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Leitunterscheidung
Was ist Welt? · Sein und Wirklichkeit

Leitunterscheidung

Wir können nicht alles zugleich unterscheiden. Deshalb organisiert sich unser Erleben entlang jener Unterschiede, die für uns besonders bedeutsam geworden sind.

Auf den Punkt

Eine Leitunterscheidung ist eine grundlegende Unterscheidung, durch die wir Wirklichkeit bevorzugt wahrgeben, ordnen und mit Bedeutung versehen.

Wenn wir emergetisch schauen …

… entsteht Wirklichkeit nicht dadurch, dass wir eine vollständig gegebene Welt einfach abbilden. Wir unterscheiden fortwährend: wichtig und unwichtig, sicher und gefährlich, richtig und falsch, zugehörig und fremd, erfolgreich und erfolglos, stimmig und unstimmig. Durch solche Unterschiede erhält unser Erleben Kontur.

Nicht jede Unterscheidung besitzt dabei dieselbe Bedeutung. Manche werden zu Leitunterscheidungen, weil sie unser Wahrgeben besonders stark organisieren. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit, beeinflussen unsere Bewertungen und prägen, welche Handlungsmöglichkeiten wir erkennen. Häufig wirken sie so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken.

Leitunterscheidungen entstehen aus Erfahrungen, Beziehungen, sozialen Erwartungen, Sprache und Haltung. Ein Mensch, der früh gelernt hat, sich vor allem über Leistung zu orientieren, kann Situationen bevorzugt entlang von erfolgreich und erfolglos wahrgeben. Ein anderer richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf Zugehörigkeit und Ausschluss, ein dritter auf Selbstbestimmung und Fremdbestimmung.

Mit Haltungserweiterung verändern sich auch Leitunterscheidungen. Frühere Unterschiede verschwinden nicht, verlieren jedoch ihre ausschließliche Führungskraft. Zusätzliche Unterscheidungen werden wahrnehmbar und können miteinander in Beziehung gesetzt werden. Dadurch erweitert sich die Wirklichkeit, die wir erleben und gestalten können.

Eine Leitunterscheidung ist deshalb weder richtig noch falsch. Sie ist eine Form der Orientierung, die bestimmte Aspekte der Welt sichtbar macht und andere zunächst im Hintergrund hält. Entwicklung beginnt häufig dort, wo wir bemerken, dass eine bisher leitende Unterscheidung nicht mehr ausreicht, um eine neue Erfahrung angemessen wahrzugeben.

Erlebbar wird das, wenn …

Eine Führungskraft beurteilt Konflikte lange vor allem danach, wer recht hat und welche Lösung sachlich richtig ist. Diese Unterscheidung hilft ihr, Entscheidungen schnell zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. In einem zunehmend komplexen Führungsteam merkt sie jedoch, dass Konflikte trotz guter Lösungen wiederkehren.

Erst als sie beginnt, zusätzlich danach zu fragen, welche Perspektiven, Bedürfnisse und Beziehungen in einem Konflikt wirksam sind, verändert sich ihr Blick. Die frühere Unterscheidung zwischen richtig und falsch bleibt verfügbar, führt ihr Wahrgeben jedoch nicht mehr allein. Neue Leitunterscheidungen erweitern ihren Möglichkeitsraum.

ICH · Für mich

Welche Unterschiede bestimmen besonders stark, wie ich Situationen bewerte?

Welche Leitunterscheidung erscheint mir so selbstverständlich, dass ich sie kaum noch bemerke?

Welche zusätzliche Unterscheidung könnte meinen Blick erweitern?

WIR · Zwischen uns

Welche Leitunterscheidungen prägen unsere Beziehung oder Zusammenarbeit?

Wo geraten unterschiedliche Formen des Unterscheidens miteinander in Spannung?

Wie können wir unsere Leitunterscheidungen besprechbar machen, ohne sie sofort bewerten zu müssen?

ALLE · Für Organisationen

Welche Leitunterscheidungen prägen unsere Kultur?

Wonach unterscheiden wir Erfolg, Leistung, Verantwortung oder Zugehörigkeit?

Welche neuen Unterscheidungen könnten den Möglichkeitsraum unserer Organisation erweitern?

Leitunterscheidungen geben unserem Wahrgeben Richtung und bestimmen damit wesentlich, welche Wirklichkeit für uns sichtbar wird.