Im In-between der neuen Ordnung
Das Dazwischen in der Emergetik
Entwicklung lässt sich rückblickend gut als Weg von einer alten zu einer neuen Ordnung erzählen. Zuerst war etwas so, dann entstand eine Spannung, führte zur Krise in der Verwendungskatastrophe, woraus dann eine neu ordnende Sicht entstand. Während der Transitionen, in den Krisen fühlt es sich für uns jedoch selten so übersichtlich an. Die bisherige Ordnung verliert zunächst schlicht und ergreifend ihre Tragfähigkeit, während die neue für uns noch keine verlässliche Form besitzt.
Mit der Emergetik fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit auf dieses Dazwischen, auf die Phase zwischen Formbruch und Formkeimung, in der vertraute Deutungen bereits unter Spannung geraten sind und brüchig werden und neue Möglichkeiten zunächst nur als Irritation, Frage oder ungewohnte Empfindungen auftauchen. Entwicklung vollzieht sich aus der inneren Spannung heraus ohne eine fertige Zielgestalt.
Das können wir in Anlehnung an Bhabha mit dem Bild eines Treppenhauses verdeutlichen. Es gehört weder vollständig zum unteren noch zum oberen Stockwerk. Zugleich und gerade dadurch verbindet es beide und verändert, was erreichbar ist. Wer auf der Treppe steht, hat den alten Raum verlassen, doch den neuen noch nicht bezogen, zunächst sogar noch nicht einmal gesehen. Die Bewegung im Dazwischen erzeugt neue Blickwinkel, andere Wahrgebungen und Entscheidungen darüber, wohin der nächste Schritt führen soll. Und da das Bild, insbesondere aus eigenbestimmt-souveräner Sicht, als verheißener Aufstieg gelesen werden kann, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Modell der Haltungen kein Stufenmodell ist und die Emergetik sich für die Möglichkeitsräume, dem Dazwischen, beschäftigt und die Welt nicht in Kategorien wie ‚höher, schneller oder weiter‘ denkt.
Der Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha hat für einen sehr ähnlichen Vorgang den Begriff ‚Third Space‘ geprägt. Seine Theorie stammt aus der Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Migration, kultureller Übersetzung und ungleichen Machtverhältnissen und sie beschreibt, wie im Kontakt verschiedener kultureller Ordnungen Bedeutungen ihre Festigkeit verlieren und in veränderter Form neu hervorgebracht werden.
Mit dem ‚Third Space‘ können wir unseren emergetischen Blick auf das Dazwischen vertiefen. Übergänge verändern die Bedeutungen dessen, was wir für alt und neu halten. In diesem Dazwischen entscheidet sich, ob in dem Formbruch eine neue Form keimt oder eine Re-Formation in der gleichen Haltung für den Moment ausreichend ist.
Wenn eine Form ihre Selbstverständlichkeit verliert
Eine Form, unsere jeweilige Haltung, ordnet Wahrnehmung. Sie hilft uns zu unterscheiden, was wichtig ist, was von uns erwartet werden kann und welche Reaktion in diesem Kontext angemessen erscheint. In unserer Familie kann sich dies in einer bestimmte Vorstellung von Autorität zeigen. In einem Team in der Überzeugung, dass gute Arbeit vor allem durch klare Zuständigkeiten und Kontrolle entsteht. In Gesellschaft können es Erzählungen darüber sein, wer überhaupt dazugehört und wessen Stimme als glaubwürdig gilt.
Solange uns eine solche Form trägt, erscheint sie uns als selbstverständlich. Jede Erfahrung scheint einen vorgesehenen Platz zu haben. Spannung entsteht, wenn wir Erfahrungen machen, die sich nicht passend einsortieren lassen. Eine Führungskraft merkt vielleicht, dass die Kontrolle nur die Unsicherheit im Team verstärkt. Eltern erleben, dass das Gespräch mit ihrem jugendlichen Kind vom Festhalten an hergebrachten Regeln blockiert wird.
Im Formbruch überzeugt uns die bisherige Ordnung nicht mehr. Formkeimung beginnt dann dort, wo neue Unterscheidungen möglich werden. Diese entdecken wir anfangs oft tastend, wir erfassen Situationen sprachlich anders, neue Gespräche entstehen daraus und bisher übersehene Perspektive erhalten probeweise Gewicht. Das Dazwischen ist diese produktive Instabilität. Es bietet keine fertige neue Ordnung, schafft aber Bedingungen, unter denen etwas anderes anschlussfähig werden kann.
Was Bhabha mit dem Third Space meint
Bhabhas Third Space verweist auf einen Vorgang, in dem kulturelle Bedeutung erst erzeugt und verhandelt wird. Diese Unterscheidung ist zentral. Unser Verständnis kultureller Vielfalt beginnt zumeist mit der Vorannahme, dass verschiedene Kulturen bereits feststehen, mit eigenen Werten, Zeichen und Traditionen. Bhabha lenkt den Blick stärker für kulturelle Differenz, also den Prozess, in dem Unterschiede beim Sprechen, Übersetzen und Aushandeln überhaupt wirksam werden. Kultur entsteht prozesshaft immer wieder dort, wo Menschen sich auf Traditionen beziehen, Zeichen wiederverwenden und so ihre Zugehörigkeit darstellen. In jedem solchen Vorgang werden historisch vorhandene Bedeutungen wiederholt, zugleich verschieben sich diese Bedeutungen jedoch durch den neuen Kontext, eine aktualisierende Wiederholung.
Bhabha veranschaulicht das In Between mit dem Bild eines Treppenhauses. Die Treppe verbindet oben und unten, hält beide Bereiche aber in Bewegung. Wer sie benutzt, wechselt fortlaufend die Perspektive. Oben und unten bleiben unterscheidbar, erhalten ihre Bedeutung jedoch auch durch den Übergang zwischen ihnen. Das Treppenhaus wird damit zu einem Ort symbolischer Wechselwirkung. Es verhindert, dass die Identitäten an seinen Enden vollständig erstarren.
Auf das emergetische Dazwischen übertragen bedeutet das, dass dieser Übergang eine alte, bestehende und eine aufkeimende Form umfasst und damit gleichzeitig auf beide zurück wirkt. Im Licht einer neuen Wahrnehmung erscheint uns die Vergangenheit anders. Was uns früher als eindeutiger Erfolg galt, kann nun als einseitige Anpassung erkennbar werden. Eine Krise, die zunächst auf uns wie klares Scheitern wirkte, kann später als Grenze einer bisherigen Ordnung lesbar werden und als Entwicklungsschritt verstanden werden. Das Neue fügt sich nicht linear hinter das Alte, es kommt zeitlich zwar danach, verändert zugleich dabei das Verständnis, wie auf das Alte und das Neue geblickt wird.
Übersetzung als Erzeugung von Bedeutung
Für Bhabha ist der Third Space eng mit kultureller Übersetzung verbunden. Übersetzung bedeutet hier mehr als die Übertragung eines Wortes in eine andere Sprache. Sie bezeichnet den Vorgang, in dem Zeichen in einen neuen Zusammenhang eintreten und dadurch eine andere Bedeutung erhalten.
Ein Begriff wie Freiheit kann in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern etwas anderes bezeichnen. In einem Unternehmen kann damit die Möglichkeit eigenständigen Handelns gemeint sein, für Beschäftigte kann der Begriff auf der anderen Seite wie eine Verlagerung von Risiken auf den Einzelnen wirken. Beide Seiten hören dasselbe Wort, doch sie bewegen sich in verschiedenen Erwartungsordnungen.
Der Third Space öffnet sich dort, wo die Beteiligten untersuchen, welche Erfahrungen, Interessen und Machtverhältnisse in ihren jeweiligen Deutungen enthalten sind. Freiheit kann in diesem Prozess eine neue Form erhalten, etwa als Verbindung von Entscheidungsspielraum, verlässlichen Grenzen und gemeinsamer Verantwortung. Diese neue Bedeutung ist weder bloß die erste noch die zweite Position. Sie ist auch kein rechnerischer Mittelwert. Sie entsteht durch Übersetzung, Verschiebung und Neuverknüpfung. Wir haben daher in unserem Buch „Fühlen. Mit Emotionen arbeiten“ dafür ein eigenes, neues Wort vorgeschlagen: Freiverbundenheit.
Bhabha nennt diesen Vorgang der kulturellen Formbildung, bei der etwas Neues entsteht, das sich aus seinen Ausgangsformen nicht vollständig ableiten lässt, Hybridität. Hybridität verbindet Elemente verschiedener Ordnungen und verändert dabei deren Bedeutung und der Third Space ist der kommunikative Zusammenhang, der solche neuen Positionen ermöglicht und Besprechbarkeit herstellt.
Darin liegt eine deutliche Nähe zur Emergetik. Formkeimung bezeichnet ebenfalls das Auftauchen einer Ordnung, die noch nicht ausgebildet ist und sich nicht als Optimierung des Vorherigen verstehen lässt. Beide Perspektiven treffen sich in der Annahme, dass Neues an einer instabilen Schnittstelle entsteht.
Das Dazwischen ist ein Geschehen der Kommunikation
Systemtheoretisch bezeichnet Bhabhas Third Space vor allem einen sozialen und diskursiven Vorgang. Psychische Systeme erleben diesen Vorgang auf je eigene Weise und Körper können auf die sich verändernde Umwelt mit erhöhter Spannung, Unruhe, Erstarrung oder wachsender Beweglichkeit reagieren. All diese Prozesse folgen ihrer eigenen, inneren Dynamik.
Körper, Psyche und Kommunikation bleiben getrennte Systeme. Sie wirken über strukturelle Kopplung aufeinander ein, anfänglich irritierend, mit biografische Erfahrung immer orientierender. Ein abwertend verstandener Satz kann körperliche Aktivierung auslösen und psychisch als Bedrohung gedeutet werden. Diese Reaktion kann wiederum eine gewisse Art von Antwort wahrscheinlicher machen, an die weitere Kommunikation anschließt. Trotzdem überträgt keines der Systeme seinen Zustand direkt auf ein anderes.
Das emergetische Dazwischen betrifft alle drei Systeme, jedoch in verschiedener Weise. Körperlich kann eine bisherige Regulationsform an ihre Grenze geraten. Psychisch kann eine vertraute Selbstdeutung oder -erzählung brüchig werden. Sozial können Erwartungen und Begriffe ihre Anschlussfähigkeit verlieren. Die neue Ordnung entsteht in der sich verändernden, aktualisierenden Kopplungen zwischen ihren jeweils eigenen Prozessen. Resonanzempfinden nimmt diese Unterschiede wahr und ermöglicht dennoch eine tragfähige Abstimmung.
Macht sitzt mit im Treppenhaus
Der Third Space soll hier nicht als freier Kreativraum missverstanden werden, in dem Unterschiede spielerisch kombiniert werden. Bhabhas Theorie entsteht aus der Analyse kolonialer und postkolonialer Machtverhältnisse. Kulturelle Aushandlung findet selten unter symmetrischen Bedingungen statt. Manche Sprachen gelten als gebildet, andere als defizitär, eine Lebensweise werden als Norm behandelt, andere müssen sich erklären, gewisse Stimmen erhalten institutionelle Aufmerksamkeit, andere werden überhört oder nur in vorgegebenen Kategorisierungen wahrgenommen.
Der Third Space hebt solche Unterschiede nicht automatisch auf, sondern macht sichtbar, dass kulturelle Autorität von Wiederholung abhängig ist und daher verändert werden kann. Eine dominante Ordnung muss ihre Geltung fortlaufend wieder erlangen, dabei entstehen zwangsläufig Verschiebungen, Missverständnisse und unerwartete Aneignungen. In der Emergetik nennen wir das Spannungen. Diese Spannungen können neue Handlungsmöglichkeiten notwendig machen oder sogar die alte Ordnung zusammenbrechen lassen.
Bhabha beschreibt Aushandlung deshalb nicht als harmonischen Ausgleich. Widersprüchliche Positionen werden artikuliert, ohne dass ihre Spannung durch eine externe Einheit erlöst werden. Das Neue entsteht in einer Zone, in der Bedeutung und Autorität unsicher werden. Für die Emergetik ist diese Machtsensibilität ebenfalls bedeutsam. Ein Dazwischen ist nicht allein deshalb entwicklungsförderlich, weil mehrere Perspektiven zusammentreffen. Ein Teamdialog kann offen wirken und dennoch die alten Hierarchien fortsetzen. Wenn eine Führungskraft zu ehrlichem Widerspruch einlädt, zugleich aber jede Kritik als mangelnde Loyalität ausdeutet, bleibt der mögliche Third Space, bleibt das Dazwischen, zu eng. Formkeimung braucht Bedingungen, unter denen eine neue Bedeutung sozial anschlussfähig werden kann. Dazu gehören Sicherheit, Zeit und die Bereitschaft, auch die eigene Deutungsmacht untersuchen zu lassen.
Ein gemeinsames Schwellenereignis
Ein Dazwischen entsteht, wenn die Begriffe selbst Gegenstand des Gesprächs werden. Was bedeutet Verantwortung in verschiedenen Rollen? Welche Risiken tragen Mitarbeitende, welche Risiken trägt die Leitung? Welche Entscheidungen brauchen Freiheit und welche benötigen einen verbindlichen, Orientierung gebenden Rahmen? Formkeimung beginnt dort, wo eine neue soziale Grammatik der Verantwortung entsteht, in der Kommunikation, die beide Ausgangspositionen verschiebt.
Bhabhas Theorie unterstützt unser Verständnis der Emergetik vor allem an einem Punkt: Sie verhindert, dass das Dazwischen als privater Innenraum oder als neutrale Übergangszone verstanden wird. Bedeutungen entstehen in sozialen Verhältnissen und diese sind geprägt von Biografie, Ausschlüssen und ungleichen Möglichkeiten des Sprechens. Daher lohnt sich eine genauere Aufmerksamkeit für Spannung, Formbruch und den zeitlichen Prozess der Neuordnung. Emergetik fragt danach, wann eine bestehende Form ihre Tragfähigkeit verliert und unter welchen Bedingungen aus Instabilität eine neue, vorläufig tragfähige Ordnung entstehen kann und wann dagegen eine Re-Formation sich stabilisiert.
Resonanzempfinden im Dazwischen
Resonanzempfinden hilft uns, die entstehenden Unbestimmtheit und Spannungen wahr zu nehmen ohne zu versuchen sie vorschnell mit bekannten Antworten zu schließen. Darunter fällt die Fähigkeit, körperliche Aktivierung zu bemerken, psychische Deutungen als eigene Konstruktionen zu erkennen und soziale Machtverhältnisse in der Kommunikation zu beobachten.
Diese Fähigkeit zeigt sich etwa dann, wenn unsere Aufmerksamkeit sich zusätzlich darauf richtet, welche Deutungen vorherrschen, welche Stimmen Anschluss finden, welche nicht und welches neue Verständnis sich andeutet. Konflikte werden si nicht sofort aufs Recht haben reduziert.
Das Dazwischen ist damit weder Chaos noch die neue Ordnung. Es ist eine Schwelle, auf der Bedeutungen ihre bisherigen Eigentümer verlieren. Begriffe, Identitäten und Erwartungen werden erneut lesbar, ein neues Verstehen lädt zum Bewohnen ein. Einiges setzt sich in kaum veränderter Form fort, anderes bekommt eine neue Funktion. Wieder anderes verliert die Anschlussfähigkeit und endet. Das emergetische Dazwischen bezeichnet die Spannung, in der eine solche Veränderung möglich wird.
