahrung von Berührung, Rhythmus, Nähe und Distanz.
Liebe wird in diesem Übergang neu gefasst. Das Fundament bekommt eine bedeckende Schicht. Spätere Entwicklung ersetzt das erste Resonanzfeld nicht, sondern nimmt es in komplexere Ordnungen auf. Wir verlieren unsere Bedürftigkeit nicht, sobald wir sprechen, planen oder Verantwortung übernehmen können, wir lernen jedoch, Bedürfnisse differenzierter wahrzunehmen, zu deuten und sozial auszuhandeln.
Doch unter Belastung kann die frühe Frage nach Antwort wieder hervortreten. Ein unbeantworteter Anruf, eine zurückhaltende Reaktion oder ein Moment sozialer Kälte kann dann bei uns eine heftige körperliche Aktivierung auslösen. Die erfahrene Situation gehört zwar zur Gegenwart unsere Formgebung, in der wir sie erleben, kann jedoch an frühe Ordnungen von Bedürfnis und Antworterleben anschließen.
Ein wissenschaftliches Forschungsangebot
Die Zuordnung von Liebe, Bedürfnis und vorsozial-instinktiver Haltung ist ein emergetisches Modell. Sie ist keine empirisch abgeschlossene Entwicklungstheorie. Ihr Wert liegt darin, Beobachtungen aus Entwicklungspsychologie, Systemtheorie, Kulturwissenschaften und Philosophie in eine gemeinsame Prozessfrage zu bringen.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht lässt sich untersuchen, wie frühe Regulation, Bindungserfahrungen und Erwartungsbildung zusammenwirken. Die Systemtheorie schärft den Blick dafür, dass Körper, psychisches Erleben und Kommunikation jeweils nach eigenen Gesetzmäßigkeiten und in sich geschlossen operieren. Nishidas Philosophie erweitert die Frage um die Annahme, dass Selbst und Welt innerhalb eines tragenden Ortes der Beziehung Kontur gewinnen.
In der Emergetik verbinden wir diese Perspektiven und fragen, wie aus einem Resonanzfeld überhaupt eine Form entsteht, wie diese Form dann Sicherheit ermöglicht und welche Spannung ihre Grenzen und die weitere Entwicklung sichtbar macht.
Das erste Resonanzfeld ist gerade deshalb besonders, weil es noch keine fertige Person voraussetzt. Es schafft jene Bedingungen, unter denen sich ein leiblich, psychisch und sozial ansprechbares Selbst im Weiteren bilden kann. Liebe ist hier die früheste Erfahrung, dass Spannung eine Antwort finden kann. Aus dieser Erfahrung wächst keine Garantie, wohl aber die elementare Möglichkeit für Urvertrauen: Welt kann uns tragen, obwohl sie uns nicht lückenlos antwortet.
