Eigenbestimmung
Auf den Punkt
Eigenbestimmung bezeichnet die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen und Handeln zunehmend an selbst entwickelten Werten, Überzeugungen und Entscheidungen auszurichten.
Wenn wir emergetisch schauen …
… entsteht Eigenbestimmung nicht unabhängig von anderen Menschen. Wir entwickeln uns immer in Beziehungen, sozialen Ordnungen und kulturellen Zusammenhängen, die uns prägen und Erwartungen an uns richten. Lange orientieren wir uns selbstverständlich daran, was als richtig gilt, was von uns erwartet wird oder welche Rollen wir erfüllen sollen.
Mit wachsender Eigenbestimmung wird die eigene innere Position deutlicher. Wir beginnen, übernommene Regeln, Erwartungen und Selbstverständlichkeiten zu prüfen und eigene Maßstäbe dafür zu entwickeln, wie wir leben, arbeiten und Beziehungen gestalten möchten. Dadurch verändert sich unser Verhältnis zu Autorität: Orientierung kommt zunehmend auch aus uns selbst.
Eigenbestimmung erweitert damit den Spielraum zwischen äußerer Erwartung und eigener Antwort. Wir können dazugehören, ohne jede Erwartung erfüllen zu müssen, und Verantwortung übernehmen, ohne unsere Entscheidungen ausschließlich durch Zustimmung anderer abzusichern.
Diese neue Freiheit bringt zugleich eine eigene Spannung mit sich. Wer selbst bestimmen möchte, muss Entscheidungen treffen, deren Folgen mittragen und aushalten können, dass andere zu anderen Einschätzungen gelangen. Eigenbestimmung kann sich deshalb übersteigern, wenn Selbstständigkeit zur Abgrenzung wird und die eigene Position kaum noch durch Beziehung, Resonanz oder andere Perspektiven berührbar bleibt.
Erlebbar wird das, wenn …
Eine Mitarbeiterin bekommt nach vielen erfolgreichen Jahren ein Angebot für eine Führungsposition. Ihr Umfeld gratuliert bereits, bevor sie selbst entschieden hat. Die Beförderung gilt als logischer nächster Schritt, und lange hätte sie vermutlich zugesagt, weil Karriere für sie bedeutete, solche Möglichkeiten zu nutzen.
Diesmal merkt sie, dass sie die neue Aufgabe genauer prüfen möchte. Sie fragt sich, welche Verantwortung sie wirklich übernehmen will, wie sie arbeiten möchte und was ihr gegenwärtig wichtig ist. Nach einigen Gesprächen entscheidet sie sich gegen die Position und für eine andere berufliche Entwicklung.
Die entscheidende Veränderung liegt weniger in der Absage als darin, dass sie ihren eigenen Maßstab dafür entwickelt hat, was für sie ein sinnvoller nächster Schritt ist.
ICH · Für mich
Welche Entscheidungen treffe ich aus eigener Überzeugung?
Wo orientiere ich mich noch stärker an Erwartungen als an meinen eigenen Maßstäben?
WIR · Zwischen uns
Wie können wir Eigenständigkeit ermöglichen, ohne Verbindung zu verlieren?
Wo erwarten wir voneinander Zustimmung oder Anpassung?
Wie gehen wir damit um, wenn unsere eigenen Entscheidungen unterschiedliche Richtungen einschlagen?
ALLE · Für Organisationen
Welche Strukturen stärken eigenständiges Denken und Entscheiden?
Wo erzeugt unsere Kultur vor allem Anpassung an bestehende Erwartungen?
Wie können gemeinsame Orientierung und individuelle Eigenbestimmung miteinander verbunden werden?