Unterschiedsbildung
Auf den Punkt
Unterschiedsbildung bezeichnet den Prozess, durch den im Wahrgeben Unterschiede hervorgebracht werden, die Wahrnehmung strukturieren und Bedeutung ermöglichen.
Wenn wir emergetisch schauen …
… begegnen wir der Welt nicht als einer ungegliederten Gesamtheit. Damit etwas für uns wahrnehmbar wird, muss es sich von etwas anderem unterscheiden. Hell wird im Unterschied zu dunkel sichtbar, Nähe im Unterschied zu Distanz, Zugehörigkeit im Unterschied zu Ausschluss und Stimmigkeit im Unterschied zu Unstimmigkeit.
Unterschiede liegen dabei nicht immer einfach fertig in der Welt. Viele entstehen erst durch die Art, wie wir wahrgeben, benennen und miteinander vergleichen. Dasselbe Verhalten kann beispielsweise als Widerstand, Selbstbehauptung, Unsicherheit oder Verantwortungsübernahme unterschieden werden. Je nachdem, welchen Unterschied wir bilden, entsteht eine andere Bedeutung und damit ein anderer Möglichkeitsraum des Handelns.
Unterschiedsbildung ist deshalb ein grundlegender Prozess der Wirklichkeitskonstruktion. Sprache unterstützt ihn, weil Begriffe Unterschiede stabilisieren und gemeinsam besprechbar machen. Auch Gefühle, körperliche Resonanzen und soziale Erfahrungen können Unterschiede anzeigen, lange bevor wir Worte dafür finden.
Mit wachsender Entwicklung differenziert sich unsere Fähigkeit zur Unterschiedsbildung. Wir können feinere Unterschiede wahrnehmen, mehrere Unterscheidungen gleichzeitig halten und zunehmend erkennen, dass auch unsere eigenen Unterschiede Konstruktionen sind. Dadurch wächst unser Konstruktbewusstsein.
Emergetisch interessant wird Unterschiedsbildung besonders dort, wo eine neue Erfahrung noch nicht in die bisherigen Unterscheidungen passt. Dann beginnt eine Suchbewegung. Etwas ist spürbar, lässt sich aber noch nicht angemessen unterscheiden. Eine neue sprachliche, emotionale oder kognitive Form kann entstehen und einen bislang unsichtbaren Unterschied wahrnehmbar machen.
Erlebbar wird das, wenn …
In einem Team wird eine Kollegin regelmäßig als „zu emotional“ beschrieben. Lange scheint diese Beschreibung eindeutig. In einem Gespräch fragt jemand genauer nach und unterscheidet zwischen Ärger, Verletzung, Sorge und Engagement.
Plötzlich verändert sich die Situation. Was zuvor unter einer einzigen Kategorie zusammengefasst war, wird differenzierter wahrnehmbar. Die Kollegin erscheint nicht mehr einfach als emotional. Ihr Ärger verweist auf eine Grenzverletzung, ihre Sorge auf ein Risiko und ihr Engagement auf die Bedeutung, die das Projekt für sie besitzt.
Die Situation hat sich kaum verändert. Durch feinere Unterschiedsbildung ist eine andere Wirklichkeit sichtbar geworden.
ICH · Für mich
Welche Unterschiede bilde ich sehr schnell und selbstverständlich?
Wo fasse ich verschiedene Erfahrungen zusammen, obwohl eine feinere Unterscheidung hilfreich wäre?
Welcher neue Unterschied könnte mir helfen, eine Situation genauer wahrzugeben?
WIR · Zwischen uns
Welche Unterschiede machen wir in unserem Miteinander sichtbar?
Wo benutzen wir dieselben Wörter für sehr unterschiedliche Erfahrungen?
Wie können feinere Unterscheidungen unser gegenseitiges Verstehen erweitern?
ALLE · Für Organisationen
Welche Unterschiede werden durch unsere Sprache und Strukturen hervorgehoben?
Was können wir in unserer Organisation bislang nur schwer unterscheiden?
Welche neuen Unterscheidungen könnten Entwicklung besprechbarer machen?