7 Muster emergetischer Entwicklung
Veränderung fühlt sich oft nicht wie Entwicklung an. Zumindest nicht am Anfang.
Haltung erweitert sich selten durch eine plötzliche Erkenntnis. Meist beginnt etwas zu irritieren. Wir erleben Spannungen, Widersprüche oder haben das Gefühl, dass das, was uns bisher Orientierung gegeben hat, nicht mehr vollständig trägt. Unsere bisherige Weise, die Welt zu verstehen, gerät an ihre Grenze. Unser Haltung gibt uns nicht mehr den innere Halt, die Welt so zu deuten, dass wir sie als stimmig erleben.
Genau hier setzt die Emergetik an. Sie richtet den Blick auf jene Übergänge, in denen sich allmählich neue Weisen des Wahrnehmens, Denkens und Handelns bilden. Betrachtet man Entwicklungsprozesse, lassen sich beispielhaft sieben wiederkehrende musterhafte Bewegungen erkennen.
1. FREMDELN – Wenn Vertrautes nicht mehr trägt
Etwas passt nicht mehr zu unserer bisherigen Weise, die Welt zu ordnen. Wir machen vermeintlich alles richtig und erleben dennoch Widersprüche oder Scheitern. Die bisherige Haltung schafft nicht mehr dieselbe Stimmigkeit wie früher.
Wir sehen die Welt nicht einfach, wie sie ist, sondern immer auch durch die Weise, wie wir gelernt haben, sie zu verstehen. Irgendwann reichen diese Ordnung und Sinngebungen nicht mehr aus. Fremdeln zeigt häufig, dass wir bereits Erfahrungen machen, für die uns noch keine passende Weise des Verstehens zur Verfügung steht. Körper und Fühlen reagieren oft zuerst.
2. ÜBERFORDERUNG – Wenn Altes noch ordnet und Neues schon anklopft
Während sich etwas verändert, erleben wir oft Unsicherheit, Überforderung oder Orientierungslosigkeit. Ein Formbruch fühlt sich selten nach Entwicklung an. Meist fühlt er sich zunächst nach Kontrollverlust oder Erschöpfung an. Alles scheint weniger Sin zu machen.
Erst im Rückblick erkennen wir, dass hier bereits etwas Neues begonnen hat. Wir versuchen weiterhin, mit vertrauten Bedeutungen Orientierung zu finden, obwohl sie das Erlebte nicht mehr vollständig tragen. Diese Krisenzeiten erfahren später oft eine Umdeutung und werden dann erst in ihrer Wichtigkeit erkannt.
3. EMOTIONALITÄT – Wenn der Körper früher versteht
Bevor sich eine neue Weise entwickelt, gerät die bisherige unter Druck. Oft zeigt sich das zuerst im Körper: Anspannung, Gereiztheit, Erschöpfung oder starke emotionale Reaktionen können Hinweise darauf sein, dass vertraute Muster an ihre Grenzen kommen.
Der Körper reagiert häufig früher als unsere Sprache. Es gibt dazu den passenden Spruch: Sagt der Verstand zum Körper, „Sag du es ihm, auf mich hört er nicht.“
Was zunächst nur als diffuse Reaktion erscheint, kann später als Gefühl verstanden und schließlich in Worte gefasst werden. Entwicklung verläuft selten ohne emotionale Irritation. Doch genau diese emotionale Spannung beinhaltet auch die Energie für die Veränderung.
4. UNTERSTÜTZUNG – Wenn Resonanz Entwicklung ermöglicht
Entwicklung geschieht selten allein.
Neue Wahrnehmungen brauchen Menschen, mit denen wir sie teilen können. Im Gespräch, im Zuhören oder in gemeinsamen Erfahrungen gewinnen sie an Kontur. Wir entwickeln uns nicht gegenseitig. Aber wir schaffen Bedingungen, unter denen Entwicklung wahrscheinlicher wird.
Fehlen solche Resonanzräume, bleiben Irritationen häufig unverbunden. Dann ziehen wir uns zurück, erstarren oder verlieren uns in dauerhafter Verstimmung. Entwicklung braucht Beziehung. Echokammern mit Menschen, die uns in unserer Verstimmtheit nur bestätigen können jedoch uns an diesem Punkt auch binden und in Mustern halten.
5. MUSTERBRÜCHE – Wenn wir Neues ausprobieren
Neue Sichtweisen entstehen nicht allein im Denken. Sie wollen gelebt werden.
Wir beginnen anders zu handeln, anders zu fühlen und anders zu reagieren. Das wirkt häufig noch ungewohnt. Das Alte funktioniert nicht mehr vollständig, das Neue trägt noch nicht sicher. Es braucht emotionale Referenzerlebnisse mit neuen Denkweisen.
Gerade in dieser Übergangsphase sammeln wir Erfahrungen, aus denen sich allmählich neue Gewohnheiten und neue Möglichkeiten entwickeln. Dazu braucht es Mut zum Experimentieren und die Bereitschaft, immer wieder auch zu scheitern. Für viele Menschen ist die Idee von Selbstentwicklung Neuland. Selbst kleinste Abweichungen von Routinen, wie etwa jeden Tag einen anderen Weg zu Arbeit fahren, eine Wertschätzung pro Tag mehr geben, als man sonst macht oder 5 min. einfach nur stillsitzen, scheinen schon überfordern. Wenn wir unser neuronales System nicht veränderungsfreundlich einstimmen, bleiben Veränderungen unwahrscheinlich.
Es ist einfacher über neues Verhalten zu neuem Denken zu kommen, als mit neuem Denken zu neuem Verhalten.
6. MEHRDEUTIGKEIT – Wenn Freiheit und Unsicherheit zusammenwachsen
Jede Haltungserweiterung erweitert unsere Möglichkeiten und nimmt uns gleichzeitig vertraute Sicherheiten.
Alte Rollen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Bisherige Selbsterzählungen beginnen brüchig zu werden. Wir erleben uns anders und werden uns dabei manchmal selbst fremd.
Je mehr wir wahrnehmen können, desto weniger lässt sich die Welt eindeutig festhalten. Gerade darin wächst unsere Fähigkeit, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten, ohne sie vorschnell auflösen zu müssen. Wir können uns umerzählen, oder wie es der berühmte Hypno-Therapeut Milton Erickson formulierte, „Es ist nie zu spät für einen schön Kindheit.“
7. NEUSEIN – Wenn sich unser Weltbezug verändert
Entwicklung bedeutet nicht, die bisherige Form zu optimieren.
Irgendwann verändert sich die Weise, wie wir wahrnehmen, fühlen und handeln. Das Alte verschwindet nicht. Es erhält jedoch eine neue Bedeutung. Wir können es erkennen, ohne vollständig mit ihm identifiziert zu sein.
Wir wachsen nicht, weil wir bessere Antworten finden. Wir wachsen, weil unsere Fragen größer und differenzierter werden. So wie wir als Kind die Welt mit einer einfacher Brille angeschaut haben und trotzdem Freude, Freundschaft und Liebe erfahren konnten, hat jede Haltung einen Raum, der sehr erfüllend sein kann. Es gibt oft auch keine Entwicklungsnotwendigkeit. Haltungserweiterung ist kein Ziel, es ist eine Möglichkeit.
Aus emergetischer Sicht sind Spannungen deshalb nicht einfach Probleme. Sie können darauf hinweisen, dass unsere bisherige Haltung an eine Grenze kommt und sich langsam neue Möglichkeiten des Wahrnehmens und Verstehens eröffnen.
Entwicklung lässt sich nicht herstellen. Wir können sie auch nicht erzwingen. Was wir jedoch tun können, ist Bedingungen schaffen, unter denen Entwicklung wahrscheinlicher wird: durch Aufmerksamkeit, Resonanz, Sprache, Beziehung und die Bereitschaft, Vertrautes infrage zu stellen.
Vielleicht beginnt Entwicklung genau dort, wo wir aufhören, nur besser funktionieren zu wollen, und stattdessen neugierig werden, welche bisherige Ordnung in uns ihre Tragfähigkeit verliert und welche neue Weise, Welt zu verstehen, gerade zu keimen beginnt.
